Kein Weihnachtsbaum, kein Österreicher?

Weihnachten (c) M. Flener

24.12.2011 | 1:02 | Jana Rosenfeld

Gedanken zur Weihnachtszeit – M-MEDIA Redakteurin Jana Rosenfeld erzählt wie die sogenannte besinnlichste Zeit des Jahres aus der Perspektive einer Jüdin aussieht.

Es herrscht eine fast magische Atmosphäre. Die Stadt erblüht in bunten Lichtern, es riecht nach Lebkuchen und Tannenbäumen und von überall hört man Musik erklingen.  Die Leute sind freundlicher und lächeln mehr. Sie tummeln sich auf den Einkaufsstraßen, um ihren Lieben Geschenke zu kaufen, oder versammeln sich zum Punschtrinken am Weihnachtsmarkt. Die Weihnachtszeit ist schon eine besondere Zeit, ob man nun religiös ist oder nicht. Ganz besonders Kinder lieben sie. Alle Kinder? Nein, denn ich wollte  mich früher am liebsten verkriechen und warten bis es vorbei ist.

Mehr als einen Monat lang dreht es sich in der Schule um nichts Anderes. Anfang Dezember zieht jeder Schüler den Namen eines Kollegen, den er bis Weihnachten mit Geschenken und Freundlichkeit überhäufen soll. Jede Woche wird zusammen eine Adventskerze gezündet. Jeden Tag wird eine Lebensweisheit aus dem gemeinsamen Adventskalender, der im Klassenzimmer hängt, enthüllt. Und in fast jeder Stunde, nicht nur im Musikunterricht, werden Weihnachtslieder gesungen. Mit dem wohlverdienten Entlass in die Weihnachtsferien und der Verabschiedung „Fröhliche Weihnachten“ ist es jedoch noch nicht geschafft.  Beim Wiedersehen im Jänner wollen alle wissen, wie denn die anderen Weihnachten verbracht und was sie geschenkt bekommen haben. Noch Wochen danach stehen die geschmückten Bäume herum, die Lieder erklingen in den Geschäften und die Leute schwärmen von der Trautsamkeit der stillen und heiligen Nacht. Und wie fühlen sich die, für die der 24. ein Tag wie jeder andere ist? Wenig weihnachtlich!

Obwohl ich nie gläubig, geschweige denn religiös war, war meine jüdische Identität immer stark in mir verankert. Seit je her besuchte ich eine säkulare, jüdische Jugendorganisation, wodurch ich auch viele Freunde hatte, die genau verstanden, was in mir in dieser Zeit vorging.  Einige von ihnen feierten Weihnachten, weil sie das Produkt einer Mischehe sind und in ihrer Familie beide Traditionen, die jüdischen und die christlichen, gelebt werden. Manche zelebrierten Weihnachten, weil es für sie, genau wie Silvester, einen Teil ihrer österreichischen Kultur ausmachte und andere wiederum verbrachten den Tag wie ich, durch die Kanäle zappend und anderen Familien durch die Glotze beim Feiern zusehend.

Eine besinnliche Zeit für jedermann?

Lange Zeit verspürte ich – und nicht als Einzige – immer eine gewisse Leere und wünschte mir auch einmal feierliche Weihnachten zu verbringen. Jährlich musste ich mich mit mit Mitleid geschmückten Fragen wie  „Heißt das, du bekommst auch keine Geschenke?“ oder „und ihr habt nicht einmal einen Baum?“ herumschlagen. Doch dass mich dies tatsächlich traurig machte, gab ich nie zu. Schließlich wollte ich mich stolz fühlen „anders“ zu sein. So entwickelte ich mit der Zeit Standardantworten und entgegnete zum Beispiel, dass ich nicht nur 1, sondern 8 Geschenke bekäme. Zwar ist es wahr, dass Chanukka, der Feiertag, den die Juden und Jüdinnen meist im Dezember feiern, 8 Tage lang ist, aber dass man jeden Tag ein Geschenk bekommt, ist unüblich. Heute weiß ich auch, dass dies nicht wichtig ist, doch damals half mir das eifersüchtige Erstaunen meiner Freunde einen kurzen Moment mit meinem eigenen Unzulänglichkeitsgefühl umzugehen.

