YOUKI Festival in Wels: Im Jugendkulturrausch

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18.06.2014 | 10:43 | Tamara Tanasijevic

Das Jugendmedienfestival YOUKI ist internationaler Treffpunkt von und für junge Menschen, die Kultur nach ihrem eigenen Verständnis machen. Welche Hürden dabei zu bewältigen sind und warum Wels als Austragungsort ein schwieriges Pflaster ist.

Als Österreichs größtes, internationales Jugendmedienfestival ist YOUKI aus dem Kulturleben von Wels nicht mehr wegzudenken. Seit 1999 bietet das popkulturelle Format seinem Publikum ein abwechslungsreiches Programm mit Workshops, Medienprojekten, Musikveranstaltungen und vielem mehr. Highlight des Festivals ist der internationale Filmwettbewerb, der jährlich rund achtzig Kurzfilme junger RegisseurInnen zwischen zehn und 26 Jahren präsentiert. Das Besondere an YOUKI ist, dass die Festivalorganisation und -planung ausschließlich von jungen Menschen übernommen wird, die zugleich auch die Zielgruppe ausmachen. Es ist die erste Plattform dieser Art in Österreich, die gezielt den Austausch zwischen jungen Film- und MedienmacherInnen aus aller Welt fördert.

Internationalen Charakter besitzt auch die Bevölkerung in Wels: Mit 28 Prozent weist die Stadt den höchsten MigrantInnenanteil oberösterreichweit auf. Konkrete Maßnahmen zur Einbeziehung dieser großen Bevölkerungsgruppe gibt es im Kulturbereich allerdings kaum. Strukturelle Diskriminierungen stehen auch hier an der Tagesordnung. Doch wie äußert sich dieser bedrückende Umstand im emanzipatorischen Umfeld des YOUKI-Festivals, das in Sachen Jugend und Kultur Pionierarbeit leistet?

Festivals als Arbeitsplatz?

YOUKI ist nicht nur ein jährlicher Höhepunkt im Kulturtreiben von Wels, sondern schafft auch einen Einstieg für Jugendliche in die eher schwer zugänglichen Berufsfelder von Kunst, Kultur und Medien. “Es gibt eine Menge freiwilliger ehrenamtlicher Arbeit, die jedoch nicht ‘unfreiwillig freiwillig’ passiert”, erzählt Peter Schernhuber, eine Hälfte des Leitungsduos. Zwar sei man nicht in der Lage, sich selbst oder das Team finanziell adäquat zu entlohnen. Dennoch würden viele Jugendliche von ihrer Mitarbeit profitieren, da das Festival als “Probierraum zur Umsetzung eigener Projekte” diene und auch als Teil der “schulischen und universitären Ausbildung” genutzt werden könne.

Auch Schernhuber und sein YOUKI-Kollege Sebastian Höglinger müssen nebenher einer Lohnarbeit nachgehen, um das Festival überhaupt zu ermöglichen. Das Fortbestehen von YOUKI verdanken die beiden Macher vor allem ihren guten Kontakten sowie der Unterstützung ihrer Eltern. “Von den EntscheidungsträgerInnen war es mutig, uns ein Festival anzuvertrauen, dass zehn Jahre zuvor vom etablierten Kulturmanager Hans Schoiswohl, der viel zu früh verstarb, gegründet wurde”, bemerkt Sebastian Höglinger. “Für viele waren wir nicht die logische und bequeme erste Wahl, sondern ein tatsächlicher Generationenwechsel.”

Diskriminierungen im Kulturbetrieb

Diese Generationenablöse trug 2009 zu einer Gesamtverjüngung der Festivalleitung bei, der YOUKI-Vorstand wurde durch drei junge Männer Mitte zwanzig ersetzt. Angesprochen auf die Geschlechterverhältnisse bei YOUKI, erklärt Peter Schernhuber: “Das war ein offenkundiges, von uns auch artikuliertes Problem.” Mittlerweile ist das Kernteam des Festivals paritätisch besetzt, mit Anna Spanlang als künstlerische Leiterin des Filmwettbewerbs wurde eine führende Position von einer Frau übernommen. MigrantInnen sind hier (noch) abwesend. “Es war und ist uns ein Anliegen, die Situation stetig zu verbessern”, betont Sebastian Höglinger.

Strukturelle Diskriminierungen im Kulturbereich sind aber nach wie vor präsent, bestätigen die beiden YOUKI-Veranstalter: “Absurderweise wird vom Kulturbetrieb immer angenommen, er wäre besser, reflektierter oder klüger als die übrige Gesellschaft. Das ist freilich Quatsch.”
Diese traurige Realität bekräftigt auch die Studie “Audience Development – MigrantInnen als Publikum?”, die im Dezember 2013 von der Agentur brainworker in Zusammenarbeit mit dem Institut für Höhere Studien vorgestellt wurde. Den Ergebnissen zufolge sind vor allem MigrantInnen für österreichische Kultureinrichtungen als Publikum weitgehend uninteressant und werden nicht aktiv als Zielgruppe angesprochen. 55 Prozent der befragten Kulturinstitutionen sprechen sich klar gegen Managementmaßnahmen in diese Richtung aus.

