Migrantin als Moderatorin: Warten auf große Chance

Gülgün-Mayr (c) Günther Pichlkostner

14.04.2010 | 19:28 | Nasila Berangy

Ani Gülgün-Mayr gilt als größte Hoffnung, Moderatorin mit Migrationshintergrund im öffentlich-rechtlichen TV zu werden.

“Schon als Kind hatte ich einen besonderen Draht zum ORF“, sagt Ani Gülgün-Mayr, Redakteurin in der Minderheitenredaktion. Ihre Mutter hatte hier 30 Jahre lang geputzt. Da war der Küniglberg für die heutige ORF-Redakteurin aus der Sendung „Heimat, fremde Heimat“ noch außer Reichweite.

Begonnen hat alles im Jahr 1972, als sie im Alter von zwei Jahren mit ihrer Mutter nach Wien zu ihrem Vater zog. Er war bereits ein Jahr in Wien, denn er war als Facharbeiter angeworben worden. Schnell machte sie die Erfahrung, dass sie in Wien mit dem Namen Gülgün besser als die anderen sein musste, um eine Chance zu bekommen. Geholfen hat ihr ihre Sicherheit in der deutschen Sprache. Gülgün-Mayr: „Wenn man akzentfrei spricht und sich ausdrücken kann, dann kann man schon auf gleicher Augenhöhe kommunizieren.“

Ihren türkisch-armenischen Namen wollte sie dennoch nicht aufgeben, obwohl sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Nach ihrer Heirat hätte sie auch Ani Mayr heißen können. Doch der Name Gülgün sei nun einmal Teil ihrer Identität, meint die 39-Jährige.

Erfahrungen in Worte fassen

Zum ORF ist sie gekommen, als sie nach ihrer Karenzierung nicht mehr in ihren alten Job als Jugendarbeiterin des Vereins Echo, einem Verein für die zweite Generation, zurückwollte. Dort war sie nicht nur Jugendarbeiterin, sondern zunächst Pressesprecherin und später auch Obfrau. Für das gleichnamige Magazin schrieb sie Artikel über Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Journalistin wollte sie werden, weil der Beruf für sie der nächste Schritt war. In der Sozialarbeit gehe es ums Verändern. Das in Worte zu fassen, war für sie die nächste Ebene. Ihre journalistischen Print-Erfahrungen halfen ihr schließlich, als sie sich in der ORF-Minderheitenredaktion bewarb. Nach einem zweimonatigem Praktikum bekam sie einen Vertrag als freie Mitarbeiterin. Doch warum gerade diese Redaktion?

Gülgün-Mayr: „Ich hätte mich gar nicht getraut, mich bei anderen Redaktionen zu bewerben. Da hatte ich gar keine Chance für mich gesehen.“ Auch hatte sie das Gefühl, sich hier am besten einbringen zu können, da sie bereits mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund gearbeitet und über Integrationsthemen berichtet hatte. Der emotionale Faktor war ebenfalls entscheidend, denn „hier habe ich mich wiedergefunden und dachte, hier kann ich mich hier am besten einbringen“. Diese Scheu, so glaubt sie, gelte generell für Journalisten mit Migrationshintergrund.

Moderierten will sie „Heimat, fremde Heimat“ aber nicht. Denn, so Gülgün-Mayr, „wenn die zweite Generation noch immer diese Sendung moderieren muss, dann ist etwas schiefgelaufen“. Ambitionen zum Moderieren hat sie dennoch. Vor ungefähr einem Jahr bewarb sie sich bei einem allgemeinen Moderationscasting. Ihr Auftritt wurde für gut befunden. Ein zweites erfolgreiches Casting für die Sendung „Club2“ hatte zufolge, dass Sendungsverantwortliche und Regisseure sie ebenfalls für gut befanden. Noch ist es mit dem Traum vom Moderatorenjob nichts geworden, doch Gülgün-Mayr hat noch Hoffnung: „Was künftige Bildschirmauftritte betrifft, bin ich sehr zuversichtlich.“

Einen Moderatorenjob aufgrund ihrer ethnischen Herkunft möchte sie aber nicht bekommen. Denn eine „Quoten-Ayse“ wie sie sagt, „brauchen wir nicht, und dafür sollte man sich nicht hergeben“. Denn grundsätzlich müsse Leistung zählen. Aber wolle man den Spiegel der Gesellschaft abbilden und auch andere Zuschauerschichten erschließen, dann sei es notwendig, auch am Bildschirm den Spiegel der Gesellschaft herzustellen.

Dies gelte allerdings nicht nur bei den Moderatoren, sondern auch beim Inhalt. Denn mit der bisherigen Berichterstattung ist sie nicht immer einverstanden. Dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte immer als Problemfälle vorkommen, und statt eines Einheitsdenkens es ein Wir und Ihr gebe, empört sie besonders. Wichtig ist ihr, dass soziale Probleme nicht ethnisch angegangen werden. Gülgün-Mayr: „Das liegt in unserer Verantwortung als Mediengestalter.“

Nicht nur Migrationsthemen

Auch sollten Zuwanderer nicht immer nur bei Migrationsthemen zu Wort kommen, sondern es sollte beispielsweise bei Diskussionen um Steuererhöhungen auch eine kopftuchtragende Frau zu Wort kommen. Gülgün-Mayrs einfaches Rezept: „Zuwanderer als einen Teil der Bevölkerung zeigen und nicht ignorieren.“

Als Journalistin mit Migrationshintergrund sieht sie für sich sprachliche und kulturelle Vorteile, auch im Umgang mit diversen Communitys. Die Bestätigung sieht sie darin, dass zum Beispiel auch deutsche Rundfunkanstalten vermehrt Journalisten mit Migrationshintergrund suchen. Auch dort wurde das Potenzial von Migranten wahrgenommen und als Chance erkannt. Entscheidend seien aber interkulturelle Kompetenzen. „Wenn Journalisten ohne Migrationshintergrund auch bereit sind, sich belehren zu lassen, dann gibt es keine Unterschiede.“

Für die Sendung „Heimat, fremde Heimat“ selbst hat sie auch einen Wunsch – nämlich, dass die Minderheitensendung irgendwann nicht mehr notwendig ist. Doch diese Zeit, meint sie, sei noch nicht gekommen.

(NASILA BERANGY, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 14.04.2010)


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