Novemberpogrom-Gedenktagen: Was macht Strache in der ORF Pressestunde?

NovemberPogrom

10.11.2015 | 18:23 | Kerstin Kellermann

Nicht nur Heimkinder und Roma beschwerten sich in den Medien, dass man über den syrischen Kriegsflüchtlingen nicht auf sie vergessen sollte. Auch FPÖ-Politiker Strache kannte zu den Novemberpogrom-Gedenktagen keine größeren Sorgen als die „Überflutung“ Österreichs durch Flüchtlinge.
Wahrscheinlich wäre es für die Nachkriegs-Gesellschaften leichter gewesen, hätte man auch das Leiden der Täter-Kinder anerkannt, der Söhne und Töchter der Nazi-Nachfahren. Aber viele Betroffene drängen sich bis heute vor, verweisen auf ihre Befindlichkeiten und besitzen beneidenswert viel Energie, um sich zu beschweren. Ähnlich wie der FPÖ-Politiker Strache, der pünktlich zu den Novemberpogrom-Gedenktagen prominent im Fernsehen sein musste  und darauf verweisen, dass in Wahrheit „wir“ die Leidenden wären und nicht diese rennenden syrischen Flüchtlinge. Derzeit sind die Flüchtlinge Straches beliebteste „Anti-Opfer-Gruppe“  und er schwört dem Antisemitismus ab.
Sicher ist es schwierig, von einem Wehrmachts-Opa aufgezogen worden zu sein, aber wenn dieser wie bei Strache ein „Vertriebener“ war – sprich ein Flüchtling!, aus den ehemals deutschsprachigen Gebieten Südosteuropas, so muss man als Nachfahre wohl ganz kräftig den Flüchtling in sich unterdrücken. Und gleichzeitig, sozusagen seitenverkehrt, permanent auf diesen verweisen. Denn wie sonst ist es möglich, dass man zwar Mitleid mit einigen von Grund und Boden Verscheuchten haben kann, aber dass schon bei den vertriebenen Kärntner Slowenen, von denen nicht wenige Bäuerinnen im KZ Ravensbrück landeten, die Toleranz aufhört? Hätte man das Leid der Nazi- oder Wehrmachtssoldaten-Nachfahren offiziell anerkannt, wären dann viele offener gegenüber dem Leiden und der Vernichtung der europäischen Juden gewesen? Bundeskanzler Bruno Kreisky probierte diesen Weg aus, doch seither schreien einige dieser Exemplare wieder laut und deutlich: Wir sind die Ärmsten! Bitte, ich!
„Krieg ist kein Fluchtgrund!“, behauptete Heinz Christian Strache und für seinen Opa war das wohl auch so. Sondern die neuen Machteliten entfernten den Großvater von seinem Besitz, nicht der Krieg an sich. Strache nimmt den Krieg auf die leichte Schulter.
Verschiedene Opfergruppen befürchteten in letzter Zeit über die Aufmerksamkeit und die Aufwendungen für syrische Flüchtlinge in den Hintergrund zu geraten. „Vergeßt die Roma nicht“, lautete der Titel eines  Zeitungskommentars und auch Heimkinder-Vertreterinnen befürchteten nun kein Mitleid mehr zu erhalten. Eine typische Angst, ein typisches Verhalten von traumatisierten Personen: Wenn andere etwas erhalten, so sei für sie nichts mehr vorhanden und sie würden durch die Finger schauen.
Flüchtender Vertriebener
Dass in der ORF-Pressestunde genau zu den Novemberpogrom-Gedenktagen diesem Politiker so viel Raum gewährt wurde, finde ich falsch, denn dann sitzt ein gut genährter, eleganter, äußerlich unversehrter Mensch im Studio und pudelt sich mächtig auf. Den „Flüchtlingsstrom“ einbremsen, stoppen, nach Grenzzäunen rufend, verteidigt er seine eigene Position als beklagenswerter Vertriebenen-Enkel. Kein Flüchtling. Mein Opa war kein Flüchtling! Die „Vertriebenen“ hießen aber damals im Volksmund auch Flüchtlinge und nicht wenige landeten in den vermischten Displaced Persons-Lagern, in denen alle leben mussten, die nach dem Krieg über kein Zuhause mehr verfügten. Ich kenne einen Mann, der 1967 in so einem Displaced Persons-Lager bei Salzburg geboren wurde, als Sohn eines kriegsvertriebenen Serben und einer Magd, die vor sexueller Gewalt am Bauernhof flüchtete. Er lebt in dem einzigen Gemeindebau in Wien, in dem die FPÖ die Mehrheit hat und leidet stillschweigend an Depressionen. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges trägt er in sich fort und zum Schreien bleibt ihm wenig Kraft.

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