Migrantinnen im TV: Voller Stereotype

Teil von TV Klischees über Migrantinnen - Kopftuch tragende Frauen in Sarajevo - ©flickr.com/bzmch

17.09.2012 | 12:42 | Milena Borovska

Frauen mit Migrationshintergrund werden im TV vor allem negativ besetzte Rollen zugestanden: Opfer männlicher Willkür, Heiratsmigrantin und Prostituierte.

Wien. Etwa 442.000 Frauen mit Migrationshintergrund leben in Österreich – sie sind Akademikerinnen, Putzfrauen, Geschäftsfrauen, Hausfrauen, es gibt eine ungeheure Vielfalt. In den Medien werden Migrantinnen aber nur wenige Rollen zugestanden. „Ein klassisches Stereotyp ist die Frau mit Kopftuch, die den gesamten Diskurs zum Islam dominiert“, sagt Monika Bernold, Medienexpertin am Institut für Zeitgeschichte.

Sie müssen sprichwörtlich ihren Kopf hinhalten, um das Potpourri an Problemen – von Zwangsheirat bis Ehrenmord – in diversen Beiträgen zu bebildern. Neben Emotionen wie Empörung und Mitgefühl lösen solche Stereotype laut Bernold aber auch aus, dass Frauen mit westlichem Background sich diesen Frauen, die das „Opfer der männlichen islamischen Gewalt“ repräsentieren, überlegen fühlen.

„Das Geschäft mit der Liebe“

Abseits der wenigen Migrantinnen in Reportagen und Nachrichten gibt es eine noch viel kleinere Zahl an Migrantinnen in Unterhaltungssendungen. Aber auch dort dominieren stereotype Vorstellungen. Eine dieser Sendungen ist etwa das ATV-Format „Das Geschäft mit der Liebe“, bei dem österreichische Männer ihre Traumfrauen in Osteuropa suchen. Warum gerade dort, erklärt der Beipacktext auf der ATV-Homepage: „Sie gelten als besonders freundlich und verführerisch, manch österreichischer Macho bezeichnet sie als besonders pflegeleicht: Frauen aus Russland, der Ukraine, der Slowakei oder aus Rumänien.“

Ein Bild, das Regisseur Andreas Mannsberger im Gespräch mit der „Presse“ aber ein wenig zurechtrücken will: „Das Format ist eine Doku-Satire. Wir begleiten Männer bei ihren schrägen Abenteuern in diesen Ländern, in denen sie glauben, Klischees zu finden, die aber so nicht mehr vorhanden sind.“

Mannsberger selbst rät dem Publikum zu mehr Selbstreflexion. Und er verweist darauf, dass mit diesem Format das Thema zumindest angesprochen werde – und sich auch ein Publikum dafür finde. Bei seinen „ruhigeren Dokumentationen“ zum Thema Heiratsmigration sei der Medienrummel dagegen ausgeblieben: „So wird wenigstens diskutiert.“ Aber er schränkt auch ein: „Das Format ist keine aufklärerische und moralische Sendung.“

Medienexpertin Bernold gesteht Sendungen wie dieser zumindest zu, dass sie Themen wie Heiratsmigration überhaupt ansprechen – wenn auch aus Verkaufsgründen und in einer sehr stereotypen Art. Der öffentlich-rechtliche Sender ORF habe in diesem Bereich – abgesehen von einigen Positivbeispielen – im Vergleich zu den Privaten noch Aufholbedarf.

„Alibi-Migrantinnen“

Um das Bild von Frauen mit Migrationshintergrund von Stereotypen zu lösen, fordert Bernold mehr Migrantinnen als Expertinnen im TV. Und zwar nicht nur als „Alibi-Migrantinnen“, wie sie sie nennt, die „auftauchen, sobald ein Migrationsthema kommt“. Es sei notwendig, dass man auf die vorhandene Expertise von Frauen mit Migrationshintergrund in allen möglichen Bereichen zurückgreife.

Und generell, sagt Bernold, brauche es auch mehr Migrantinnen „in staatlich relevanten Positionen“, die über die Behandlung der Migrationsthematik hinausreichen. Wichtig sei, dass Migrantinnen im Fernsehen vielfältiger abgebildet werden, als es heute geschieht. Schließlich lassen sich die rund 442.000 Frauen mit Migrationshintergrund nicht ausschließlich auf Rollenbilder wie Opfer männlicher Willkür, Heiratsmigrantinnen oder Prostituierte reduzieren.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 17.10.2012)


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