Inländische Ausländer

Sie sind für den Journalismus geboren – aber auch in einem anderen Land. Sie möchten hierorts medial mitmischen – und müssen über Grenzen gehen, um anerkannt zu werden. Menschen mit fremdklingenden Namen und migrantischen Gesichtern erobern dennoch die Szene. In Bälde. Hoffentlich.

Besondere Kennzeichen: sehr eloquent, sehr gebildet, sehr charmant, sehr charismatisch und – sehr dunkler Look.
Simon Inou stammt aus Kamerun. Er hat Soziologie studiert, war Mitbegründer der ersten Jugendzeitung des Landes und Redakteur von Le Messager.

Seit 1995 lebt Inou in Österreich. Als Medienkritiker, Journalist und Organisations-Kapazunder ist der Mann eine Art Zentralgestirn für alles was mit „Migration“ anfängt und „Hintergrund“ aufhört. Vor kurzem hat Inou als Vorstand des Migrantenvereins M-Media die viel beachtete „Medien.Messe.Migration“ veranstaltet, eine faszinierend bunte Schau querbeet migrantischer Medien im Land.

„Es hat sich in den letzten Jahren schon vieles verändert. Zum Besseren“, sagt er. So werden Berichte der von Inou verantworteten Webseite Afrikanet.info von Mainstream-Journalisten aufgegriffen oder wiedergegeben. „Und auch wir“, fügt er hinzu „suchen Kontakte zu den nicht-migrantischen Journalisten, weil wir keine isolierten Inseln darstellen wollen, sondern Teil des österreichischen Puzzles sind.“

Scharf und mit Biss


Seit Jänner 2008 gestaltet Inou mit einem 13-köpfigen Team einmal wöchentlich eine redaktionelle Seite in Die Presse. Für die Zeitung ist’s ein kluges Investment. Wer die Vielfalt fördert, gewinnt auf Dauer. Immerhin leben 1,4 Millionen Menschen mit „Migrationshintergrund“ (was immer der Begriff auchmeinen will – siehe Kasten Seite 208) in Österreich.

Erster am neuentdeckten Feld war derStandard.at.Seit Februar 2007 wird im Ressort „Integration“ die Situation von Migranten der ersten, weiten und dritten Generation breitflächig thematisiert. „Wir wollen Konflikte weder schönreden noch verschweigen“, erklären die Ressort-Entwicklerinnen Heidi Weinhäupl und Maria Sterkl. „Wir wollen sie diskutieren. Und damit bestehende Stereotypen infrage stellen.“

„Scharf und mit Biss“ – so der Claim – gelingt das den Biber-Gründern Simon Kravagna (eigentlich Kurier-Redakteur) und Financier Andreas Wiesmüller. Eine der Redakteurinnen des hippen Stadtmagazins Biber ist Zwetelina Damjanova.

Das Heimat-Los

„Ich fühle mich nirgendwo wirklich zu Hause und gleichzeitig an zwei Orten“, sagt sie. Und deckt damit idealtypisch das Heimat(los)- und (Un)Zugehörigkeitsgefühl vieler Zuwanderer der ersten und zweiten Generation ab. Die 29-jährige Übersetzerin, Dichterin und Journalistin ist in Sofia geboren. Sie spricht und schreibt perfekt bulgarisch – und dank ihrer aus Kuba stammenden Mutter auch spanisch. Deutsch lernte sie ab ihrem achten Lebensjahr; der Vater wurde zum Wien-Korrespondent der bulgarischen Presseagentur bestellt. „Ich bin hier angekommen und verstand kein Wort. Ich war wohl ein Jahr lang wie in einer Glasglocke, abgeschnitten von allen und allem.“ Ihr Anker wurde ein aus Ungarn stammendes Mädchen. „Wir waren beide Außenseiter. Sie: dick, ich: ohne Sprache.“

Biber ist für Damjanova eine journalistische Heimat. Eine, die ihr Mut für mehr gibt. „Ich arbeite als Projektleiterin an einer Online-Zeitung. Wir werden mit viel Zusatzservices über alle gängigen Themen berichten, von Politik,Kultur, Gesellschaft bis Sport.“ „Getwien.at“, so der Arbeitstitel,
wird spätestens ab 2009 im Netz und für alle Wiener da sein. „Auch für Migranten“, lacht die studierte Romanistin. „So wie sich das Wiener
Telefonbuch liest, ist das in Summe ja eine gigantische Zielgruppe.“

Die Dichterin Damjanova publiziert in der spanischen Literaturzeitschrift casa del tiempo und in Lichtungen. Aktuell arbeitet sie an einem dreisprachigen Buch. „Ich will damit versuchen, die Grenzen zwischen den Sprachen aufzulösen.“

Gesucht: Migrant

Die stringenten Grenzen in den Köpfen eines großen Teils der autochthonen Bevölkerung aufzulösen, könnte da schon früher gelingen. Wenn man nur will. Erprobtes Mittel gegen Fremdenneurose, deren Auswüchsen unglaubliche Wahlergebnisse bis hin zu Ausländerfeindlichkeit sind, ist die Präsentation migrantischer Namen und migrantischer Gesichter in den Massenmedien.

