Nachtleben der Serben in Wien Ottakring

Cafe Pedit - ©Mili Flener
AUF EINEN BLICK
  • Auf rund 300.000 wird die Zahl der Menschen mit serbischem Migrationshintergrund in Österreich geschätzt – inklusive der bereits Eingebürgerten. Der Großteil von ihnen lebt in Wien. Die serbische Szene ist besonders stark auf der Ottakringer Straße vertreten – aber auch die anderen ex-jugoslawischen Communitys sind hier mit Lokalen sehr präsent.
  • Szene und Musik: Besonders beliebt ist in der ex-jugoslawischen Community der „Turbofolk“, eine Musikrichtung, die sich Ende der 1970er-Jahre von Serbien aus entwickelte. Die Mischung aus traditioneller Volksmusik, Schlager, Rock, Pop und Techno war nach dem Zerfall Jugoslawiens lange mit den nationalistischen Bewegungen der Nachfolgestaaten verknüpft.

18.05.2011 | 11:55 | Ida Labudovic

Die Ottakringer Straße ist das Zentrum des serbischen Nachtlebens in Wien. Jedes Wochenende sind es Hunderte Serben, die hier in den Discos und Clubs zu Turbo- und Popfolk schwitzen.

Wien. In seiner Begleitung zahlen die Damen nicht. Eine ungeschriebene Verhaltensregel, die Petar Knežević aus Serbien, dem Heimatland seiner Eltern, kennt. Mit seinem Kosenamen Peki vermittelt der gebürtige Österreicher den Eindruck eines sanften Machos. Die Zigarette in der einen, den iPod in der anderen Hand sitzt er in seinem Lokal „Pedit“ mit ein paar Freunden zusammen.

„Ich wollte, dass mein Lokal keinen typisch serbischen Namen wie Nena oder Vanesa trägt“, erzählt der Besitzer des Pubs, das sich auf der Ottakringer Straße in Gesellschaft dutzender ähnlicher Gaststätten befindet. Ein paar hundert Meter vom Gürtel entfernt findet man sein Kaffeehaus, auf Serbisch „kafić“ genannt. Ein Schild vor dem Lokal preist den berühmten serbischen Šljivovica an, einen Pflaumenschnaps, den Serben zu Hause selbst brennen. Gegenüber der Eingangstüre läuft auf einem Bildschirm eine Sendung mit serbischer Volksmusik.

Singen über unerfüllte Liebe

Heute gibt es im „Pedit“ zwei Anlässe zu feiern: Peki hat vor Kurzem in Belgrad ein eigenes Musikvideo aufgenommen. Und sein Bruder Gogi Knežević, Kampfname „Lionheart“, wurde Boxweltmeister in der Kategorie Mittelgewicht. „Wir haben die ganze Nacht hier den Sieg meines Bruders gefeiert“, sagt Peki. Gojko Knežević boxt nicht nur. Neben dem Sport widmet er sich auch der von der SPÖ initiierten „Aktion gegen Gewalt“.

Als nächstes zeigt Peki seinen eigenen Auftritt auf Video. In seinem Lied „Škorpija“ singt er über die unerfüllte Liebe: „Das gilt aber nicht für mein echtes Leben“, meint er lachend. „In Serbien haben die Gefühle eine große Bedeutung: Man freut sich sehr, und man leidet sehr. Eine Mittelmäßigkeit bei Gefühlen gibt es nicht.“ Diesen großen Gefühlen gilt die Musik, die Knežević macht und die er „Popfolk“ nennt. Es geht darum, Gefühle zu zeigen – und ihre Überdimensionalität zu unterstreichen.

Popfolk ist genau das: eine Mischung aus ex-jugoslawisch geprägter Popmusik, deren Wurzeln bis in die 1970er und 1980er reichen, und Anleihen aus dem Folk beziehungsweise der serbischen Volksmusik. Der Pop-Teil zeichnet sich vor allem durch moderne Produktionsweise, Beats und elektronische Instrumente aus, die Folk-Komponente schwingt in der Melodie mit. Und natürlich in den Themen, die in Popfolk-Liedern behandelt werden.

In besagtem „Škorpija“-Video etwa geht es um eine unglückliche Liebe, die durch die Natur der Liebenden verhindert wird, durch deren Sternzeichen. Das passt genau ins Konzept. Popfolk wird auch als Antwort auf Turbofolk verstanden – diese Musikrichtung vermischt ebenfalls Popelemente mit Volksmusik, das jedoch auf eine ästhetisch „brutale“ Art und Weise. Turbofolk ist dem Folk eigentlich auch näher, was den Klang betrifft.

Neue Serbische Welle

Songs wie „Škorpija“ kann man stellvertretend für eine neue Welle in der musikalischen Massenproduktion Serbiens und des gesamten Balkans sehen. In der Ottakringer Straße, der sogenannten Balkanmeile, wimmelt es von Postern der Szenestars, die diverse Clubs bespielen. Den Stadtteil prägen diese Musik und der Popfolk-Turbofolk-Lifestyle. Es ist eine charmante, trashige Atmosphäre. Die einen begeistert sie. Die anderen stößt sie ab.

Zwar steht diese Art der Massenkultur, wie sie in der Ottakringer Straße stattfindet, nicht stellvertretend für alle Migranten aus Serbien. Doch jedes Wochenende sind es Hunderte, die hier in den Discos und Clubs zu Turbo- und Popfolk schwitzen. In dieser Szene zeigt man einander, wie man sich fühlt, wie man ist. Und das ist nicht nur für die Serben typisch, sondern für die gesamte ex-jugoslawische Community.

Gefährliche Sportübertragungen

Kneževićs Eltern sind in den Siebzigerjahren nach Wien gekommen und haben mehrere Lokale eröffnet. Mit ihrer Unterstützung ist Petar seit seinem 18. Lebensjahr in der Gastronomie tätig. Seit etwas mehr als einem Jahr besitzt er mit seinem Bruder ein eigenes Lokal, in dem sich Freunde regelmäßig treffen. Karaoke-Abende finden am Freitag und am Samstag statt, „dann ist es so voll, dass die Leute vor der Tür stehen“, beschreibt Kneževićs Freund Bojan Ilić seine liebste Freizeitbeschäftigung.

„Seit immer schon“, erzählt er, kommt er mit seinem Freund Kristian Mijučić auf die Ottakringer Straße, „um zusammen zu sein, zu plaudern, zu feiern und einander zu helfen. Hier sind wir weg vom Alltag.“

Sie alle fühlen sich in der Ottakringer Straße sicher. „Die einzige Gefahr, dass hier etwas passiert, besteht während der Sportübertragungen“, sagt Ilić. „Wir feiern gerne unsere Siege, aber manchmal verlieren die Leute unter dem Einfluss von Alkohol ihre Kontrolle“, meint Mijučić. Abgesehen davon ist es friedlich. Das bestätigt auch eine Österreicherin, die das Lokal mittlerweile regelmäßig besucht: „Seitdem ich die Serben persönlich kennengelernt habe, habe ich keine Angst mehr, wie ich sie früher hatte.“

 


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