Österreichs Blasmusikkapellen suchen Migranten

Zoltan Vass (2. von Links) mit seiner Blasmusikkapelle
Hintergrund:
  • Musik und Identität: Blasmusik wurde auch als das Radio des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Die Partituren neuer Musikstücke wurden abgeschrieben und per Dienstbote in Häuser geschickt, in denen gleich geübt wurde. Somit waren auch die ländlichen Gegenden auf dem neuesten musikalischen Stand. Später verdrängten Radio und Schallplatten diese Funktion von Blaskapellen.
  • Organisation: Der Österreichische Blasmusikverband (ÖBV) ist die Dachorganisation der Blasmusiklandesverbände der neun Bundesländer sowie der Partnerverbände in Südtirol und Liechtenstein.
 

13.06.2012 | 10:43 | Ania Haar

Die Szene hat ein traditionelles Image, zeigt sich dann aber doch sehr offen: Österreichische Blasmusikvereine sind auf der Suche nach neuen Musikern – gerne auch solche mit ausländischen Wurzeln.

Wien. Alexander Bernegger spielt Trompete. Der Musikverein Marktmusik Scharnstein Redtebacher in Oberösterreich ist seine musikalische Heimat. Doch Alexander Bernegger fällt inmitten des Orchesters doch ein wenig auf: „Ich bin der einzige Schwarze im Verein“, sagt der 15-Jährige stolz. Auf seine Hautfarbe – die Mutter kommt aus Kuba – wird er allerdings nie angesprochen. Weil es um Musik geht. Punkt. Er fühlt sich rundum wohl und wird von anderen Mitgliedern geschätzt. „Man hat hier eine Gemeinschaft“, fügt die junge Musikerin Katharina Sieberer hinzu, „auch mit Älteren“.  Solche Kapellen sind rar.

„Wir haben telefonische Umfragen gemacht und festgestellt, dass es sehr wenige Menschen mit ausländischen Wurzeln oder Migranten in den Musikvereinen gibt“, sagt Alois Loidl, Vizepräsident des Österreichischen Blasmusikverbandes (ÖBV). „Leider.“ Er habe selber türkische und russische Musiker zu den Proben mitgenommen, doch seien die bald wieder weggeblieben. „Kein Interesse“, meint Loidl und vermutet kulturelle Hintergründe. Anders schaut es mit ungarischen Musikern im Burgenland aus, die schon allein wegen der geografischen Nähe vereinzelt in den Vereinen vertreten sind.

2300 Musikkapellen

„Wir sind derzeit am Überlegen, wie wir diese Menschen zu uns holen“, sagt Loidl. Gerade auf dem Land sei das Mitspielen in einer Kapelle für das Zusammenleben und den Kontakt zur Gemeinschaft wichtig. In den 2300 Musikkapellen des Landes spielen derzeit rund 106.000 Musiker; 42 Prozent davon sind unter 24 Jahre alt. Der Frauenanteil beträgt 26 Prozent – Tendenz steigend.

„Es muss ein Blasmusikinstrument beherrscht werden“, sagt Reinhold Nowotny, Kapellmeister bei den Original Hoch- und Deutschmeistern in Wien. „Die Herkunft spielt überhaupt keine Rolle.“ Einige Zeit spielte ein ukrainischer Schlagzeuger mit in der Blaskapelle, der sein Engagement aber aus beruflichen Gründen wieder beenden musste. Derzeit hat man mit Zoltan Vass einen ungarischen Musikstudenten in der Kapelle – er spielt Waldhorn.

Auch bei ihm spielen seine Wurzeln keine Rolle, andere Werte sind entscheidender. „Jeder muss mit jedem gut auskommen können“, sagt Nowotny. Es gebe zwar einige Musiker, die sehr gut spielen würden, aber mit den anderen können sie nicht mitspielen. Hier gelte es vor allem, jene Persönlichkeiten zu finden, mit denen man sich gut versteht. Ob das nun ein autochthoner Österreicher ist oder jemand, der seine Wurzeln in einem anderen Land hat, sei egal.

Die Frage nach fehlenden Migranten beschäftigt derzeit auch die Bundesjugendvertretung beim ÖBV. Hans Brunner hat mehrere Antworten. „Blasmusik hat einen traditionalistischen Ruf, der wird ihr aber nicht gerecht.“ Denn die Musik ist sehr breit gefächert: Von traditionellen Stücken bis hin zu Pop, Musical und Filmmusik. Und in den ländlichen Gegenden gebe es eben weniger Menschen mit Migrationshintergrund als in den Städten. Also auch weniger von denen, die infrage kämen.

Initiativen, Menschen mit Migrationshintergrund in Blaskapellen zu bekommen, gibt es einige. „Wir haben versucht, Roma-Kinder in Oberwart musikalisch zu integrieren“, sagt Brunner. Allerdings noch mit wenig Erfolg. Auf der anderen Seite geht es manchmal fast wie von selbst: Als am Tag der Blasmusik die Musiker von Haus zu Haus gingen und an der Tür der Familie Shetty standen, war die vierjährige Lakitha besonders begeistert: „Ich wollte gleich mitspielen.“

Inderin und Tracht

Gesagt, getan. Seit zwei Jahren spielt die 15-jährige Tochter indischer Einwanderer mittlerweile Klarinette im Musikverein Rohrbach an der Lafnitz in der Steiermark. Ihre Hautfarbe wundert hier niemanden, „man kennt uns“. Franz Kerschenbauer, Obmann des Musikvereins, ist begeistert von der jungen Musikerin. Die weiß-grüne Tracht, schwärmt er, komme besonders gut zur Geltung, wenn Lakitha in der ersten Reihe Klarinette spielt.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 13.06.2012)


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