Ljubomir Bratić – Dieses Land ist unser Land

Symbol - ©Milli Flener

22.04.2011 | 12:04 | REDAKTION

Man wirft uns MigrantInnen vor, dass wir nicht integriert sind. Warum eigentlich? Zahlen wir nicht Steuern? Zahlen wir nicht unsere Wohnungen? Erledigen wir nicht die billigsten Jobs? In dieser Hinsicht, als Nettozahler, scheinen wir genug integriert zu sein. Nur wenn wir Gleichheit fordern, gelten wir als nicht integriert. Da wird von den Herrschenden «Integriert euch!» gerufen.

Dieser Imperativ basiert auf nichts als einer Lüge! Einer Lüge, deren einzige Funktion darin liegt, dass wir als diejenigen, die vermeintlich «nicht integriert» sind, weiterhin die Drecksarbeiten verrichten.

Wir wissen: Dieses Land ist ein postnazistisches Land. Die Forderung nach den Zwangsdeutschkursen entspricht einer langen Tradition der Deutschtümelei, die immer wieder ihr hässliches Haupt erhoben hat und erhebt. Der rabiate Antisemit Karl Lueger stellte sie, und seine Schwester Maria Fekter stellt sie auch. Wir sind aber hier! Österreich ist nach dem Sturz des Faschismus kein deutsches Land mehr. Das muss klar sein! Und es wird auch nie mehr eines werden!

Ob die Eliten das wahrnehmen oder nicht – wir «Tschuschen» sind schon längst ein Bestandteil dieser Gesellschaft. Unsere Kinder wachsen hier auf und gehen hier in die Schule, unsere Toten werden auf dem Zentralfriedhof begraben. Und wir werden für immer da bleiben! Dieses Land ist unser Land! Dieses Land ist ein Einwanderungsland! Von den Herrschenden ist also zu verlangen, dass sie sich in die neuen gesellschaftlichen Realitäten integrieren sollen! Wir sind schon längst darin integriert und ein für alle Mal hier zu Hause! Indem wir das Land über Generationen hinweg ernähren, haben wir die gleichen Rechte erworben wie diejenigen, die meinen, in ihren Adern fließe Ostarrichiblut.

Die neuen Gesetze, die nun im Ministerrat – wohlgemerkt auch von einer Gleichstellungsministerin – beschlossen würden, wollen genau diese Gleichberechtigung verhindern. Sie wollen verhindern, dass wir auch de jure und nicht nur de facto Teil der Gesellschaft werden. Sie wollen unsere Teilnahme an der Gesellschaft verhindern, in der wir schon längst die ProduzentInnen der Reichtümer sind. Nach dem neuen Gesetz können künftig die Menschen wegen eines Verwaltungsdeliktes (z. B. Falschparken oder bei Rot über die Straße gehen) abgeschoben werden.

Fortsetzung auf der Homepage der Zeitschrift Augustin

Ljubomir Bratić

Auszug aus seiner Rede am 1. März 2011 anlässlich des «Transnationalen MigrantInnen-Streiks» auf dem Viktor-Adler-Markt in Favoriten

—-

Ljubomir Bratić stammt aus Serbien und kam als Student nach Österreich. Er hat als Flüchtlingsbetreuer gearbeitet, ist Philosoph, Sozialwissenschaftler, Publizist und Aktivist in Wien. Aktuelle Veröffentlichung Politischer Antirassismus – Selbstorganisation, Historisierung als Strategie und diskursive Interventionen



Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von REDAKTION