Frankreich: Wie eine Organisation mit Humor gegen Rassismus kämpft

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03.05.2012 | 13:55 | Sonja Fercher

Die französische Anti-Rassismus-Organisation „Les indivisibles“ will mit Humor Vorurteile bekämpfen und das überholte Bild von der weißen französischen Republik hinterfragen – Mit den „Y´a bon-Awards“ werden jährlich Politiker und Journalisten für diskriminierende Aussagen „ausgezeichnet“. 

PARIS. „Les indivisibles“, „Die Unteilbaren“ nennen sie sich in Anspielung auf die französische Verfassung. Darin steht geschrieben, dass die französische Republik unteilbar ist – „Was für die Republik gilt, gilt auch für ihre Bewohner“, so die französische Anti-Rassismus-Organisation auf ihrer Homepage. Die Indivisibles wollen Vorurteile hinterfragen und Diskriminierungen anprangern – und zwar „mit Humor und Ironie“.

Die Idee zu den Indivisibles kam Gründerin Rokhaya Diallo, als sie den „Braunen Mob“ kennenlernte, eine deutsche Media-Watch-Plattform, die Vorurteile in Medien auseinandernimmt und für eine bessere, diskriminierungsfreie Berichterstattung sensibilisieren will. Eine andere Motivation waren die Unruhen in den Banlieues sowie der Umgang damit: „Damals wurden die ethnischen Hintergründe völlig übertrieben, dabei hatten die Aufstände soziale Ursachen“. Weitere Motivationen waren Aussagen von Nicolas Sarkozy während des Präsidentschafts-Wahlkampfs im Jahr 2007 sowie die Debatten über das Kopftuch-Verbot an Schulen.

Anders als SOS Racisme, die stark auf den Kampf gegen Diskriminierungen konzentriert sind, steht bei den Indivisibles die Bewusstseinsarbeit im Zentrum ihrer Tätigkeit. „Wir arbeiten zu Vorurteilen und stellen Mentalitäten in den Vordergrund“, so Diallo. So hinterfragen die Indivisibles das Bild, das man sich in Frankreich davon macht, was es heißt, Franzose oder Französin zu sein. „Nicht alle Franzosen sind weiß“, heißt es etwa in der Charta der Indivisibles. Oder: „Keine weiße Hautfarbe zu haben, heißt nicht aus einem anderen Land zu kommen.“ Oder aber: „Es gibt keinen gallischen Stamm, aus dem alle Franzosen gewachsen sind.“ Vielmehr seien die Menschen, die in Frankreich geboren und aufgewachsen sind und die hier leben, „vielfarbig und vielgläubig. Sie sprechen, denken und träumen auf Französisch: Sie müssen sich nicht integrieren.“

Ziel der Organisation ist es auch, Diskriminierungen anzuprangern. Zu diesem Zweck haben sie die „Y´a bon-Awards” ins Leben gerufen, die dieses Jahr schon zum vierten Mal verliehen wurden. „Y´a bon“ heißt übersetzt „Schmeckt gut“, ist jedoch kein korrektes Französisch. Diese Aussage, die auch von einem Kind kommen könnte, verkörpert die koloniale Vorstellung, wonach Afrikaner nicht in der Lage seien, korrektes Französisch zu sprechen oder in komplexen Zusammenhängen zu denken.

Mit dem Preis werden Persönlichkeiten aus Politik und Medien „ausgezeichnet“, die diskriminierende Aussagen getroffen haben. Unter den bisherigen „Y´a bon-Award“-Preisträgern dieses Jahrs ist etwa UMP, die Partei des amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy: „Für die Arbeit der letzten fünf Jahre“. Weitere bekannte Preisträger der Awards: Innenminister Claude Gueant, Ex-Innenminister Brice Hortefeux, Modeschöpfer Jean-Paul Guerlain oder aber der Philosoph Alain Finkielkraut. Neben bekannten Namen wie diesen stehen Journalisten oder Lokalpolitiker auf der Liste der Preisträger.

Gegen Diskriminierungen mit Humor kämpfen: Das sei natürlich nicht immer eine angebrachte Methode: „Vor allem wenn man selbst von Diskriminierungen betroffen ist, ist das natürlich nicht leicht“, so Diallo. Bei den meisten Indivisibles sei dies nicht der Fall, da sie fast alle eine höhere Ausbildung absolviert hätten. „Von daher sind wir in einer Situation, in der einem das Lachen leicht fällt. Anders ist das, wenn man in einer sozial schwierigen Situation ist. Ich weiß nicht, ob wir diesen Zugang auch dann gewählt hätten, wenn das bei uns der Fall wäre.“ Aber Humor sei eben ein Mittel von vielen im Kampf gegen Diskriminierungen, vor allem dann, wenn es keine rechtlichen Möglichkeiten gibt, gegen Diskriminierungen vorzugehen, erklärt Diallo: „Da ist der Humor ein gutes politisches Mittel, denn in diesem Fall bleiben einem im Kampf gegen Diskriminierungen nur soziale Sanktionen und eine davon ist Scham, wenn über einen gelacht wird.“


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