Theaterstück zu Arbeitsmigration: „Kommen Sie zum Flug-Punkt!“

Theaterstück Flugpunkt (c) Angele Dittrich
Aufführungen:
  • Wien: Theater Akzent, 19.11
  • Vorarlberg: Theater Kosmos, 23.+24.11
  • Tirol: Westbahntheater, 25.+26.11, Stadtsaal Landeck, 27.11
  • Oberösterreich: Salzhof, 3.+4.12
  • Burgenland: OHO Oberwart, 9.12

16.11.2011 | 15:25 | Kerstin Kellermann

Migration als silbergrauer Steinbruch voller Lyrik: Der alte Ramasan geht nach 30 Jahren Arbeit im Steinbruch mit Staublunge zurück in die Türkei. Das wahre Drama spielt sich draußen ab – im wahren Leben. 

„Das Leben ist ein Stück Stein“, sagt der ältere türkische Mann, der lieb aussieht mit seinen silbernen Locken, seinem runden freundlichen Gesicht und seiner blaugrauen Jacke und kaputten Arbeitshose. „Ich bin Schatzsucher von Beruf. Ich habe mich angestellt, dem Gesang bin ich gefolgt. Wo bekommt man hier die Flügel?“ In dem Theaterstück „Flugpunkt“ von Emel Heinreich in der Reihe „Pimp My Integration“ der Garage X am Wiener Petersplatz geht es rotgrau in dunkelgrau zur Sache. Zurückhaltend und vorsichtig, minimalistisch und reduziert und ohne viel Aufregung wird die Geschichte eines alten Mannes erzählt, der dreißig Jahre als Steinklopfer arbeitete und nun mit hart erarbeiteter Staublunge zurückfliegen wird, in die Pension in die Türkei. Das wahre Drama spielt sich schließlich draußen vor den Theatertüren ab, im wahren, im echten Leben – alltäglich und „unaufgeregt“. „Ich glaube es nicht. Oder doch? Der blaue Traktor, silbergrünes Auto mit Stern. Das Haus wird Stöcke haben, Türme, Erker. Wo bekommt man hier die Schatzkarte? Vogelflug. Wie schnell das geht, so ein Zug, wie warm das ist.“ Die lyrische Sprache ist eine enorme Erweiterung im Vergleich zu anderen Theaterstücken zum Thema „Integration“, sie bietet eine Brücke zwischen den Sprachen, sie klingt wie türkisch übersetzt? Oder Imaginationen und Projektionen von türkischen lyrischen Traditionen? Eine eigene Welt-Sprache: Poesie?

Soziales Trauma und das Unvorstellbare

„Traktordrachen, es regnet Honig, ein Honig Gewitter mit Zucker Blitzen verklebt mir die Flügel.“ Die Szenerie ist durchgehend grau in Grauabstufungen. Die Kulisse alles voller grauer Pflastersteine, mit denen die ProtagonistInnen herum spielen und klopfen. Die Farben sind ähnlich verhalten wie in der Magritte Ausstellung in der Albertina, in der der belgische Maler Rene Magritte mit Wolkenausschnitten und grauen Türmen, Selbstauflösungs-Bildern und steifen weißen gedrechselten Figuren, die Frauengestalten ähneln, Trauma Bearbeitung macht.
Hier sieht das soziale Trauma anders und verhaltener aus: „Ich bin Arbeiter. Ich arbeite im Steinbruch dreißig Jahre. Seit dreißig Jahren ist mein Körper kaputt gegangen. Ich sage mir, du bist ein alter Mann, das Leben ist noch nicht vorüber, verstehen Sie?“ Die Frau vom Amt: „Kommen Sie zum Punkt.“ „Spreche ich falsch?“ „Nein, vor allem sprechen Sie lang.“
Eine junge Frau, die Steine zu einem Turm aufbaut, träumt vor sich hin: „Du fühltest dich immer dem zugehörig, was nicht ist, das hatte etwas Poetisches an sich, nie hast du dir was anderes gewünscht als das Unvorstellbare.“

Graue Menschen grau in grau, Grau ist trotzdem alle Poesie?, Grauschleier, die Welt ist grau, Graustufen – Grau als Vorstufe zu Grau-sen? „Es muss irgendwo ein Loch geben, aus dem Sprache rinnt“, sagt eine alte Frau mit Stock, die vogelähnlich „einen Vogel hat“. „Der intergalaktische Staub besteht aus Erdstaub und Wassereis. Das sind die Geburtsorte der Sterne.“ Diese Texte erzeugen etwas Unwirkliches, Unerklärliches – jeder und jede hier lebt in ihrer eigenen Welt, kreist um sich selbst, als kleine „Staubwolken, die das Licht der Sterne bloß reflektieren. Der intergalaktische Staub besteht zu 95 Prozent aus Leere“. Diese Leere ist kein Wunder, wenn es nur stotternde Annäherungen und Aussetzer in gewissen Spielräumen an andere Menschen gibt, betuliches und heuchlerisches Gehabe der Amtsfrau („Geordnet seist du Ordnung“) und des hustenden Gewerkschaftsmenschen, der mit in die Türkei fliegen will („Das ist entsetzlich lächerlich. Ich habe die Idee mitzugehen, einfach weg“. Ramasan gibt ihm seine Adresse in der Türkei). Man sieht, wie dringend „Flugpunkte“ nötig sind, Fluchten in andere Welten – mit Staublunge oder ohne.

 


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