Maria Fekter als Beschützerin der “armen” Reichen

Geldscheine © Maik Meid (flickr)

18.09.2011 | 16:37 | Jana Rosenfeld

Ein neuer Vergleich gesellt sich unter die bereits lange Liste unsinniger Gegenüberstellungen zwischen dem an den Juden begangenen Genozid und anderen mehr oder weniger schrecklichen Übeltaten. Es scheint, wir können es einfach nicht lassen.

Tieren in Mastbetrieben geht es wie den Juden im Konzentrationslager, denn auch sie leben in speziell für ihre systematische Ausbeutung oder Tötung errichteten Lagern. Abtreibung ist „Babycaust“ und Ärzte, die eine solche durchführen, sind „Tötungsspezialisten für ungeborene Kinder“, heißt es auf Flyern von Nürnberger Abtreibungsgegnern. Zwischen Leugnern des Klimawandels und solchen, die die Existenz des Holocausts für eine Lüge erklären, gibt es außerdem nicht viel Unterschied, weil beides unter die Kategorie „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ fällt. Der neueste Vergleich der österreichischen Finanzministerin Maria Fekter passt in diese Aufzählung. Bei einem Treffen der Euro-Gruppe in Polen vergleicht sie die Judenverfolgung mit Banken- und Kapitalismuskritik und kommentiert damit angeblich ihre Sorge um den aufkommenden Nationalismus in Europa. „Wir bauen gerade enorme Feindbilder in Europa auf: gegen die Bänker, gegen die Reichen, gegen die Vermögenden. So etwas hatten wir schon einmal. Damals war’s dann verbrämt unter gegen die Juden, aber gemeint waren damals ähnliche Gruppierungen, und es hat zwei Mal in einem Krieg geendet.“

Eines ist klar. Genau wie wir die Welt alle unterschiedlich wahrnehmen, sind auch Vergleiche immer subjektiv. Es ist immer schwer zu sagen, wann ein Vergleich legitim ist und wann nicht. Und trotzdem haben solche Gegenüberstellungen ihre Wirkung. Die Judenverfolgung oder die Nazis müssen dabei besonders oft herhalten, schließlich klingt unsere Kritik viel alarmierender und erregt mehr Aufmerksamkeit, wenn sie mit einem Verweis auf das ultimativ Böse untermauert wird.

Schon seit längerem gibt es unter Historikern eine Debatte über die Einzigartigkeit des Holocausts. Befürworter der Singularitätsthese argumentieren, dass jeglicher Vergleich zu anderen Genoziden eine Verharmlosung darstelle, da eine derart industrialisierte und systematisierte Form der staatlich offen geplanten Massenvernichtung aufgrund einer rassistischen Ideologie beispiellos sei. Gegner andererseits weisen auf die Unvergleichbarkeit jedes historischen Ereignisses hin und meinen, dass sich die Einzigartigkeit des Holocausts erst durch den Vergleich mit anderen Genoziden zeige. Egal, ob man der Meinung ist, dass Bemerkungen über die Ähnlichkeiten zwischen Islamophobie und Antisemitismus oder der Name Holocaust für andere Völkermorde adäquat sind oder nicht, ist bei einem so heiklen Thema Vorsicht angebracht. Es ist geschmacklos, insbesondere in Österreich, das, wie wir mittlerweile alle wissen sollten, nicht unschuldig an der Tragödie ist, bei so vielen nicht im Zusammenhang stehenden Themen auf die Verfolgung der europäischen Juden hinzuweisen.

Und für eine österreichische Ministerin gehört sich das schon gar nicht. Dass sich unsere Finanzministerin Fekter nun als Beschützerin der ‚armen’ reichen Verfolgten darstellt, strotzt vor besonderer Ironie, doch lustig ist es leider nicht. Sehen wir einmal davon ab, dass die größte Sorge der österreichischen Finanzministerin – das echte Problem des Nationalismus in Europa betreffend- den Bänkern und Vermögenden gilt. Lassen wir außerdem beiseite, dass ihrer Meinung nach Kritik an der heutigen Form des Kapitalismus an Faschismus grenzt. So ist ihr Vergleich trotzdem nicht nur unangebracht, sondern auch vorurteilsbeladen und einfach falsch. Schließlich wurden damals alle Menschen jüdischer Abstammung, egal ob arm oder reich, für minderwertig erklärt und verfolgt. Doch Fekters Aussage zufolge galt die Hetze damals eigentlich den Bänkern und Reichen, die zufällig alle Juden waren. Schließlich waren die Juden ja sehr mächtig und wollten die Weltherrschaft übernehmen; ein Vorurteil, das anscheinend immer noch nicht überwunden wurde.

Wenn wir nicht aufpassen, kann sich dann so etwas auch heute wiederholen und in einer echten Verfolgung der Wohlhabenden oder sogar in einem Krieg enden? Gott sei Dank nicht, denn heute steht ja die österreichische Finanzministerin als Beschützerin der Reichen hinter den Verfolgten und verteidigt sie.


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