Das Bundesheer als Sprungbrett für Migranten

Soldaten mit Migrationshintergrund: Ahmed El Badry, Feim Maksuti und Christian Mettri (von links) - © Asma Aiad
IN KÜRZE:
  • Migranten beim Heer: Im Jahr 2009 dienten im Österreichischen Bundesheer ungefähr 25.000 Grundwehr- diener. 3302 von ihnen wurden nicht in Österreich geboren. Ihre Geburtsländer waren unter anderem Bosnien (369), Serbien (220), die Türkei (318), Kroatien (55), aber auch aus österreichischer Sicht etwas exotischere Länder wie China (17), Argentinien (zwei), Indien (24) oder Ägypten (sieben).
  • Religionen: Im Bundesheer dienen Wehrpflichtige aus nahezu allen bekannten Religionen.Von den rund 13.000 Eingerückten im Mai 2011 waren rund 10.000 katholisch, an zweiter Stelle folgten Muslime (814), dahinter Protestanten (457) und Serbisch-Orthodoxe (204). Auch nach dem Grundwehrdienst geht es für einige weiter: So sind derzeit 64 Berufssoldaten Muslime, vom Gefreiten bis zum Oberstleutnant.

25.10.2011 | 9:00 | Milena Borovska

Wehrdienst. Migrationshintergrund gehört zunehmend zum Heeresalltag. Probleme wegen der Herkunft gebe es nur wenige, wird versichert. Im Gegenteil – Migranten machen beim Heer immer häufiger Karriere.

Wien. Migrationshintergrund gehört beim Österreichischen Bundesheer längst zum Alltag. Wie viele junge Menschen mit türkischen, bosnischen oder anderen außerösterreichischen Wurzeln die Uniform des Bundesheeres tragen, lässt sich allerdings nicht so ein- fach sagen. Denn wer seinen Wehrdienst ableistet, muss Österreicher sein. Punkt. Woher die Eltern oder Großeltern der Soldaten kommen, spielt keine Rolle. Von den rund 25.000 Grund- wehrdienern im Jahr 2009 waren 3302 nicht in Österreich geboren, besonders stark vertreten waren junge Männer aus Bosnien, Serbien und der Türkei. Rückschlüsse lassen sich auch mit Einschränkungen über die Religionszugehörigkeit der Wehrpflichtigen ziehen. So stellen die Muslime mittlerweile hinter den Katholiken die zweitgrößte Gruppe beim Heer. Auch 64 Berufssoldaten sind mittlerweile Muslime – vom Gefreiten bis zum Oberstleutnant.

„Menschen mit Migrationshintergrund finden in unserem Heer einen gleichberechtigten Platz in allen Rängen“ sagt Oswald Klikovits (ÖVP), Obmannstellvertreter des Landesverteidigungsausschusses. Sollte das Zusammenleben und „Dienen“ nicht ganz so ungetrübt verlaufen, können Soldaten jeden Ranges Beschwerden an die Bundesheerkommission richten, wo ihnen nachgegangen wird. Im aktuellen Bericht 2010 ist etwa die Rede von einem Rekruten mit ägyptischem Background – er wurde vom Zugskommandanten häufig als „Kameltreiber“ bezeichnet und mit den Worten: „In dieser Kanzlei stinkt’s wie in einem arabi- schen Puff!“ begrüßt.

„Fremdenfeindliche Ausrutscher“

Paul Kiss, Vorsitzender der Bundesheerkommission, relativiert das Ausmaß des Problems: „Ich kann immer nur von Einzelfällen sprechen, die auch im Alltag passieren.“ In seinen bisher neun Jahren in dieser Funktion habe er keine besonders auffälligen, flächendeckenden Ausrutscher registriert, die auf Fremdenfeindlichkeit schließen lassen würden.

Kiss glaubt, dass „Integration im Bundesheer grosso modo funktioniert“. „Die Beschwerden von Migranten entsprechen ihrem Prozentanteil im Heer“, sagt Stefan Prähauser, ebenfalls Mitglied der Beschwerdekommission. „Sie kommen also nicht häufiger oder seltener vor, als bei ,Österreichern‘.“ Kiss führt dies nicht auf Resignation zurück: „Der Jugendliche, der heute in das Bundesheer kommt, ist ein mündiger Bürger und sich seiner Rechte bewusst, mehr als vor einigen Jahrzehnten.“

„Wir beschäftigen uns im Lan- desverteidigungsausschuss natür- lich auch mit der Integration von Migranten“, sagt Oswald Klikovits. „Und ich bin für die Beibehaltung der Wehrpflicht, weil ich glaube, dass sie bei der Integration hilft.“ Stefan Prähauser, sein Kollege aus der SPÖ, stimmt zu: „Die Wehrpflicht ist eine gute und anerkannte Art, die neuen Österreicherinnen und Österreicher an ihre neue Heimat zu binden.“ Ein Berufsheer mit maximal zwei- bis fünfhundert neuen Soldaten pro Jahr hätte demgegenüber ein viel geringeres Integrationspotenzial.

Kippa, Bart und Turban

Am deutlichsten sichtbar wird die Integration bei der Religionsausübung – und daran gekoppelt an der Verpflegung. „Koscheres Essen und Halal, das ist alles kein Problem mehr“, sagt Kiss. Als gläubiger Moslem oder Jude kann man – die entsprechenden Bestätigungen von Islamischer Glaubensgemeinschaft bzw. Israelitischer Kultusgemeinde vorausgesetzt – Gebetszeiten einhalten und dafür spezielle Gebetsräume in Anspruch nehmen. Auch Ausnahmen in der Uni- form werden aus Glaubensgründen gewährt. Juden dürfen eine Kippa tragen, für Angehörige der muslimischen Glaubensgemein- schaft gilt eine Barttragerlaubnis. Sikhs wiederum dürfen zur Uni- form eine Art Turban tragen.

Besonders wichtig für die gelebte Integration ist aber auch ein weiterer Punkt – die Sprache. „Wir registrieren, dass die einzelnen Kompanien und Bataillone sehr viel in Bezug auf Sprachtraining und Sprachübung machen“, sagt Kiss. Gerade in einem hierarchischen System wie dem Bundesheer sei es besonders wichtig, „dass ein Befehl verstanden wird und im Sinne des Vorgesetzten ausgeführt wird“.

Eine gewissen Anpassungsbedarf, den gibt es natürlich – sowohl aufseiten der Rekruten als auch aufseiten des Bundesheeres selbst. „Vor Jahren gab es eine Sensibilisierung in Frauenfragen“, meint Stefan Prähauser. „Heute wird das Thema der Migranten angegangen.“ Wobei er eines festhalten möchte: „Ich möchte unterstreichen, dass Migranten nicht die schlechtesten Soldaten sind.“ Im Gegenteil: Zunehmend würden auch Migranten die Offizierslaufbahnen einschlagen.

Migrationshintergrund werde mittlerweile vermehrt positiv wahrgenommen. „Wir haben eine Phase, in der Leute an Auslandseinsätzen am Balkan nicht teilnehmen können, wenn sie von dort stammen“, sagt Prähauser. Aber man denke darüber nach, das zu ändern. „Denn es wäre ein Luxus, das Sprachpotenzial solcher Menschen nicht zu nutzen.“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 25.10.2011)


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