Begriffsflut: Ausländer? Neoösterreicher? Mehrheimische?

Rassismus und Anti-rassismus

17.04.2012 | 19:22 | Clara Akinyosoye

Begriffsflut. Wie soll man Migranten und ihre Nachkommen bezeichnen? Möglichkeiten gibt es viele, doch kaum eine wird von allen Seiten akzeptiert. Aktuell steht vor allem der Begriff „Migrationshintergrund“ zur Diskussion.

Wien. Bald ist es ein Jahr her – am 21.April 2011 wurde Sebastian Kurz als Integrationsstaatssekretär angelobt. Der Jungpolitiker hat Anlass zur Freude, denn in Wirtschaft, Medien und Politik wird größtenteils eine positive Bilanz aus seiner Arbeit gezogen. Wenig erfreut dürfte Kurz über das Jubiläumspräsent von SOS Mitmensch sein. Denn am Dienstag hat die Organisation Kurz die Zwischenbilanz der Petition „Stopp dem falschen Gerede vom Migrationshintergrund“ übergeben.

Kritisiert wird, dass der Begriff von der Politik missbraucht wird. So würden Menschen mit Migrationshintergrund zu Problemgruppen gemacht und von ihnen Leistungen erwartet, die von „anderen“ nicht erbracht werden müssen. Migrationshintergrund würde fälschlicherweise zu etwas gemacht, das eine Gruppe von Menschen verbindet. Die Politik sollte sich aber eher mit Hintergründen wie Bildung oder sozialer Stellung auseinandersetzen, die mehr über einen Menschen aussagen. Es sei zur Fixierung auf den Migrationshintergrund gekommen.

Bis jetzt haben 750 Menschen die Petition unterzeichnet, sagt Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch. Grundsätzlich werde der Begriff zwar nicht abgelehnt, aber alle Menschen sollten selbst bestimmen können, ob und wann sie ihren Migrationshintergrund in den Vordergrund rücken. Im Staatssekretariat für Integration zeigt man für die Petition kein Verständnis. Die formulierten Anliegen würden bedeuten, dass man das Staatssekretariat abschaffen müsse. „Wir sind gegen eine Abschaffung des Staatssekretariats für Integration und wollen weiterarbeiten“, heißt es. Die Kritik, dass nur von Menschen mit Migrationshintergrund Leistung erwartet werde, weist man zurück. „Das ist eine bewusste Falschinterpretation. Es geht darum, Leistung zu fördern, anzuerkennen und zu ermöglichen.“ Leistungen von „Menschen, ohne die es dieses Land nicht mehr geben würde.“

„Verzerrtes Bild der Realität“?

Den Organisatoren und Unterzeichnern der Petition wird ein „sehr verzerrtes Bild“ der Realität attestiert. Sie würden nicht sehen, dass es Herausforderungen im Integrationsbereich gebe. Mit Beschwerden über die missbräuchliche Verwendung des Begriffs Migrationshintergrund sei man bis jetzt jedenfalls noch nicht konfrontiert worden.

Tatsache ist, dass der Begriff „Migrationshintergrund“ momentan Hochkonjunktur feiert. 2008 wurde er durch die Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung zum Thema „Arbeitsmarktsituation von Zuwanderern und ihren Nachkommen“ durch die Statistik Austria in Österreich gewissermaßen eingeführt. Damals noch ein neutraler Begriff, der auch Einzug in die Wissenschaft gefunden hat, wird er mitunter auch von Wissenschaftlern als unpräzise und nichtssagend befunden und in der Öffentlichkeit zunehmend mit politischen Debatten über Zuwanderung, Defizite und Integrationswilligkeit in Verbindung gebracht.

Dass ein bloßes Auswechseln von Bezeichnungen den Ton und die Inhalte der Diskussionen nicht verändert, ist den Initiatoren der Petition durchaus bewusst. In einem Zusatzpapier zur SOS-Mitmensch-Petition steht: „Wenn es etwas gibt, was wir aus den vergangenen Jahren gelernt haben sollten, dann das: Es genügt nicht, einen falschen Begriff einfach durch einen anderen zu ersetzen. Es braucht eine viel grundlegendere Neuorientierung.“

Alt- vs. Neoösterreicher

An Wörtern zur Beschreibung von Menschen mangelt es grundsätzlich nicht. Wo man früher einfach Österreicher sagte, heißt es immer öfter Altösterreicher oder autochthone Österreicher, um die Grenze zu jenen Menschen zu ziehen, die eingebürgert wurden. Und für die Zuwanderer gibt es eine regelrechte Begriffsflut. Einige Einblicke, wer tatsächlich gemeint ist, wenn von Neoösterreichern, Menschen mit Migrationshintergrund oder Weltenbürgern die Rede ist, soll das unten stehende Migrationslexikon liefern.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 18.04.2012, S.11)


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