Heinzi und Hüseyin über die Fibel und das Dankbarsein

Integration Symbolbild - ©Mili Flener

26.04.2013 | 21:26 | REDAKTION

M-MEDIA startet eine neue Dialogserie namens “Heinzi und Hüseyin”. Beide sind junge Österreicher unter 30, die ihre Gesellschaft bodenständig und scharf analysieren. Öfters kommt es zu Reibungen aber nie zu Verletzungen. Argumentieren statt Vorverurteilen ist die Devise dieser Serie.

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Hüseyin: Heinzi, hast du gehört? Der Staatssekretär für Integration hat vorgestern einen Katalog mit Richtlinien präsentiert, der nur für ZuwandererInnen gilt. Er hat es Werte-Fibel genannt. Die 33-seitige Broschüre zeigt uns “AusländerInnen” die Grundlage der österreichischen Rechtskultur auf. Hoffentlich ist diese Rechtskultur nicht einer Kultur der Rechten und extrem Rechten.

Heinzi: Was redest du? Rechtskultur hat mit einer Kultur der Rechten nichts zu tun. Von dieser Fibel habe ich gehört. Wunderbare Sache! Was stört dich daran? Du bist ein Ausländer hier bei uns. Und als Gast in meinem Land gibt es Regeln, die verfolgt werden müssen damit unser Zusammenleben gut funktioniert.

Hüseyin: Entschuldige bitte, aber was mich stört ist die sogenannte Einbahnstraße der Integration. Wir MigrantInnen werden immer aufgefordert etwas für diese Gesellschaft zu leisten. Man gaukelt uns vor, je mehr wir tun desto respektvoller werden wir von den InländerInnen behandelt. Ein fataler Irrtum. Leider wurde niemals ein Katalog an Vorschriften für InländerInnen erstellt. Das wäre mal was gscheites.

Heinzi: Wir ÖsterreicherInnen sind seit der Babywiege an Vorschriften gewöhnt. Vorschriften, die gehören bei uns zur Tradition. Tra-di-tion hast du gehört? Deswegen gibt es bei uns Ordnung und zwar überall. Wir wissen schon als Kinder was zu tun und was zu unterlassen ist. Du kannst genau beobachten wie zivilisiert wir in Österreich leben. Bei mir in der Wohnsiedlung darf man z.B. am Samstag ab 14h keinen Lärm mehr machen. In der U-Bahn darf man nicht laut sein. Alles wird per Gesetz oder eben von den NachbarInnen geregelt. Deine NachbarInnen hier sind auch deine BeobachtInnen und deine HelferInnen. Hast du hoffentlich schon Kafka gelesen oder? Zum Beispiel „Der Prozess“…so sind wir ÖsterreicherInnen. Außerdem musst du Folgendes wissen: wir sagen immer bitte und danke. Wir sind eine Kultur wo Dankbarkeit eine wichtige Rolle spielt. Das heißt du musst froh und dankbar sein hier bei uns zu leben.

Hüseyin: Auch wenn meine Rechte nicht respektiert werden?

Heinzi: Es gibt auch viele ÖsterreicherInnen deren Rechte nicht respektiert werden. Und da machts grad ihr AusländerInnen ein Theater. Mach dich nicht so wichtig, akzeptiere lieber deine Situation und engagiere dich mehr für unser Zusammenleben.

Hüseyin: Ich soll mich als Einwanderer mehr für unser Zusammenleben einsetzen. Und was machst du damit das Zusammenleben auch gut funktioniert? Du sagst doch immer Integration ist ein Geben und Nehmen.

Heinzi: Ja du nimmst nur. Du und deine Familie haben uns nichts gegeben. Ihr seid nur die Nutznießer. Meine Urgroßeltern ,Großeltern und Eltern haben für dieses Land, unser Land viel gegeben, viel gekämpft und viele Jahre ohne Lohn gearbeitet, damit du dein Leben genießen kannst. Und du traust dich sudern!

Hüseyin: Stopp! Stopp! Jetzt beleidigst du mich und meine Familie. Du hast offensichtlich ein Kurzzeitgedächtnis. Meine Eltern kamen als GastarbeiterInnen nach Österreich, haben wie SklavInnen geschuftet, in sehr schlechten Gegenden gewohnt und wurden ausgebeutet – für das Wohl unseres Landes. Warum blendest du diese Tatsache aus?

Heinzi: Unser Land, Hüseyin? Das ist nicht dein Land.

Hüseyin: Doch. Ich bin hier geboren und kenne nur dieses Land. Bin hier sozialisiert worden. Auch wenn ich die Staatsbürgerschaft noch nicht besitze.

Heinzi: A propos Staatsbürgerschaft hast du gehört was unser gscheiter Staatssekretär heute angekündigt hat?

Hüseyin: Jaja, eine Staatsbürgerschaftsreform.

Heinzi: Ja genau. Hoffentlich wird das nicht alles viel zu leicht, damit nicht zu viele AusländerInnen Österreicher werden.

Hüseyin: Ich bin mir ganz sicher, dass du den Test nicht schaffen würdest. Wenn ich mich gut erinnere, gab es eine Untersuchung, die bewiesen hat, dass mehr als die Hälfte der ÖsterreicherInnen den Test nicht schaffen können. Da gehörst du sicher auch dazu!

Heinzi: Weißt du was das Wort der Woche auf  Ö1 ist?

Hüseyin: Nein

Heinzi: Bonus. Ich habe einen Bonus weil ich schon Österreicher bin – und zwar ein echter. Seit Generationen. Und du bist im Minus, mein Lieber. Warum sollte ich mir so einen Test überhaupt antun?

Hüseyin: Um dein Wissen über dein Land und deine Vorfahren aufzufrischen. Schadet dir sicher nicht.

Heinzi: Das habe ich alles durch meine Familie und in der Schule gelernt. Aber viele AusländerInnen wollen ja nichts von uns lernen. Wäre ich in den USA und hätte ich Interesse Amerikaner zu werden, würde ich mich einfach anpassen: Sprache lernen, Werte annehmen, die Menschen respektieren, die Gesellschaft nicht in Frage stellen. Aus basta.

Hüseyin: Du warst nie in dieser Situation und hast damit gar keine Erfahrung. Du kennst nur Österreich, Deutschland und ein bisschen Ägypten als Tourist. Und deine Vorfahren kommen wahrscheinlich auch nicht aus Österreich. Frag mal, forsch mal.

Heinzi: Jetzt ist amal Schluss mit dem ewigen Diskutieren! Gehen wir Bowlingspielen am Wochenende?

Hüseyin: Das bin ich schon bei einer Veranstaltung zum Thema Bildung und Integration in Korneuburg. Aber wir sehen uns ja nächste Woche.


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