Strache: Aus seinem Herzen eine Mördergrube machen

H.C. Strache © Dieter Zirnig/http://www.flickr.com/photos/sugarmeloncom/

11.02.2012 | 12:36 | Kerstin Kellermann

Jemanden das Mitgefühl austreiben und stattdessen eine Barriere errichten: Angst oder Hass. Wie nationalsozialistische Ideologien auf eine Immunisierung gegen menschliche Empfindungen abzielten und wie heute ähnliche Verhärtungs-Muster verwendet werden – auf das man sich von Verfolgten ab und Führern zuwenden möge, die alle Liebe für sich alleine benötigen.

In der Zeit im Bild konnte man sehen, dass Herr Strache genau weiß, worum es geht: „Im Gegenteil“, rief er, „ich wollte mein Mitgefühl ausdrücken!“ – mit „den Juden“ und mit sich selbst. Warum dieses Mitgefühl aber so verquere Formen annimmt? Dazu möchte ich weiter ausholen – zum Thema „Bedürftigkeit“: „Das nicht“, denkt sich Nelly, der fiktive Kind-Charakter, als den sich die Schriftstellerin Christa Wolf imaginiert, begeistert und beklommen zugleich – eingeklemmt zwischen der Warnung der Mutter „sich nicht weg zu werfen“ und der Weisung zur unbedingten Hingabe an den Führer. Das nicht: Sich als Mädchen absichtlich mit der Pest zu infizieren, um dann in das Lager der Feindes zu schleichen, und, indem sie sich „hingibt“, ihnen die Seuche zu bringen.

Eine ganze Kinder- und Jugendlichen-Generation war betroffen: Christa Wolf beschreibt in „Kindheitsmuster“ genau, wie die Verbindungen zwischen den Ideologien der Nationalsozialisten und den Empfindungen verlaufen und geknüpft wurden. Und wie Kinder zwischen dem Wunsch nach Anpassung und Anerkennung und eigenständigem Denken und Handeln hin und her gerissen werden. „Ein deutsches Mädel muss hassen können, hat Herr Warsinski gesagt“, schreibt Wolf und es sind auch noch andere starke Gefühle vonnöten, die allesamt auf gesellschaftliche Integration und Produktion von Tiefe in Form eines emotionalen „Unterbaus“ abzielen. „Jesus Christus, sagt Herr Warsinski, wäre heute ein Gefolgsmann des Führers und würde die Juden hassen.“ „Hassen?“, sagt Charlotte Jordan, Nellys Mutter später dazu. „War wohl nicht gerade seine Stärke.“

Blinder Hass

Einmal beobachtet Nelly kleine, alte Männer mit Bärten, die am Synagogenplatz in armseligen Häuschen wohnen. „Um ein Haar wäre Nelly eine unpassende Empfindung unterlaufen: Mitgefühl. Aber der gesunde deutsche Menschenverstand baut seine Barriere dagegen, als Angst.“ Wer als Kind angelernt bzw. gezwungen wird, Mitgefühl mit Schwachen und Unterlegenen in Hass und in Angst umzumünzen, hat später erhebliche Schwierigkeiten, Mitgefühl mit sich selber zu entwickeln. Geschweige denn mit Roma, Obdachlosen, Arbeitslosen oder Flüchtlingen… Und zum Beispiel, selbst wenn es einem finanziell schlecht geht, einer Bettlerin eine Münze zu geben.

In der Schule hört Nelly: „Der Führer muss sich blind auf euch verlassen können“. Blind? „Blinder Hass, ja das ginge, denkt sich Nelly. Sehender Hass ist einfach zu schwierig.“ Das kommt also aus dem Nationalsozialismus, dass einer ganzen Generation versucht wurde das Mitgefühl auszutreiben. Emotionaler Ersatz: Angst. Christa Wolf kämpft mit sich, indem sie sich selbst als Kind nach außen verlagert, in eine Extra-Person hinein, so kann sie besser beobachten, gleichzeitig wird sie sich selber fremd – diese schriftstellerische Maßnahme fördert die Trennung, die innere Abspaltung. Es kommt zu einer Mischung der Sätze einer Erwachsenen und den erinnerten Gefühlen eines Kindes: „Und danach von halber Treppe her Charlottes Ausruf: Ich scheiß auf euren Führer! Die Mutter lässt also den Führer im Stich.“

Sich verlassen

Hätte Herr Strache am Internationalen Holocaust Gedenktag gesagt, ich habe Angst, dass es Brandbomben auf unsere Buden gibt, hätte das ganz anders geklungen. Doch hier gibt es wohl noch weitere heftige Barrieren, wie eventuell eine unbewusste Angst vor möglicher Rache („Mein ist die Rache, spricht der Herr“ lässt sich im Buch Schnäuzchen-Opa auf seinen Grabstein schreiben), deren Sinn unwillkürlich eingesehen wird – nach dem was jüdischen Menschen angetan wurde. Frei nach Christa Wolfs Verschriftlichung einer „frei flottierenden“ Angst, die immer wieder zu bestimmten Anlässen sozusagen verdreht hoch kommt und aktuell fest gemacht wird: „Vor den Juden muss man Angst haben, wenn man sie schon nicht hassen kann. Wenn die Juden jetzt stark wären, müssten sie uns alle umbringen.“

Herr Mölzer befand, Herr Strache hätte in einem „emotionalen Ausnahmezustand“ von den „neuen Juden“ geredet. In der Fernsehdiskussion meinte Mölzer selbst zweimal, das sei „Wiederbetätigung“, was die anderen Diskussionsteilnehmer und die Moderatorin hier machten und befand erfreut, „auf diese Weise treiben Sie die Wähler zur Wahlurne für uns“. „Verfallen“ im doppelten Wortsinne – jemandem verfallen und selbst „verfallen“ – und „hörig“ sind deutsche Wörter. Genauso: „Kein Sterbenswort“. „Das Gebot ist, sich verlassen, in des Wortes Doppelsinn“, schreibt Wolf. Und: „Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“


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