Neues Buch: Das Bier wurde in Afrika erfunden

Couverture
ÜBER DAS BUCH
  • Autorin:
NAVARA, Petra
  • Titel:
Hirse, Hopfen, Wurzelbier Vom Brauen und Brennen in Afrika
  • 208 Seiten
  • Format 15 x 24
  • Preis: 24,90 €
  • ISBN: 978385476-452-6
  • Erscheinungstermin Oktober 2014
  • Verlag: Mandelbaum Verlag
 

08.04.2015 | 10:08 | simon INOU

Die österreichische Ethnologin und neugierige Europäerin – wie sie selbst formuliert –  Petra Navara lebt mit ihrer Familie seit 2012 in Uganda. Von dort hat sie ihr aktuelles Buch “Hirse, Hopfe, Wurzelbier. Vom Brauen und Brennen in Afrika” geschrieben. Das Buch ist beim Mandelbaum Verlag im Oktober 2014 erschienen. Petra Navara geht zu den sozio-kulturellen und archeologischen Wurzeln des Brauens in Afrika zurück. Genauer gesagt in 20 afrikanischen Ländern.

210 Seiten und neun Kapiteln enthalten das Buch. Originell ist die Organisationsstruktur des Buchs. Sie ist weder nach Zahlen (Kap 1, 2,…) noch nach Regionen (Westafrika, Zentral Afrika…) aufgegliedert. Sondern nach Getränkesorten. So finden wir z.B. Kapitel wie Hirsen, Mais, Palmen, Wurzeln, Honig ….Getränkesorte basierend auf diesen sind in ganz Afrika verbreitet. Und seit mehreren Jahrtausenden. Übrigens haben die alten AfrikanerInnen aus Ägypten weltweit zum ersten Mal begonnen Bier zu brauen. Sie buken Fladen aus Teff, einer kleinkörnigen Hirse-Art, setzten sie mit Wasser an und ließen sie fermentieren. Biere, Schnäpse, Weine aus afrikanischen Ländern basieren auf vielfältigen Zutaten mit Basisrohstoffen wie  Cassata-Wurzeln, Kochbananen, Mais, Beere, Blumen, Zuckerrohr, Palmensaft, Honig etc…. im Buch finden wir sogar ein einfaches Rezept zur Herstellung von Ingwerbier (S. 169).

Wir haben mit Frau Navara ein E-mail Interview durchgeführt. Sie erzählt mehr über sich, ihr Buch,  traditional brews und Alkoholkonsum in Afrika.

M-MEDIA: Wer ist Petra Navara und seit wann lebt sie in Uganda?
Petra Navara: Die Frage, wer ich bin, stelle ich mir selber immer wieder, denn seit ich dem Alltag der Entwicklungszusammenarbeit österreichischer NGOs, für die ich über 20 Jahre gearbeitet habe, nicht mehr angehöre, bin ich nur noch eine neugierige Europäerin, die vor langer Zeit einmal Ethnologie und Afrikanistik studiert hat. Meine Neugier konnte ich nun – frei von beruflichen Verpflichtungen und zeitweilig in eine neue Umgebung verpflanzt – voll ausleben: Ich habe in den drei Jahren, die ich mit meiner Familie in Uganda lebe, unglaublich viel gesehen, erfahren und gelernt!

Warum Bier/Alkohol als Thema für ein Buch? Motivation, ein Buch zu machen
Schon vor der Übersiedlung nach Kampala bin ich viel in Afrika gereist, privat und beruflich. Wo auch immer ich hinkam, hab ich gegessen, was in der Region üblich ist. Aber warum sollte ich dazu Coke oder Heinecken trinken? Gerade in den ländlichen Gebieten sind lokale Getränke zu finden, und natürlich gibt es traditionelle alkoholische Getränke. Nur: die drängen sich nicht auf, die muss die Reisende erfragen. Ich wurde reich belohnt! In jedem Land, jeder Provinz und jedem Dorf hab ich Neues kennengelernt, gekostet und vielleicht ein bisschen etwas von der gesellschaftlichen Bedeutung des brews erfahren. Irgendwann hab ich versucht, Literatur über traditional brews zu finden, so etwas wie ein Standardwerk zu Alkoholika in Afrika  – ohne Erfolg, das gibt es bis heute nicht. Aber ich hab eine Menge Beiträge gefunden, die das Thema anschneiden. Mich hat das Thema nicht mehr losgelassen, nachdem ich in Uganda fast alle alkoholischen Getränke versammelt wiederentdeckt habe, die ich irgendwo am Kontinent schon einmal probiert hatte. Außer dem Palmwein, den gibt es nur entlang der Küsten. Aber Sorghum- und Hirsebier, Bananen- und Honigwein, Zuckerrohr- und Wurzelschnaps, das alles wird in diesem kleinen, an Ethnien reichen Land im Dorf produziert. Und jetzt, als ich Zeit und Muße hatte, konnte ich den Geschichten, Rezepten und Zusammenhängen nachgehen. Das Buch habe ich aus Neugier geschrieben und der Mandelbaum verlag hat Interesse daran gezeigt.

