Dardis McNamee: Zeitungsgründerin mit Visaproblemen

Dardis McNamee - ©Mili Flener
ZUR PERSON:
  • Dardis McNamee (62) ist eine US-amerikanische Journalistin, die 1995 die USA verließ und sich erst in Bratislava, später in Wien ansiedelte. Sie gründete 2006 „Vienna Review“, die erste englischsprachige Monatszeitung Österreichs, die seit September 2011 im Falter Verlag erscheint.

14.09.2011 | 10:23 | Clara Akinyosoye

Dardis McNamee, eine Journalistin aus den USA, gründete mit “Vienna Review” die erste englischsprachige Monatszeitung Österreichs. Mittlerweile ist sie Staatsbürgerin – nach einem bürokratischen Hindernislauf.

Wien. „Wäre ich in den USA geblieben, hätte ich meine zwei Kinder nie gesehen“, sagt Dardis McNamee. Der Leistungsdruck sei in den USA unglaublich hoch, meint die Herausgeberin und Chefredakteurin von „Vienna Review“, der einzigen englischsprachigen Monatszeitung Österreichs. Darum machte sie sich Anfang der 1990er mit ihren Kindern auf den Weg und verließ die USA.

Ihre erste Anlaufstelle in Europa war Bratislava, wo sie zunächst Studenten über den westlichen Journalismus unterrichtete. Am 4.Juli 1995 – das Datum setze sich in ihrem Kopf fest – bekam sie eine Stelle als Redenschreiberin für Swanee Hunt, die damalige US-Botschafterin in Wien. McNamee kam, blieb und machte schließlich auch in Österreich Karriere. In den USA hatte die studierte Politik- und Musikwissenschaftlerin bereits einige berufliche Erfolge gefeiert. Sie war als Analytikerin für Wirtschaftsfragen für die Regierung tätig, verfasste Reden für Gouverneur Hugh Carey, schrieb für verschiedene Tageszeitungen wie die „Albany Times“ und den „Berkshire Eagle“ in Massachusetts. Sechs Jahre lang hatte sie die Redaktionsleitung des „Capital Magazine“, einer Regionalzeitschrift aus Albany, inne.

Und auch in Wien zog es sie immer wieder zum Journalismus: Ihre Tätigkeit als Redenschreiberin für die Botschafterin unterbrach McNamee, um als Korrespondentin für das „Wall Street Journal Europe“ zu arbeiten. Sie kehrte allerdings später als Redenschreiberin für Kathryn Hall für einige Zeit in die US-Botschaft zurück. Nach den Senatswahlen 1998 in den USA endete McNamees Arbeit für die Botschaft schließlich.

Doch die Journalistin betätigte sich auf vielerlei anderen Feldern: Sie unterrichtete an der Webster University und an Fachhochschulen, schrieb Drehbücher für Theaterstücke, publizierte Bücher – und gründete 2006 schließlich eine eigene Zeitung. Das englischsprachige Monatsblatt „Vienna Review“ entwickelte die nun 62-Jährige aus einer Studentenzeitung („Der Jugendstil“) heraus.

Ein Magazin für die Community

Es richtet sich an die „internationale Community in Wien“, genauso wie an englischsprachige Touristen. Die Bandbreite der behandelten Themen ist groß. Artikel über kulturelle Ereignisse in Wien finden sich dort neben Reportagen über Prostituierte aus dem Osten oder Analysen der Arbeitsmarktpolitik. Die Fluktuation im Redaktionsteam ist hoch, schließlich handelt es sich bei den Journalisten um Studenten, die unbezahlt arbeiten, Erfahrungen sammeln und dann weiterziehen.

Beim Aufbau der Zeitung wurde McNamee von der Webster University „großzügig unterstützt“. Umso schwerer fiel es ihr daher, Webster vor einigen Wochen den Rücken zu kehren und mit „Vienna Review“ im Falter Verlag einzuziehen, wo die englischsprachige Zeitung seit September erscheint.

Um Vertrieb, Anzeigen und Layout musste sich McNamee bisher immer selbst kümmern. Doch diese Zeiten sind Geschichte. Die neue Kooperation verschafft McNamee mehr Zeit und vor allem Mittel, um ihre Zielgruppe zu erreichen und ein fixes Team aufzubauen, das von der redaktionellen Arbeit auch leben kann.

Bei der Freude über die neuesten Entwicklungen schwingt trotzdem ein wenig Wehmut mit: „Ich habe meine Studenten geliebt.“ Von ihren ehemaligen Schützlingen an der Webster University spricht sie mit Stolz und großer Begeisterung. Nicht wenige ihrer Studenten, die ihre journalistischen Fertigkeiten bei der „Vienna Review“ erlangt hatten, konnten später gute Stellen im englischsprachigen Ausland ergattern. Für ihr Engagement wurde McNamee 2007 mit dem „Kemper Excellence in Teaching Award“ der Webster University ausgezeichnet.

Doch ihr Leben verlief nicht immer so glatt. Als im Dezember 2008 ihre Tasche – und darin ihr Visum – gestohlen wird, beginnt für McNamee ein bürokratischer Hürdenlauf. Denn weder eine Kopie noch ein neues Visum konnten ausgestellt werden, erzählt sie.

„Ich habe monatelang bei jedem Amt nachgefragt.“ Eine klare Antwort bekam sie nie – dafür bei jedem Amt eine andere. Also stellte McNamee einen Antrag als Schlüsselarbeitskraft, der aber abgelehnt wurde – weil diese Regelung nur Neuankömmlinge betrifft. McNamee überkam die Angst, sie setzte ihre letzten Hoffnungen auf eine Ehrenstaatsbürgerschaft, obwohl „niemand zuvor die Ehrenstaatsbürgerschaft für besondere Leistungen im Medienbereich bekommen hat“.

Plötzlich Ehrenstaatsbürgerin

Die Ernüchterung kam prompt, denn ihr Antrag konnte ohne den Nachweis eines gültigen Visums nicht abgeschlossen werden. „Ich dachte, jetzt gehe ich zur Reichsbrücke und springe runter.“ Schließlich habe ein ihr wohlgesinnter Lokalpolitiker eine Gesetzeslücke entdeckt und ihr nach zwei Jahren zu einem Visum verholfen. Den Antrag auf Ehrenstaatsbürgerschaft schickte sie dennoch ab. Und – wieder eine Überraschung – er wurde bewilligt. Darauf, sagt McNamee, sei sie „irrsinnig stolz“.

Ihren Weg zur Staatsbürgerschaft beschreibt sie heute als die Entwicklung einer Tragödie zu einer Komödie. Inklusive einer Schlusspointe – denn wie sie später erfuhr, wäre ihr gestohlenes Künstlervisum – wenn es auch nicht in ihrem Besitz war – ohnehin noch gültig gewesen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 14.09.2011)

 


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