Theaterstück erzählt vom heimatfernen Leben auf der Flucht

© Nanna Neudeck, DSCHUNGEL WIEN
  • "Warum das Kind in der Polenta kocht"
  • Ort: DSCHUNGEL WIEN, MQ/Museumsplatz 1, 1070 Wien
  • Termine: 6 Termine im April (8.4/9.4/10.4/11.4)
  • Reservierung unter 01/522072020
  • www.dschungelwien.at

12.03.2014 | 13:06 | Daniela Karina Krenn

„Warum das Kind in der Polenta kocht“ ist das tragisch-komisch neue Stück von Regisseurin Sara Ostertag. Am Donnerstagabend feierte die Inszenierung nach dem gleichnamigen Roman von Aglaja Veteranyi im vollbesetzten Saal 2 des Dschungel Wien Premiere.

Das Theaterstück erzählt die Geschichte eines jungen rumänischen Mädchens, das in einer Artistenfamilie aufwächst. Sie reisen von einem Land ins nächste. Aber das Mädchen hat gelernt sich schnell zu Hause zu fühlen. Dazu braucht sie nur ihre kleine blaue Decke, ihr „Meer“. Immer unterwegs zu sein macht ihr nichts. Auch nicht, dass ihr Vater sie eigentlich nicht haben wollte. Aber das Essen, das schmeckt immer gut und im kleinen Zirkuswohnwagen auch immer gleich. Polenta mag das Mädchen am liebsten. Wie er schmeckt, mit Käse und Hühnersuppe und wie er riecht. „Im Ausland kann man die Heimat nur riechen“, sagt ihr Vater.

Das Mädchen ist der Erzähler, der die Geschichte das ganze Stück lang begleitet. Bunt und immer chaotischer gestaltet sich das Bühnenbild. Federn wie Schnee fliegen durch die Luft, Papierfetzen wie Geld werden herum geworfen. Fünf Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft spielen und singen die Reise der Zirkusfamilie, die sich im Westen das große Glück erhofft. Der Vater, die Mutter, die große Schwester, der Hund und dazwischen ein Mädchen auf der Suche nach Geborgenheit und mit unzähligen Fragen. Wer bin ich? Wo bin ich zu Hause? Der Vater erfindet jeden Tag neue Geschichten. Und er trinkt. Die große Schwester hat er viel lieber, so lieb wie eine Frau, nicht wie eine Tochter. Da kann man sich schon manchmal verlassen fühlen.

Die Mutter ist der Star der Zirkusshow. Sie kann an ihren Haaren von der Kuppel hängen. Während sie dort hängt, jongliert sie mit Feuerbällen. Und während sie das macht und auch jedes Mal bevor die Show losgeht, hat das kleine Mädchen Angst, dass seine Mutter bei den waghalsigen Darbietungen in der Manege sterben könnte. Der Vater ist Clown und Bandit. Er bringt dem Hund das Singen bei und klaut ein bisschen Geld aus der Zirkuskasse. Das Geld ist für die Flucht in den reichen Westen gedacht. Dort erhofft sich die Familie das große Glück und vor allem ein großes Haus. Mit einem Pool zum Schwimmen im Wohnzimmer, das wünscht sich das kleine Mädchen.

Das Stück besteht aus viel Poesie und Gesang. Die Bratschistin und Sängerin Jelena Popržan verbindet für dieses Stück sowohl Elemente aus Volksliedern verschiedener Kulturkreise als auch elektronische Sounds und Loop-Technik. Die Sprache ist leicht, so leicht, dass das Tragische komisch wird. Gemeinsam mit einer Cellistin spielt sie zu skurrilen Texten. Die insgesamt fünf Frauen auf der Bühne tauschen auch die Rollen. Mal ist eine der Vater und dann die Heimleiterin, dann wieder der Vater. Mal ist die andere die Schwester, mal die Mutter. Auch das kleine Mädchen, die Erzählerin, ist immer von jemand anderen vertreten. Trotzdem wirkt es nie verwirrend. Nur durch und durch berührend.