Sicherlich gehörte ein gewisser kindlicher Neid nach materiellen Geschenken und einem geschmückten Baum mit dazu, doch in Wirklichkeit hatte ich das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Ich fragte mich, was ich bloß falsch gemacht und ob ich es verdient hatte, nicht dazu zu gehören. Dies gipfelte manchmal sogar darin, dass ich insgeheim wütend auf meine Eltern wurde, die ja tatsächlich nichts dafür konnten. An einem Tag verfluchte ich meine jüdische Abstammung und am nächsten beschäftigte ich mich mehr mit ihr und suchte nach den Vorteilen und nach Wegen mich abzugrenzen.

Weihnachten und die Zugehörigkeit zum österreichischen Kollektiv

Heute weiß ich, dass ich mich weder schämen, noch stolz sein muss, dass ich nun mal Jüdin bin und kein Weihnachten feiere. Ich hab es akzeptiert und bin glücklich damit. Österreich ist meine Heimat und Weihnachten ist ein Teil davon. Auch wenn ich mich manchmal nur sehr zögerlich mit diesem, unserem Land identifiziere, so bin ich doch sehr stark durch die österreichische Kultur und das Leben hier geprägt. Doch eines ist mir heute bewusst. So säkular ich, so säkular die österreichische Gesellschaft auch sein mag, manchmal fühle ich mich nicht als vollwertiges Mitglied.

Zu Weihnachten wird in einer gewissen Weise die Zugehörigkeit zum österreichischen Kollektiv manifestiert. Auch wenn die christlichen Wurzeln kaum mehr sichtbar sind, so fühle ich mich zu dieser Zeit nicht zugehörig, während die meisten meiner Freunde, obwohl die große Mehrheit Agnostiker oder Atheisten sind, nicht dasselbe Problem haben. Wie gesagt, ich hab mich heute damit abgefunden oder mehr noch, ich sehe die Vorteile. So kann ich mich laufend beliebt bei meinen Arbeitskollegen machen, indem ich ihnen ihre Dienste zu Weihnachten abnehme und habe außerdem keinen Stress damit in überfüllten Geschäften Geschenke auszusuchen.

Lange Zeit verband ich eher negative Gefühle mit Weihnachten. Heute kann ich mich an den vielen schönen Dingen, die diese Zeit magisch machen, erfreuen –  als außenstehende, manchmal auch teilnehmende Beobachterin. Ich genieße es Punsch am Christkindlmarkt trinken zu gehen und mit Freunden einen Weihnachtsbaum zu schmücken. Nichtsdestotrotz hat dies für mich keine tiefere Bedeutung, sondern es sind Dinge, die man im Dezember halt tut, sowie man im Sommer Eis isst. Als Erwachsene plötzlich doch richtig zu feiern, erschiene mir daher unnatürlich. Mittlerweile  habe ich außerdem gemeinsam mit anderen jüdischen Freunden eine Alternative entwickelt. Jedes Jahr treffen wir uns am 24. Dezember und verbringen einen tollen Abend miteinander. Wir haben nun unsere eigenen Traditionen. Ich sitze nicht mehr vor dem Fernseher und wünsche mir einen Tannenbaum. Ich fühle mich nicht mehr unzulänglich und weniger österreichisch.

Trotzdem, ich kann diese Gefühle noch immer gut nachvollziehen. Wenn sich schon ein in Österreich aufgewachsener und vollkommen “assimilierter” Mensch einmal pro Jahr mehrere Wochen lang durchgehend ausgeschlossen fühlt, wie soll dann jemand, der zuzieht und nicht daran gewöhnt ist, empfinden? Wie kann man von Menschen verlangen sich zu assimilieren und eine neue Kultur ihr eigen zu machen, wenn sie schon das bloße Nicht-Feiern eines Festes in ihre Schranken weist. Österreich ist eine multikulturelle Gesellschaft – doch im weihnachtlichen Konsumrausch scheint das jedes Jahr aufs Neue vergessen zu werden.

(KEITH HILLMAN “Stresstips.com“, Online, 11.09.2011)


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