London-Attentäter: “Nicht einfach Wirrköpfe”

London (c) Lauren_Xochistlahuaca (flickr)

19.06.2013 | 12:26 | Kerstin Kellermann

Die Tatsache, dass die meisten Flüchtlinge und Migranten Krieg bzw. Bürgerkriege ohne größeren, geistigen Schaden überstehen, ist erstaunlich. Die Attentäter in London hingegen wählten den Weg der Zerstörung und Vernichtung. 

Warum konvertierten die beiden Londoner Soldatenmörder als Jugendliche in Nigeria vom Christentum zum Islam? Was ist passiert? Noch Anfang Mai wurden in Nigeria bei Zusammenstössen zwischen Muslimen und Christen vierzig Menschen getötet. Stimmt es, dass der beste Freund des einen, ein Afghane, vor kurzem in London mit einer Machete ermordet wurde? Wenn man die beiden mutmaßlichen Täter – wie einige Kommentatoren – nur als Psychopathen darstellt, spart man sich sämtliche Hintergrund-Fragen. Und selbst wenn man ihnen ein Krankheitsbild zugesteht, nimmt doch auch Geisteskrankheit immer Formen an, die der Gesellschaft nahe stehen, sprich, in ihr verwurzelt sind. Zum Beispiel gibt es in den Psychiatrien fast keine Menschen mehr, die sich für Napoleons halten. Was früher sehr oft vorgekommen ist.

Das Opfer war ein Afghanistan-Veteran, ein Soldat, wurde also gezielt ausgesucht. Wären die beiden völlig dem Wahnsinn verfallen, so hätte der Getötete ja auch ein Fish’n Chips Händler oder ein fundamentalistischer Christ sein können. Aber zwei junge Männer, deren Lebensrealität sich, glaubt man den Zeitungen, hauptsächlich im Drogenhandel abspielt, suchen sich jemanden, der in Afghanistan gekämpft hat? Dessen Frau noch immer dort als Soldatin arbeitet? Diese Mörder waren nicht einfach „Wirrköpfe“, wie ein Journalist schrieb, mit dieser Einschätzung ignoriert man die gesamte Kriegs-Realität in den verschiedenen Ländern und ihre schrecklichen Folgen, auch für Menschen, die außerhalb leben. Und das soll absolut keine Entschuldigung sein, denn jeder muss sich seinen Gespenstern stellen und eben nicht weiter Zerstörung anrichten.

Selbst zum Mörder werden 

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit Tod und Gewalt umzugehen. Man kann diese Erlebnisse in sich selbst belassen, bis sie rotieren, wie in einer Waschmaschine, die schleudert. Oder man kann Nahtod-Erfahrungen und deren Folgen wie Flashbacks oder Dissoziationen bekämpfen, indem man sich obsessiv an einen anderen Menschen klammert. Man kann auf andere Opfer losgehen, die als Blitzableiter oder Ventil benutzen, oder – und dies ist eher die männliche Variante – Zerstörung und Gewalt direkt weiter führen und selber zum Mörder werden. Dies ist die schlimmste Variante Todeserfahrungen zu „bearbeiten“. Man kann aber auch versuchen, in kleinen Portionen die schrecklichen Erinnerungen bei Professionisten abzuladen – je nach Ressourcen und Zeit.

Was aber, wenn die eigenen und kollektiven Todeserfahrungen ein unvorstellbares Ausmaß annehmen – im Krieg zum Beispiel? Die ganze Gesellschaft betroffen ist? Nicht nur die eigene Schwester ermordet wird, sondern auch der Schuldirektor, der Arzt von nebenan, Kinder? Was, wenn man ohnmächtig zusehen muss, wie das eigene Land in Ruinen zerfällt, die Bewohner sich gegenseitig attackieren und man nicht mehr weiß, welchen Schmerz man zuerst aushalten soll? Jeder, der an dieser Stelle denkt, das hätte mit ihm nichts zu tun, bedenke, dass auch seine Vorfahren über mehrere Generationen mit dieser Erfahrung konfrontiert wurden und dass diese Tatsache in seiner Familie Spuren und Schäden hinterlassen haben muss.

Immun gegen Gewalt

Wer nun aus den Attentaten in Boston und London eine Art Generalverdacht gegen Flüchtlinge oder Migranten herleiten will, sollte bitte würdigen, dass genau die Gewalterfahrungen bei den meisten Menschen eine Immunisierung bewirken. Sie flüchten genau, um mit Kriegen nichts mehr zu tun zu haben. Wie einzelne dieser Flüchtlinge es schaffen, sich den Glauben an die Menschheit und das Vertrauen zu bewahren, ist eine große Leistung. Die Gesellschaft sollte aber möglichst viele Möglichkeiten zur Verarbeitung anbieten, wie zum Beispiel kollektive Trauer-Rituale, Anerkennung des Leids, Denkmäler, materielle Ressourcen und vor allem Kommunikation.

Dass jetzt Rechtsextreme in London aus diesen Abgründen in Menschen mit „(Bürger)Kriegs-Hintergrund“ Kraft schöpften, ist klar. Rechtsextreme und Neonazis haben es schon immer verstanden, aus kollektiven Traumata Kapital zu schlagen, indem sie die Täterseite internalisieren. Sehr bitter ist die Kriegsrealität in vielen Ländern. Eine öffentliche Anerkennung des Leidens der Betroffenen könnte zumindest bei einigen die Wut- und Rachegefühle reduzieren. Auch wenn es immer wieder welche geben wird, die den falschen Weg gehen.


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