Der Traum platzt. Das Glück im Westen hat sich das Mädchen anders vorgestellt. In einem Hotelzimmer verstecken sich die Vier mit Hund. „Wenn mich jemand fragt, wie ich heiße, dann sag‘ ich, frag meine Mutter.“ Ohne Pass lässt es sich halt schwer reisen. Die Mutter redet als hätte sie Honig im Mund, wenn sie mit Einreisebeamten an der Grenze redet. Sie hat auch immer Geschenke dabei. Die Angst vor dem Erwischt-werden ist bei dem Mädchen groß. Aber nicht so groß wie die Angst war, dass die Mutter während einem ihrer Auftritte stirbt. 

Eigentlich ist fast alles wahr. Diese Geschichte ist nicht erfunden. Ausgangspunkt und Grundlage des Theaterstücks war das Buch „Warum das Kind in der Polenta kocht“ von Aglaja Veteranyi. Die Autorin wird 1962 in Bukarest geboren. Ihr Vater war Clown, ihre Mutter Artistin. Die Familie floh aus Rumänien und reiste um die ganze Welt. Erst mit 15 bleibt Veteranyi länger an einem Ort als ihre Familie sich in der Schweiz niederlässt. Sie spricht zu dem Zeitpunkt mehrere Sprachen, kann aber nicht schreiben. Autodidaktisch eignet sich Veteranyi die deutsche Sprache an. Berührend hat Regisseurin Sara Ostertag Veteranyis Roman in ein Theaterstück verwandelt. Die herbe Enttäuschung und die eigenwillige Überlebenskraft eines Mädchens, das eben mit Situationen zurechtkommt., indem sie sich Dinge fantasievoll erklärt und hinnimmt.

Die beiden Mädchen kommen in ein Heim in der Schweiz. „Im Ausland“ schneit es. Aber im Sommer könnt ihr Erdbeeren pflücken, verspricht die Heimleiterin. Die Mutter küsst den beiden Mädchen „Löcher in die Wangen“ und verspricht jeden Tag anzurufen. Das Mädchen wünscht sich, dass die Mutter auf der Stelle stirbt. Um sie vor dem Fenster in der neuen Heimat zu begraben, damit die Erdbeeren im Sommer nach ihr schmecken. Die Kinder im Heim lachen über die beiden Mädchen, weil sie vom Zirkus kommen. Und außerdem können die beiden Mädchen nicht lesen. In der Heimschule lernen sie, dass in jeder Sprache dasselbe anders heißt. Jeden Tag schreibt die Schwester des Mädchens der Mama einen Brief. Sie kann nur ein Wort in Rumänisch schreiben: Kuss. Also schreibt sie jeden Tag nur dieses Wort in den Brief. Wo sind unsere Eltern, wollen die Mädchen von der Heimleiterin wissen. Im Ausland, ist die Antwort. Sie sind schon so lange weg, wie viele von diesen Ausländern gibt es denn?

Viele Fragen wirft das Stück auf, mit vielen Antworten lässt das Stück das Publikum nach Hause gehen. Antworten auf Fragen wie, was muss man eigentlich wissen um zu leben? Und wie ist ein Leben ohne fremden Wohnsitz? Wie ist ein Leben in der Fremde? Muss man sich die Pulsadern aufschneiden um zurück zu seiner Mutter zu dürfen? Was ist Bildung? Kann ich meine Familie lieben und mich gleichzeitig für sie schämen? Und warum, ja warum überhaupt kocht das Kind in der Polenta?  

„Ein Kind ist müde und schläft in einem Sack voller Mais ein. Die Großmutter möchte Polenta kochen und schüttet den Mais in einen Topf. Und als das Kind wieder aufwacht, ist es schon zerkocht.“ Diese Geschichte, jedes Mal ein bisschen gruseliger von der großen Schwester erzählt, hält das Mädchen davon ab, sich vor anderen Dingen zu fürchten. Und das Mädchen fürchtet sich ständig, dass der Mutter etwas zustößt wenn sie an ihren Haaren von der Kuppel hängt.

Schön und schön traurig wird die Geschichte der Artistenfamilie auf der Bühne erzählt. „Mein Vater starb an Abwesenheit. Meine Mutter lebte in Ohnmacht. Ich wuchs allmählich auf. Und Kinder will ich keine.“ Das große Glück vom Westen hat sich das mittlerweile erwachsen gewordene Mädchen eben anders vorgestellt.


Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von Daniela Karina Krenn