Autoren: Zugewandert, auf Deutsch erfolgreich

Susanne Gregor - ©Petra Öllinger
Podiumsdiskussion: 
  • „Migrantenliteratur“ existiert nicht. Schriftsteller der neuen Generation in Österreich.
  • Teilnehmer: Inan Türkmen, Melih Gördesli, Nevena Dzaja, Seher Çakir.
  • Moderation: Stefan Beig
  • Medien. Messe. Migration 2012, Mittwoch, 26. September, 10h, Wiener Stadthalle.

25.09.2012 | 22:16 | Ania Haar

Autoren, die eine andere Muttersprache als die deutsche haben, aber in deutscher Sprache schreiben, werden immer sichtbarer. Sozusagen als zentraler Startplatz dient ein kleiner Verlag in Wien-Neubau.

„Mein Vater hat es gut gemeint und wollte mir den Einstieg erleichtern.“ Nur ist der Einstieg in das Leben auf dem Land nicht gerade leicht, weil sie kein Deutsch spricht – aber sie hat Glück. Eine engagierte Grundschullehrerin nimmt sich einmal pro Woche Zeit, um ihr bei den Aufgaben zu helfen. Heuer ist die 31-Jährige für den Literaturpreis Alpha nominiert worden und hat im vergangenen Jahr ihren ersten Roman veröffentlicht. 2010 war sie die erste Gewinnerin des Literaturpreises „Schreiben zwischen den Kulturen“, ein Jahr davor eine von den Hohenemser Literaturpreisträgern.

Susanne Gregor ist eine Autorin mit Migrationshintergrund. Nur, wie viele Autoren sind in Österreich wirklich zugewandert, hierher geflüchtet oder haben überhaupt einen Migrationshintergrund?

 

Verlag als Starthilfe

Wie viele sie wirklich sind, weiß niemand ganz genau. „Das möchte ich nicht einmal schätzen“, sagt Wiebke Sievers von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie untersucht, zusammen mit Sandra Vlasta von der Universität Wien, das literarische Schaffen zugewanderter Autoren (Projekt: Literature on the Move).

Die Forschung steckt in diesem Bereich noch in den Kinderschuhen. „Eine Zeit lang gab es nicht viel Literatur auf diesen Gebiet“, sagt Sievers. Oder aber die zugewanderten Autoren wurden nicht als Migranten wahrgenommen. Und sie sind auch nie so diskutiert worden, weil der Fokus der Öffentlichkeit, so die Meinung der Wissenschaftlerin, darauf lag, sich erst damit zu beschäftigen, ob es so etwas wie eine österreichische Literatur überhaupt gibt. Denn bis in die 1960er-Jahre gab es kaum heimische Literaturverlage.

Also waren österreichische Autoren vom deutschen Verlagswesen abhängig. In den 1970er-Jahren folgten große Forschungsprojekte zur österreichischen Literatur, die wiederum sehr national orientiert waren. Werke von zugewanderten Autoren sind bis dahin noch kein Thema gewesen.

Zwar hatten bereits mehrere Autoren, die zugewandert oder als Flüchtlinge gekommen waren, veröffentlicht. Sie wurden aber als solche nicht wirklich wahrgenommen – ob Hamid Sadr, Vladimir Vertlib oder Radek Knapp. Erst seit den 1990er-Jahren hat die Verlagstätigkeit von Christa Stippinger zu einer entscheidenden Wende in Österreich beigetragen. Sie gründete den Verlag „Edition Exil“ und rief 1997 den Literaturpreis „Schreiben zwischen den Kulturen“ ins Leben. Er ist für Autoren gedacht, die eine andere Muttersprache als die deutsche haben, aber trotzdem auf Deutsch schreiben.

„Fremde Kulturen haben mich schon immer interessiert, und deshalb war es mir wichtig, diese Autoren zu betreuen“, sagt Stippinger. Denn Autoren mit Migrationshintergrund haben es noch schwerer, einen Verlag zu finden, als ihre österreichischen Kollegen. Die vergangenen 15 Jahre haben gezeigt, dass Stippinger einem Autor den Sprung in das große Literaturgeschäft tatsächlich ermöglichen kann: Sie hilft bei der ersten Publikation, geht mit dem Buch als Einstieg zu einem größeren Verlag. So fingen bei ihr Dimitré Dinev und Julya Rabinowich an. Beide sind inzwischen im Literaturbetrieb etabliert.

Diese Szene habe ich noch vor Augen, wir stehen in der Schule vor der Direktorin, und mein Vater ändert meinen Namen.“ Aus Zuzana Gregorova wird plötzlich Susanne Gregor. Als die Familie Anfang der 1990er-Jahre aus der Tschechoslowakei, heute Slowakei, nach Oberösterreich einwandert, sind sie die einzigen Migranten im Dorf. Die damals Neunjährige hinterfragt die Namensänderung nicht.

Aufregerbuch als Initialzündung

Auch Susanne Gregor hatte inzwischen für den Exil-Literaturpreis den Text „Territorien“ eingereicht – und gewann. Die Verlegerin fragte an, ob sie nicht etwas Längeres schreiben möchte. „Ich hatte schon einen Roman in der Schublade liegen“, erzählt die Autorin, „und gab ihn ihr zu lesen“. Mit Erfolg. Das Buch „Kein eigener Ort“ erschien im vergangenen Jahr. Heute arbeitet Gregor an ihrem zweiten Werk.

Das Interesse an literarischen Werken von Autoren mit Migrationshintergrund ist gestiegen. Das ist aber ganz typisch, wenn man die Entwicklung in anderen Ländern beobachtet. „Zuerst ist es ein Minus, wenn der Autor einen Migrationshintergrund hat“, erklärt Forscherin Sievers. Doch „dann gibt es diesen Umschwung, und plötzlich wird man hypersichtbar“.

Das lässt sich auch beobachten. Autoren sind überall, werden angefragt und jeder will sie veröffentlichen. Dann folgt der Prozess der Normalisierung, und sie sind dann Bestandteil des Literaturbetriebs. In Österreich erleben wir langsam die Hypersichtbarkeit. Das sah man, als bei „Edition“ das Buch von Inan Türkmen, „Wir kommen“, erschienen ist: Die Medien stürzten sich auf ihn.

 


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