Sind Ethno-Reporter in Österreich Journalisten zweiter Klasse?

Ethnische Printmedien in Österreich, Symbolbild - ©Milli Flener

11.04.2011 | 20:12 | Clara Akinyosoye

Um den Fall eines austro-türkischen Journalisten mit der Polizei wird nicht viel Aufhebens gemacht. Auch Medien mit Integrationsseiten, Minderheiten- bzw. Migrantenredaktionen schweigen dazu. Leider. Dabei hätte es genauso auch einer von ihren Mitarbeitern sein können.

Nach dem Österreich-Türkei Spiel kam es am Reumannplatz zu unschönen Szenen. Der Herausgeber der türkischen Monatszeitung Yeni Nesil Gazetesi wurde von Polizisten an der Ausübung seiner journalistischen Tätigkeiten (Filmen einer Amtshandlung) gehindert. Es kam dabei zum Einsatz fragwürdiger Methoden. Sert berichtete am folgenden Tag davon, dass man einen Hund auf ihn gehetzt und ihn verspottet hätte. Auf Facebook verbreitete er mitgeschnittene Videos, die kaum jemanden am Wahrheitsgehalt seiner Erzählungen zweifeln ließen. M-MEDIA berichtete sofort und als Erster über die Ereignisse.

Ergün Serts Fall ist tragisch. Aber nicht nur weil die Polizei sich wieder einmal von ihrer schlechtesten Seite gezeigt hat, sondern weil es auch die meisten Medien tun. Sert kontaktierte größere und kleinere österreichische Medien. Er unternahm den Versuch ihm bekannte und weniger bekannte Journalisten zu mobilisieren. Er brachte das Videomaterial in Redaktionen, führte Telefonate und verschickte E-Mails. Nichts half. Zumindest nicht in Österreich. In Deutschland, in der Türkei, auch in Tschechien wurde über den Fall berichtet. Doch wo  bleiben die Berichte aus Österreich?

Zu der eigenwilligen Beschränkung der Pressefreiheit durch Wiener Polizisten schweigen die Medien still. Schließlich war es die Menschenrechtssprecherin der Grünen, Alev Korun, die sich um die Pressefreiheit sorgte und prompt eine parlamentarische Anfrage an Innenministerin Maria Fekter richtete.Und auch zu der herabwürdigenden Behandlung eines Journalisten haben die Medien nichts zu sagen. Von Solidarität unter Journalisten keine Spur. Ob es daran liegt, dass Ergün Sert Journalist eines Migranten-Mediums und nicht eines renommierten Mainstream-Mediums ist oder dass er Migrant, kein autochthoner Österreicher ist, sei dahin gestellt. Möglich ist, dass es eine herb-bittere Mischung aus beidem ist.

Keine Solidarität unter Journalisten

Als Journalistin und als Österreicherin mit Migrationshintergrund kann ich mich mit Leichtigkeit mit Ergün Sert solidarisieren. Als Leiterin einer multikulturellen Redaktion stößt mir sauer auf, wie hier mit einem österreichischen Journalist türkischer Herkunft umgegangen wurde. Es hätte schließlich auch einer von uns sein können. Es hätte auch jemand aus der M-MEDIA Redaktion sein können, der an diesem Abend zufällig Zeuge einer polizeilichen Amtshandlung geworden und von seinen Rechten und Pflichten als Journalist Gebrauch gemacht hätte.

Es hätte einer der Kollegen und Kolleginnen der verschiedenen Integrationsseiten, Migranten- oder Minderheiten-Redaktionen österreichischer Medien sein können, die sich durch engagierte Journalisten mit Migrationshintergrund zusammensetzen.

Besonders, dass jene Medien es nicht für notwendig befunden haben, über diesen Fall zu berichten, die selbst solche Redaktionen haben bzw. mit ihnen zusammenarbeiten ist schmerzlich. Und es lässt Fragen offen, für die es keine befriedigende und zugleich glaubwürdige Antwort geben kann.

Wie etwa: sind die Rechte eines Journalisten mit Migrationshintergrund für Mainstream-Medien weniger wert? Sind die Rechte eines Journalisten eines Migranten-Mediums weniger wert? Sensibilisiert die Arbeit mit Migranten-Redaktionen so wenig, dass die Relevanz des Fall Serts nicht erkannt werden konnte?

Die Kolleginnen von Heimat Fremde Heimat berichteten am 10. April über die Ereignisse nach dem Länderspiel. Den Bericht verfolgte ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Warum lachend? Durch die engagierten Kolleginnen bekam Ergün Sert nach rund zwei Wochen doch noch die Aufmerksamkeit, die er verdient hat. Warum weinend? Dass es die ORF-Minderheiten Redaktion war, die sich dem Thema angenommen hat, ist eine Bestätigung dafür, dass Migrationshintergrund scheinbar ein bedeutender Faktor ist, um den Fall Sert als Journalist wirkliche Relevanz einzuräumen. Und das ist nun wirklich kein Anlass zur Freude.

(CLARA AKINYOSOYE)


ein Kommentar

  • Christine 123

    Wir sind doch in keinem freien Land! Journalisten haben Angst, die Wahrheit zu schreiben...Politikerfamilien bekommen vom Land Österreich Grund geschenkt... Andere selbigen NICHT gegen Bargeld zu kaufen....!!! Geschrieben um 22. Juni 2011 um 10:55 Antworten

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