Medien: Österreichische Türken sehen türkisch fern

Türken beim Fernsehen © Milagros Flener
Mediennutzung: Viele türkische Sender können auch im europäischen Ausland via Satellit oder Kabel empfangen werden. Einige Programme werden extra für die türkischstämmige Bevölkerung in Europa produziert. Darin werden unter anderem Themen behandelt, die in den jeweiligen Ländern wichtig sind. Zunehmend entdecken auch österreichische Sender wie OktoTV (und auch der ORF) die türkische Community als Zielgruppe.

10.05.2011 | 18:43 | Aysun Bayizitlioglu

Türkische Community in Österreich sieht von allen Migrantengruppen am häufigsten fern. Dabei greift man vor allem auf die Angebote türkischer Sender zurück. Auch, wenn man sich über Österreich informieren will.

Wien. „Bei mir daheim läuft fast den ganzen Tag der Fernseher“, sagt Ayse. „Aber nur türkische Programme.“ Auch Ereignisse in Österreich, erzählt die 14-jährige Schülerin, bekomme ihre Familie meist nur über die türkischen Nachrichten mit.

In der türkischen Community wird im Vergleich zu anderen Migrantengruppen in Österreich am häufigsten ferngesehen. Laut einem Dossier des Österreichischen Integrationsfonds schauen 76Prozent der türkischen Migranten fast täglich türkischsprachiges Fernsehen, das österreichische Fernsehen wird von nur 30Prozent genutzt.

Dass das türkischsprachige Fernsehen so beliebt ist, ist ein Phänomen, das auch die Migranten der zweiten Generation betrifft– obwohl die teilweise schon besser Deutsch als Türkisch sprechen. Einerseits sind die Sendungen eine Brücke zur alten Heimat. Inhalte und Machart sind vertrauter, entsprechen der Mentalität und den Sehgewohnheiten. Türkische Daily Soaps etwa würden Westeuropäer sicher für zu kitschig halten. Andererseits haben österreichische und westeuropäische Fernsehsender die türkische Community bisher kaum berücksichtigt.

„Wien heute“ wird türkisch

Das ändert sich allerdings zunehmend. So startet mit 15.Mai eine Kooperation zwischen dem ORF und dem nicht kommerziellen Fernsehsender Okto – gemeinsam startet man das „Wien heute-Haber Magazin“, ein in deutscher und türkischer Sprache produziertes Magazin, das sich an Türken, Österreicher mit türkischen Wurzeln und auch an Österreicher richten soll. Moderiert wird diese Sendung von Eser Akbaba, die schon als erste türkischstämmige Moderatorin das Wetter in „Wien heute“ präsentiert.

Saygin Kücet freut sich über Projekte wie dieses. Der 29-jährige Student will über Nachrichten aus der Türkei und aus Österreich informiert sein. „So habe ich die Chance, Nachrichten zweisprachig zu hören, über beide mir wichtigen Länder und Ereignisse am Laufenden zu sein und meine Deutschkenntnisse aufzubessern.“

Damit entsteht eine Ergänzung zu den sieben in Österreich produzierten türkischsprachigen Programmen. Dazu gehört etwa „Avusturya Günlügü“ (Österreichs Alltag) – jeden Sonntag wird auf dem türkischen Sender „Kanal7 Avrupa“ über soziale, politische und kulturelle Aktivitäten der türkischen Community in Österreich berichtet. Auf Türkisch.

Adil Elmas, erster Produzent und Moderator der Sendung, hält es für wichtig, dass die türkischen Bewohner am sozialen Leben in Österreich teilnehmen: „Deshalb informieren wir auch oft über die Aktivitäten der verschiedenen Vereine, damit sie erfahren, wo sie mitmachen können. Wir stellen auch erfolgreiche Geschäftsleute oder Jugendliche vor, damit sie Vorbilder für die anderen sein können.“

Die türkischsprachigen Sendungen wollen mit österreichischen Nachrichten die Zuseher neugierig auf das machen, was in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert. Daher haben viele Sender Vertretungen in den Bundesländern. Und es gibt spezielle Programme, etwa „Was ist vergangene Woche im Parlament passiert?“.

Ein weiteres Beispiel einer bekannten und beliebten Sendung ist die „Mehmet Keser Show“ auf Okto TV. In farbenprächtiger Kulisse wird darin mit den Studiogästen getanzt, gesungen und über das Leben der türkischen Community in Wien geplaudert.

Gerne gesehen wird auch die „Ahmet Serttaş Show2“ auf „Yurdum TV“. Darin werden türkische Hochzeitvideos gezeigt. In der Sendung „Efelik Efendiliktir“ wiederum werden die Zuseher mit Liedern und Folkloretänzen von der Ägäischen Küste aus der Türkei unterhalten.

Der beliebteste Sendetermin in der türkischen Community ist die Frühstückszeit am Wochenende. Dann sitzt die ganze Familie beisammen und sieht gemeinsam fern. Hier sollen die Zuseher in ihrer Muttersprache erfahren, was während der Woche in Österreich passiert ist.

„Kein Angebot im ORF“

Dass dafür eigens Sendungen von türkischer Seite produziert werden, sei derzeit noch notwendig, meint Produzent Adil Elmas. „Es gibt im ORF keine Sendung für Türken in Österreich, obwohl sie teilweise seit mehr als 50 Jahren hier leben.“ Aus diesem Grund habe man „Avusturya Günlügü“ geschaffen, um diese Gruppe zu erreichen. Um dieses Programm finanzieren zu können, beträgt der Anteil der Werbung 30 bis 50Prozent der Sendezeit.

Dursun Erbay, Journalist der Tageszeitung „Sabah“ und ehemaliger Mitarbeiter der Sendungen „Aturka“ und „Mehmet Keser Show“ hofft, dass die türkischen Sender in Zukunft weniger finanzielle Probleme haben und qualitativ hochwertige Programme produzieren können. Voraussetzung dazu wäre seiner Meinung nach jedoch, dass die Sender in der Türkei mehr Interesse an in Österreich lebenden Zuschauern zeigen – und die Programminhalte jener Sendungen, die in Österreich produziert werden, mehr kontrollieren. Sonst hätten die elektronischen Migrantenmedien in Österreich keine Chance zur Weiterentwicklung.

Moderator Ahmet Serttaş wiederum glaubt, dass vor allem einmal die österreichischen Mainstreammedien die türkischen Migranten als Zielgruppe erkennen müssten. Die Kooperation zwischen ORF und Okto TV sei ein guter Anfang. Aber, so meint er, es müsse in Zukunft auch weitere solche Kooperationen geben.

(Aysun Bayizitlioglu,”Die Presse”, Print-Ausgabe, 04.05.2011)


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