Mamadou Diabate: Balafon-Musik für die Nachwelt

Mamadou Diabate - ©mamadoudiabate.com

26.07.2011 | 21:06 | Saša Miletić

Ein österreichischer Informatiker und ein Musiker aus Burkina Faso zeichnen in einem einzigartigen Projekt die vom Aussterben bedrohte Balafon-Musik für die Nachwelt auf.

Dass Musik, welcher Art auch immer, schriftlich festgehalten wird, ist seit Langem eine Selbstverständlichkeit, über die kaum jemand mehr nachdenkt. Vieles vom musikalischen Welterbe wäre für immer verloren, hätten Komponisten wie Bartók oder Bach ihre Musik nicht zu Papier gebracht.

Trotzdem gibt es auch heutzutage noch Musik, die zu verschwinden droht: Etwa die Balafon-Musik der Sambla-, Tusia- und Siamou-Völker im westafrikanischen Burkina Faso. Das Balafon ist eine Art Xylofon, das aus hölzernen Klangstäben und hohlen Kürbissen besteht, die als Resonanzkörper wirken. Das Instrument wird nach Gehör erlernt, und die Musik ist eigentlich eine Art Sprache. Das macht es zur Herausforderung, die Töne zu notieren.

Der schwierigen Aufgabe hat sich Andreas Szabo angenommen. Als er diese Musik in Burkina Faso entdeckte, war er sofort von ihrer Schönheit begeistert. Szabo, vom Beruf Informatiker, studierte unter anderem Afrikanistik, in seiner Jugend spielte er Klavier. Er besuchte Vorlesungen über afrikanische Musik und verbrachte viel Zeit in Mali und Burkina Faso, wo er auch zwei Sprachen erlernte, um eben diese Musik richtig verstehen zu können.

Musik mit Ablaufdatum

Man erlernt das Balafon-Spiel wie die Muttersprache und kann buchstäblich damit kommunizieren. Diese Kunst droht allerdings auszusterben, da die fortschreitende Technologisierung und der steigende Lebensstandard, wie Szabo meint, das Balafon obsolet machen. Noch ist das Instrument eng mit dem Alltagsleben verbunden. Die Spieler begleiten die Bauern am Feld, unterhalten sie und geben ihnen den Rhythmus vor. Die Bauern steigen aber immer mehr auf Maschinen um und verdrängen damit die Musiker. Szabo befürchtet, dass in 20 bis 30Jahren niemand mehr diese Musik spielen wird.

Um die Musik zu verschriften, verwendet Szabo die europäische Musiknotation. Dabei arbeitet er eng mit Mamadou Diabate, einem in Wien lebenden Balafon-Spieler zusammen. Seine Familie pflegt eine lange Tradition des Balafon-Spiels. Seine erste Unterrichtsstunde gab ihm sein Vater, einer der besten Spieler der Sambla–Kultur. Als er so weit war, selbst aufzutreten, eroberte er, sowohl solo als auch mit Bands wie „Percussion Mania“ oder „Bekadia“, die Bühnen weltweit.

Doch Diabate blieb nicht im traditionellen Musikstil verhaftet. Er entwickelte sein Spiel weiter und kombinierte es mit anderen Instrumenten und Richtungen wie etwa Jazz. Diabate und Szabo leisten, von der Öffentlichkeit bisher unbemerkt, wertvolle Arbeit. Sie halten ein Stück Welterbe, das zu verschwinden droht, multimedial fest, nehmen die Musik auf und veröffentlichen sie für spätere Generationen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 27.07.2011)


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