Rezension: „Muslime in Österreich“: Sachlich und unaufgeregt

Buchcover-Muslime-in-oesterreich - ©tyrolia.at
ZUM BUCH:
  • Muslime in Österreich
  • Geschichte - Lebenswelt - Religion. Grundlagen für den Dialog
  • von Susanne Heine; Rüdiger Lohlker; Richard Potz
  • 296 Seiten;
  • 2012 Tyrolia
  • ISBN 978-3-7022-3025-8
 
Biografische Anmerkung zu den Verfassern
  • Univ.-Prof. Dr. SUSANNE HEINE, geb. 1942, seit 2011 emeritierte Prof. für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Einer ihrer langjährigen Forschungsschwerpunkte ist der interreligiöse Dialog mit dem Islam. Sie ist Mitglied verschiedener einschlägiger Gremien und Leiterin eines Forschungsprojektes zum Vergleich Islam-Christentum.
  • UNIV.-PROF. DR. RÜDIGER LOHLKER, geb.1959, lehrt Islamwissenschaften an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte seiner Arbeit bilden u. a. islamisches Denken in der Moderne und islamisches Recht.
  • UNIV.-PROF. DR. RICHARD POTZ, geb. 1943, lehrt Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte sind österreichisches und europäisches Religionsrecht bzw. die Rechtsvergleichung hinsichtlich religiöser Rechte.
  Quelle: tyrolia

13.08.2012 | 11:20 | Amin Elfeshawi

In einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung setzen sich drei renommierte UniversitätsprofessorInnen aus den Bereichen Theologie, Orientalistik und Rechtswissenschaften mit der Religion, der Lebenswelt und der Geschichte der Muslime in Österreich auseinander. 

Literatur über Österreichs Muslime gibt es zur Genüge, doch die Wenigsten  setzen sich in der gleichen Sachlichkeit mit dieser Thematik auseinander. In dem kompakten Werk von fast 300 Seiten gelingt es den AutorInnen einen Überblick über dieses komplexe Thema zu schaffen. Schlüsselbegriffe wie das mittlerweile zum Kampfbegriff mutierte Wort der „Parallelgesellschaft“ und Islamophobie, werden gleich zu Beginn des Buches in eigenen Kapiteln unvoreingenommen dargestellt und analysiert. Es folgt eine Auseinandersetzung mit der Historie Europas im Allgemeinen und Österreichs im Besonderen sowie die geschichtlichen Berührungspunkte Österreichs mit dem Islam.

Die Hintergründe der Entstehung des „Islamgesetzes“ und der Weg einer österreichisch-spezifischen Organisation der Muslime in der k.u.k.-Monarchie, erfährt der Leser genauso wie die damit einhergehenden Einflüsse auf die jetzige Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Der IGGiÖ wird ein eigenes Kapitel gewidmet, das die diffus erscheinenden Strukturen durchleuchtet. Größere und kleinere muslimische Verbände und Organisationen werden ideologisch unbefangen beschrieben. An Aktualität hat das Buch nicht verloren, es fehlt nur die Erwähnung der entstandenen Jugendabteilung der Glaubensgemeinschaft, welche in Form des „Jugendrat der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich“ (JIGGiÖ) nach der letzten Wahl gegründet wurde.

Des Weiteren werden in eigenen Kapiteln Themenfelder aufgegriffen, die Muslime in der österreichischen Gesellschaft direkt betreffen, jedoch medial nur wenig Beachtung finden, wie etwa islamische Seelsorge oder Muslime am Arbeitsplatz. Aktuelle Konflikte, wie das Kärntner und Vorarlberger „Minarettverbot“ werden ebenso thematisiert wie prekäre nicht islamisch begründbare Phänomene wie „Zwangsheiraten“ oder „Ehrenmorde“. Diese werden auf Grundlage von aktuellen Studienergebnissen, der österreichischen Rechtslage und mit Aussagen von islamischen Gelehrten, unter die Lupe genommen. Das besonders aktuelle und für die sogenannte zweite und dritte Generation wichtige Thema der Identitätsbildung und die Radikalisierung einer Minderheit, werden ebenfalls behandelt. Zum allgemeinen Verständnis für die LeserInnen findet sich in diesem Buch ein kurzer geschichtlicher Exkurs über die Entstehung des Islams und eine Biographie des Propheten Muhammads.

Diesem Buch fehlen angenehmerweise die ideologisch begründete Aufgeregtheit und die Reduktion auf Defizite und Gefahren. Es ist ein notwendiger,  sachlicher Beitrag über ein aktuelles Thema und zwar auf einem wissenschaftlichen Niveau. Für fachkundige LeserInnen ist dieses Buch ein Muss aber auch für LeserInnen, die sich mit diesem Thema neu auseinandersetzen wollen, ist dieses Buch sehr zu empfehlen.


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