Erdogan in Wien, Erdogan bei “uns”

© simon INOU

20.06.2014 | 13:27 | Nermin Ismail

Da ist endlich mal etwas los in meinem 22. Bezirk und ich bin nicht da. Wie ärgerlich. Als ich im Mai in Köln war, war ein großer Aufstand zu spüren. „Erdogan kommt nach Deutschland.“ Das hat man einfach mitbekommen. Dennoch schien mir die Aufregung etwas entspannter zu sein, als hier in Österreich. Der türkische Premierminister, über dem seit geraumer Zeit immer wieder in den heimischen Medien berichtet wird, kommt nach Österreich. Der Mann, der friedliche Demonstrationen brutal niedergeschlagen haben soll, der ‚socialmedia‘ wie Facebook und Twitter sperrt und als der ‚böse Türke‘ gemeinhin herhält. Nun abgesehen von der türkischen Innenpolitik und der Berichterstattung darüber, möchte ich etwas ganz anderes in den Fokus stellen.

„Gäste“ in unserem „Gastland“

Außenminister Sebastian Kurz meldete sich schon vor dem Besuch zu Wort. Er äußerte seine kritische Haltung. Die Bilder würden ganz klar zeigen „dass der türkische Premier den Wahlkampf in unser Land getragen hat und dadurch auch für Unruhe gesorgt hat.” Das ist auch der Ton, den viele Politiker und Medien pflegen. Erdogan, der Störenfried, kommt hierher, sorgt für Unruhe, spaltet das Volk. Das lehnt unser Außenminister vehement ab und meint „Respekt vor dem Gastland schaut eindeutig anders aus“. Eva Glawischnig schreibt auf ihrer Facebook-Seite, Erdogans Auftritt schade dem Zusammenleben in Österreich. Also insgesamt betrachtet keine positiven, freundlichen, willkommen-heißenden Signale weder Erdogan noch seinen ‚Fans‘ gegenüber. „Unser Land“ – das „Gastland“ heißt es immer wieder. Auch das sagt etwas aus. Nämlich darüber wie Politiker „Türken“ betrachten, als würden sie ihnen sagen wollen: Das ist unser Land, ihr seid hier Gäste, vergesst das bitte nicht. Euren Wahlkampf könnt ihr woanders führen.

Am 16.Juni, drei Tage vor dem Besuch, erklärte Politikwissenschaftlerin Stefanie Mayer im Gespräch mit dem Standard-Online: “Wann immer man über Stereotype spricht, über „Bilder von Türken“, sagt das mehr über die österreichische Mehrheitsgesellschaft aus als darüber, wie Türken und Türkinnen tatsächlich sind. Das Stereotyp der unterdrückten türkischen Frau sagt vor allem aus, dass sich die Gesellschaft selbst als emanzipiert, fortschrittlich, liberal versteht. Alles, was man nicht sein will, wird auf andere projiziert.” Das kann man auch aus dem Erdogan-Bashing ableiten. Er ist der Diktator, der Unterdrücker. Wir sind die Demokraten, die Freien. Im zweiten Wiener Bezirk ‚mussten‘ Polizisten mit Pfefferspray reagieren. Ist es nicht genau das, was wir ständig an Erdogan kritisieren? Der harsche Umgang mit friedlichen Demonstranten? Er wäre außerdem nur auf Stimmenfang aus – und was machen unsere österreichischen Politiker vor den Wahlen? Interessieren sie sich nicht auch plötzlich für die Stimmen der ‚Türken‘?

Entweder oder?

Warum sind so viele Türken mit türkischer Innenpolitik beschäftigt? Warum gehen sie überhaupt hin, wenn der türkische Premierminister in Wien ist? Das sind alles Fragen, die man sich stellt. Wenn das so ist – so sehen es einige Österreicher – dann können sie nicht als Mitbürger betrachtet werden. Sie sollen sich schließlich entscheiden, wollen sie jetzt Türke/Türkin sein oder Österreicher/in. Beides geht offensichtlich nicht. Zumindest aus Sicht einiger Menschen, die, so erscheint es mir, noch nichts von multipler Identität gehört haben.

Petra Stuiber schrieb in ihrem Kommentar zwei Tage vor dem Besuch Erdogans, österreichische Politiker sollen erst verinnerlichen, dass Türken der ersten, zweiten und dritten Generation nicht Gäste, sondern Mitbürger seien. Sie verdienen Respekt, gleiche Rechte und Chancen. „Hätte man Türken nicht jahrzehntelang als Mitbürger zweiter Klasse behandelt, müsste man sich jetzt nicht vor dem “Spaltpilz” Erdogan fürchten.” In diesen Punkten stimme ich ihr zu. Ibrahim Beyazit, ehemaliger SPÖ-Mitglied, fragt sich warum Erdogan überhaupt so viele Fans in Österreich hat. Seiner Ansicht nach, hätten Türken keine Heimat gefunden und klammern sich deswegen an diesen Mann. Österreichs Politiker seien dafür verantwortlich, denn sie „sehen uns Türken nur als Trittbrett vor irgendwelchen Wahlen, dazwischen vermitteln sie, man solle froh sein, dass man dableiben darf“, so Beyazit, der nach 28 Jahren aus der SPÖ ausgetreten ist.

Vielfalt

Die Meinungsverschiedenheit machte sich gestern auch unter den Austro-Türken breit. Auch Türken sind unterschiedlich. Die einen sehen sich als Österreicher, die anderen mehr als Türken. Die einen sind für Erdogan, die anderen gegen ihn. Der gestrige Besuch Erdogans hat gezeigt, dass die österreichische Politik viel zu viel verabsäumt hat und stets die ‚Anderen‘ dafür verantwortlich machen will.


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