Hat das Biertrinken wo Sie leben (Uganda) eine Soziale Rolle?
Bier-Trinken – Alkohol-Trinken im Allgemeinen – war und ist in jeder Gesellschaft immer auch ein sozialer Event. Kein Fest ohne Alkohol, das kennen wir aus unserer mitteleuropäischen Tradition. Daneben gibt es in jeder Gesellschaft mehr oder weniger die Trinkerei gegen Langeweile oder Hoffnungslosigkeit, das Koma-Saufen der Jungen, das heimliche Trinken u.s.w. Ich möchte keinesfalls das Klischee nähren, in afrikanischen Ländern würde nur zum höheren Zweck zur Flasche bzw. Kalebasse gegriffen! Das wäre grundfalsch. Der Unterschied liegt darin, dass die Herstellung der Alkoholika für eine Hochzeit oder religiösen Zeremonie in den ländlichen Regionen nicht anonym von der Industrie erfolgt, sondern in den Familien, die sich an die alten Rezepte und Regeln halten. In diesen Regeln spiegeln sich Werte, Rollenverständnis, gesellschaftliche Bezüge innerhalb eines Klans oder zwischen den Klans etc. wider. Die gesellschaftliche Bedeutung des brews liegt also nicht im Trinken, sondern im Brauen.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Bier in Österreich und Uganda?
Vergleichen wir ‚Industriebier‘ aus Österreich und Uganda, können wir feststellen: Jeder findet etwas nach seinem Geschmack. Auch in Uganda finden wir klassische Biere aus Gerstenmalz und Hopfen, leichte Sorten aus Mais, süße Sorten – in diesem Fall aus Sorghum, konservative Rezepturen und innovative Kreationen, Eigenmarken, in Lizenz gebraute und importierte. Wer Unterschiede sucht, muss sich dem Wein zuwenden. Da kann Uganda mangels Trauben nicht gegen Österreich antreten. Und zum Schnaps ist zu sagen: Ugandischer Sprit könnte erstklassig sein, denn hier wachsen jede Menge Rohstoffe, die sich ausgezeichnet zum Brennen eignen. Das Problem ist die Qualität in der Herstellung. Die Leute brennen die Maische nur einmal und bei zu niedriger Temperatur. So entsteht gefährlicher Fusel statt hochwertigem Wodka oder Cachaca.

Laut Statistik trinken AfrikanerInnen zu viel, viel mehr als EuropäerInnen ausländische Produkte
Wenn The Times schreibt, die AfrikanerInnen tränken zu viel, haben sie die WHO-Studien nicht gelesen. Die Europäer und Russen trinken deutlich mehr… Wahr ist, dass der Alkoholkonsum in Afrika steigt, vor allem der Konsum von Spirituosen und industriell hergestellten – zumeist in Lizenz von ausländischen oder multilateralen Konzernen gebrauten – Bieren. Was die Grafik der WHO aber auch zeigt, ist der nach wie vor sehr hohe Anteil an traditionellen brews. Verglichen mit älteren Erhebungen zeichnet sich ein Trend zur Markenware in jenen Ländern ab, die eine signifikante wirtschaftliche Entwicklung aufzeigen.  Der Vergleich zeigt auch, dass in Regionen, die schwer von Arbeitslosigkeit und Armut gezeichnet sind, mehr Hochprozentiges getrunken wird und das ‚Soziale-miteinander-Bier-trinken‘ im Hintergrund steht.  Und schließlich sagen Statistiken nicht alles: Wir wissen nicht, was und wie viel in der Geschichte der einzelnen Gesellschaften getrunken wurde. Sowohl die Mythologie westafrikanischer Gesellschaften als auch Berichte europäischer Reisender lassen darauf schließen, dass man der profanen Trinkerei nie abgeneigt war.

Gibt es vielleicht Austro-afrikanische Joint Ventures bei der Herstellung von Alkohol?

hab ich keine gefunden, ich habe auch nicht gezielt danach gesucht. Es ‚fehlt‘ überhaupt sehr vieles in diesem Buch, denn es repräsentiert nur einen ganz kleinen Ausschnitt der Realität.

Wird der traditional brew aussterben?, wenn die Multis zu stark werden bzw. die afrikanischen Gesellschaften urbaner  werden?
Darüber können wir nur spekulieren. Schauen wir uns die europäische Geschichte an, müssen wir die Frage mit einem zaghaften ‚Ja‘ beantworten. Denn auch in Europa haben die Frauen im Dorf das Bier für den Hausgebrauch gebraut, bis die Industrialisierung diese Tradition abgestellt haben. Andererseits: Afrika geht seine eigenen Wege. Die Versuche, traditional brews haltbar zu machen und so ihre Vielfalt trotz Industrialisierung zu erhalten, finde ich sehr begrüßenswert.

 


ein Kommentar

  • Sybil Amber

    Hat schon jemand Nigel Barley's Buch "Traumatische Tropen" gelesen? Da gibt es lustige Beschreibungen über bierähnliche Getränke enjoyments. Geschrieben um 17. September 2015 um 20:12 Antworten

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