Holocaust-Gedenktag: Erinnern und kämpfen

Ausschwitz Schriftzug (c) Rob Smith

27.01.2012 | 16:27 | Jana Rosenfeld

Dieses Jahr findet der WKR-Ball am selben Tag wie der internationale Holocaust-Gedenktag statt. Die Tanzveranstaltung ist ein Symbol für die gesellschaftliche Akzeptanz von Rechtsextremismus und daher eine Schande für Österreich. Es ist richtig und wichtig zu demonstrieren, gegen den WKR-Ball und jegliche weitere Form von Rechtsextremismus und Rassismus. Gleichzeitig sollten wir aber nicht vergessen, worum es an diesem Tag auch geht: Gedenken!

Am 27. Jänner ist internationaler Holocaust-Gedenktag, denn es jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, dem  Symbol für die systematische Vernichtung der Juden und Jüdinnen und vieler anderer Menschen während der Shoa. In den letzten Tagen wurde überall hitzig über den WKR-Ball diskutiert. Dass er dieses Jahr am selben Tag wie der internationale Holocaust-Gedenktag stattfindet, ist eine besondere Schmach. Gedenken allein reicht nicht, sondern es ist gleichzeitig ein Anlass für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen. Doch wenn wir heute alle zusammen gegen jede Form von Rechtsextremismus demonstrieren, dürfen unter all den Kampfansagen die mehr als eine Million Menschen, die in Auschwitz umkamen und all die anderen Opfer des NAZI-Terrors nicht vergessen werden.

Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Vielleicht tut sie das auch. Aber als ich mehr als 60 Jahre nach der Befreiung in Auschwitz, an dem Ort, wo ein großer Teil meiner Familie umkam, stand, merkte ich davon wenig. Egal wie viel ich mich mit der Shoa beschäftigte, mein Schmerz, mein Gräuel und meine Wut ließen nicht nach.

Ich werde nie vergessen, als ich 2006 das erste Mal in Auschwitz war und hinter einem der Gläser einen Koffer mit dem Namen meines Großvaters sah. Ich stand entsetzt da und konnte es nicht fassen, bis ich begriff, dass dieser Koffer höchst wahrscheinlich nicht meinem Großvater gehörte. Schließlich wurden so viele Leute mit demselben Namen in dieses Konzentrationslager deportiert.

Meine Großmutter und mein Großvater waren beide unter den ‚Glücklichen’, die überlebten. Nach der Befreiung, am Weg von Auschwitz nach Prag, lernten sie sich kennen und lieben. Es gab ihnen Hoffnung, dass Liebe auch in einer so grausamen Welt möglich war. Aber sie gehörten auch zu den Verdammten, die die Erinnerungen an ihre Familien und alles, was sie verloren, ihr Leben lang mit sich tragen mussten. Nach Auschwitz kehrten sie niemals zurück und sprachen auch nicht darüber, aber egal wie sehr sie die Erinnerungen loswerden wollten, die Nummern an ihren Armen waren ihre ständigen Begleiter.

Als ich das erste Mal in Auschwitz stand, fragte ich mich die ganze Zeit, was meine Großeltern wohl dazu sagen würden, dass ich an den Ort, an dem sie die schrecklichste Zeit ihres Lebens verbrachten, zurückgekehrt war. Würden sie es gutheißen, dass ich über die Schienen stieg, die damals Züge voll Menschen in den sicheren Tod führten? Würden sie es begrüßen oder ablehnen, dass ich versuchte, nicht zu vergessen, was sie so unbedingt vergessen wollten?

Als mich etwa zwei Jahr später das Schicksal ein zweites Mal an diesen Ort führte, waren diese Fragen nicht mehr in meinem Kopf. Ich wusste, dass es meine Aufgabe war nicht nur nicht zu vergessen, sondern auch aktiv zu erinnern. Dies ist wahrlich eine Last; eine, die mit Trauer, aber auch mit Verantwortung zu tragen ist. Denn die Vergangenheit ist Vergangenheit. Aber die Spuren und vor allem die Lektionen, die wir lernen, erstrecken sich in die Gegenwart und weit in die Zukunft.

 

 

 


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