„Stachelschweins Memoiren“: Aberglaube und Vorurteile

Das Buch Cover
ZUM BUCH:
  • Alain Mabanckou
  • STACHELSCHWEINS MEMOIREN
  • aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
  • Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2011
  • ISBN 978-3-935890-81-6
  • www.liebeskind.de
  • 2 Exemplare sind hier zu verlosen:
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27.01.2012 | 9:00 | Elisabeth Ndokwu

Unter einem Affenbrotbaum werden gern Geschichten erzählt. Der Baobab spendet nicht nur Schatten, es heißt, dieser Baum sei ein besonders guter Zuhörer. Selten kommt es vor, dass ein Stachelschwein unter einem Baobab sitzt und die Geschichte seines Lebens erzählt: Jeder Mensch hat einen Doppelgänger im Tierreich. Dieser Doppelgänger begleitet und dient dem Menschen ein Leben lang, als Gegenleistung wird das Tier mit Nahrung versorgt. Der gemeinsame Tod ist die Konsequenz dieses symbiotischen Daseins.

Kibandi, ein Zimmermann, ist der Mensch, dem das Stachelschwein am nächsten steht. Es ist sein Doppelgänger, genau betrachtet, der schädliche Doppelgänger. Schädliche Doppelgänger führen sämtliche Befehle aus, im Besonderen die grausamen Befehle. Der Alltag in den Dörfern von Kongo/Brazzaville, in denen sich Kibandi ansiedelt, wird zu einer blutigen Angelegenheit.  Kibandi beseitigt durch die Hilfe des Stachelschweins alle Personen, ob jung oder alt, die sich in seinen Augen als Widersacher erweisen. Als Kibandis Ende naht, flieht das Stachelschwein und überlebt gegen die Gepflogenheiten der Überlieferungen.

Der Aberglaube in all seinen Facetten ist eines der großen Themen im literarischen Schaffen von Alain Mabanckou. In vielen Regionen des afrikanischen Kontinents ist der Glaube an Geister und Zauberei so tief im Alltag verwurzelt wie ein Baobab. Die unmittelbaren Auswirkungen des Aberglaubens in all seiner Konsequenz manifestieren sich in den gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Die Erzählung des Stachelschweins wird so zu einer Schilderung einer vermeintlichen dörflichen Idylle, in der jedes Lebewesen seinen Platz einnimmt. Menschliche Eigenschaften wie Neid, Missgunst und Gewaltbereitschaft werden aus der Perspektive eines Stachelschweins in all ihrer Absurdität und Grausamkeit geschildert.

Bereits 2006 ist Alain Mabanckous Roman „Stachelschweins Memoiren“ in Frankreich  erschienen und mit dem renommierten Prix Renaudot ausgezeichnet worden. Das französische Original erschien ohne Interpunktionen, ein ungewöhnliches Leseerlebnis, das die atemlose Erzählung auch formal unterstreicht.

Die Literaturkritiken von „Stachelschweins Memoiren“ im europäischen Raum werden gern mit der Prämisse eingeführt, dass dies eine Parodie auf den Aberglauben in Afrika sei. Alain Mabanckou zählt zu den fabulierfreudigsten Autoren des Kontinents und seine ironische Distanz zu seinen Protagonisten ermöglicht einen großen Interpretationsspielraum.

Mit einem philosophierenden und reflektierenden Stachelschwein beschreibt Alain Mabanckou wie hohl und sinnlos Gewalt und Schrecken sein können. Dieses Stachelschwein muss nicht zwingend unter einem Baobab sitzen, es kann sich unter jedem Baum der Welt verbergen und erzählen.


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