MigrantInnen als Kulturpublikum

Der Ausschluss von (jungen) MigrantInnen ist im Kulturbereich also keine Seltenheit, sondern Realität. In einer Stadt wie Wels, die ihrer migrantischen Bevölkerung zumeist mit negativen Ressentiments entgegentritt, gestalten sich Gegenstrategien als besonders diffizil. “Beinahe täglich begegnet uns in der Stadt der ideologische und diskrimierende Begriff der ‘Ausländerdebatte'”, so Schernhuber und Höglinger. “Die Diskussionen, um die es eigentlich geht, sind gerade in Wels sehr schwierig und komplex.”

Nichtsdestotrotz bemüht sich YOUKI, unterschiedliche Zugänge für das Publikum zu schaffen – zum Beispiel über Lehrlingsprojekte, um Jugendliche aus verschiedenen sozialen Kreisen anzusprechen und einzubinden. Darüber hinaus versucht das YOUKI-Team mit seinem hedonistischen Anspruch an das Festival, vor allem durch Partys und Konzerte möglichst “breitenwirksam” aufzutreten. Doch de facto, beklagen Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger, könne man im Rahmen eines fünftägigen Festivals schwierig bis unmöglich “bildungsfernere Jugendliche, ganz unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund”, erreichen. Dabei handle es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem der oberösterreichischen Kleinstadt, die ihr “Zusammenleben nicht gebacken kriegt”. Eine soziale Debatte wäre demnach längst fällig, wie Schernhuber feststellt.

Während die Stadt Wels und andere Institutionen der “Hochkultur” mit der Inklusion von MigrantInnen noch ihre Schwierigkeiten haben, ist YOUKI hier schon weiter. Zum Festivalpublikum würden “ganz und vollkommen selbstverständlich” auch migrantische Jugendliche zählen, sind sich die YOUKI-Organisatoren einig. Bei einer Veranstaltungsreihe zum Schwerpunkt Jugend- und Popkultur seien Diversität und Transkulturalität “immanente Kernthemen”. Das liege auch daran, dass die meisten YOUKI-MitarbeiterInnen jung (Mitte bis Ende zwanzig) und in vielfältigen kulturellen Settings sozialisiert worden sind. “Das Festival ist seit Jahren darum bemüht, klassische, oft auch wertkonservativ betriebene Vermittlungsarbeit um queere, feministische, antirassistische oder (medien-)philosophische Diskussionen zu bereichern”, erzählt das YOUKI-Duo. Diese Themen werden dabei weniger explizit angesprochen, sondern formulieren sich vielmehr über die Film- und Programmauswahl, die Einladungspolitik der Gäste, die Kommunikation/Sprache und das egalitäre Miteinander im Festivalbetrieb.

Kulturbegriff neu

Als kulturelles Event definiert YOUKI seinen Begriff von “Kultur” selbst. In der unkomplizierten Annäherung von Kulturproduktion, Jugendkultur und gesellschaftlicher Diversität wird mit dem traditionellen Verständnis von Kultur als “nationaler Hochkultur” gebrochen: “Als Jugendkulturfestival hat für uns prinzipiell alles Relevanz, was für Jugendliche wichtig ist.” Als Referenz dienen hierbei Erkenntnisse der Cultural Studies, in der Kultur als Alltagspraxis verstanden und behandelt wird. Das ermöglicht wiederum, Phänomene zu diskutieren, bei denen Jugendliche in den öffentlichen Debatten nur selten selbst zu Wort kommen. So wurden Themen wie “Rausch” und “Teenager in Love” zu Schwerpunktthemen bei den jüngsten Festivalausgaben von YOUKI. “Bei letzterem Thema ging es auch stark um die Frage, wer wen lieben ‘darf’ und wie es um das Verhältnis von gesellschaftlicher Normierung und Liebe bestellt ist”, erklärt Peter Schernhuber.

Die hohe Sensibilität für Inhalte, die von der Mehrheit der kulturbildenden Institutionen links liegen gelassen werden, macht das YOUKI-Festival – vor allem im Kontext von Wels – so bemerkenswert. Die Fähigkeit zur (selbstkritischen) Reflexion, kombiniert mit dem uneingeschränkten Interesse an jugendrelevanten Themen, wird hoffentlich auch weiterhin den Erfolg des Festivals garantieren.

Die nächste Ausgabe des YOUKI-Festivals findet vom 18. bis 22. November 2014 in Wels statt.

(migrazine.at, Ausgabe 2014/1, “Im Jugendkulturrausch“)


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