Österreich in seiner Buntheit zeigen, hieße auch, einen Afrika-, China- oder sonstwo-stämmigen Nachrichtensprecher (oder sie) in einer der ZiBs zu sehen. Das wäre konsequent nichts anderes, als ein Abbild der Wirklichkeit zu zeigen. Erfreulich, dass im ORF derzeit gleich drei Sendungsverantwortliche einen Moderatorentypus mit dieser Zusatzqualifikation suchen. Klaus Unterberger, Public-Value-Beauftragter am Küniglberg: „Wir arbeiten fieberhaft daran.“

Die APA ist auf diesem Weg hin zur Normalität schon einen bestechenden Schritt weiter. Thomas Karabaczek, Ressortleiter Wirtschaft: „6 Prozent aller Redakteure der APA haben einen Migrationshintergrund. Die Kollegen arbeiten bei uns, weil sie sehr gut verschiedene Sprachen können. Und weil sie gute Journalisten sind.“ Ganz einfach.

Vielsprachigkeit hat in einer aktuellen Redaktion „immense Vorteile: Man ist unmittelbar am Geschehen und kann dadurch der Erste, der Schnellste und auch der Beste in seinen Berichten sein.“

Das Problem als Lösung

Noch kommen Zuwanderung und Zugewanderte am vergiftenden Boulevard nur als Problem vor. Im Rest der Medienlandschaft werden Vertreter der zweiten und dritten Generation zunehmend ihre Rolle als Mitgestalter einnehmen. Weil sie in den Beruf wollen. Und weil sie satte Trümpfe ausspielen können wie Fremdsprachen und Zugang zu diversen Communitys vulgo Kulturkreisen.

APA-Wirtschaftschef Karabaczek hat Herkunftsfragen „andersrum“ gestellt bekommen. Er ist als Sohn österreichischer Eltern in der Türkei geboren und aufgewachsen. „Mein Vater war Deutschlehrer an der österreichischen Schule in Istanbul.“ Mit 18 ist er zwecks Studium in Wien und schließlich über berufstypische Zufälle im Journalismus gelandet. Thema der Doktorarbeit: „Das wirtschaftspolitische Programm der Türkei von 1980 – eine Bewertung nach zehn Jahren.“

Mit Fakten und Daten rund um die Türkei kennt sich auch Münire Inam aus. Wer sie aber infolge ihres türkischen Namens wegen irgendwelcher Türkei-Probs adressiert, bekommt schon mal die einzig logische Antwort zu hören: „Ich bin ja nicht die türkische Botschaft.“ (siehe Gastkommentar links.)

Gastarbeiter-Report

Münire Inams Großeltern sind in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter eingewandert. Mit dabei, deren fünfjährige Tochter. „Jahre später hat meine Mutter in der Türkei geheiratet.“ Münire war wiederum sechs, als die Jungfamilie nach Wien übersiedelt ist. „Meine Mutter konnte sich in der Kleinstadt am Marmara-Meer nicht integrieren. Sie wollte zurück nach Wien.“

Seit April 2007 ist Inam als Freiberuflerin beim ORF-Report. Für den Journalismus hat sich die Soziologie-Absolventin schon früh entschieden. Startjob war in einem türkischen Gratisblatt, „obwohl ich zuvor noch nie türkisch geschrieben habe“. Einige Monate später gab sie ihr ORF-Debüt bei „Heimat, fremde Heimat“. Praktika bei Ö1, ZDF und profil folgten.

In ihrem Selbstverständnis als Journalistin sieht sie sich nicht auf Migration & Co. reduziert. „Dazu arbeite ich auch. Aber genau so über kleinparteien, die ins Parlament wollen, über die Ärztekammer oder über Pflege.“

Ein türkischer Name in der österreichischen Medienlandschaft, und in den Berichten geht es nicht nur um Integration. Das ist Integration!