Hitler und China. Haben Chinesen ein Faible für den Diktator?

China-Jugend-Hitler

25.03.2014 | 9:20 | Marlies Kastenhofer

Im Gegensatz zu anderen Ländern scheint Hitler in China eine gewisse Faszination auszustrahlen. Vom Boom schräger NS-Mode bis hin zu Taxifahrern, die Deutsche mit dem Hitlergruß begrüßen.

Wien – In den letzten Jahren reihten sich in China einige Vorfälle, die in Österreich und Deutschland auf Unverständnis stoßen würden. Am skurrilsten ist wohl eine Theorie, die vor zwei Jahren im Internet kursierte. Damals verbreitete ein chinesischer Blogger das Gerücht, Hitler sei von chinesischen Pflegeeltern aufgezogen worden. Eine These, die in der Blogosphäre auf große Begeisterung stieß.

Ebenso wie Europa hat China selbst eine diktatorische Herrschaft erfahren. Dennoch gibt es in China viele Menschen, die Adolf Hitler nicht primär als Verbrecher sehen. Dr. Christian Göbel vom Sinologieinstitut der Universität Wien hat die relativ positive Gesinnung der Chinesen gegenüber Hitler schon am eigenen Leib erfahren. Er führt diese Einstellung auf einen speziellen Fokus zurück. Ein Großteil der Bevölkerung wisse zwar ungefähr über die Taten Hitlers Bescheid, diese würden aber ausgeblendet. Hitler werde stattdessen vorwiegend als guter Feldherr wahrgenommen. „Hitler wird in China in eine Reihe mit Caesar und Napoleon gestellt. Was zählt ist seine Leistung als Feldherr, die Opfer werden ausgeblendet“, erklärt Dr. Göbel.

Diese Einschätzung wird durch eine Erzählung eines Informatikstudenten an der Shanghaier Fudan-Universität untermauert. Auch Herr Jiaguo hegt Sympathien mit Adolf Hitler. Er ist von Hitlers Wirtschaftspolitik in Deutschland und den damit verbundenen Investitionen in Infrastruktur, Industrie und Technologie fasziniert. Außerdem sei er Hitler in gewisser Hinsicht dankbar, da dieser in der Zeit vor dem zweiten Sino-Japanischen Krieg China und nicht Japan unterstützt hatte. Dass sich Hitler später mit den Japanern verbündete, steht für den Studenten nicht im Vordergrund.

Für Herrn Göbel ist diese unterschiedliche Perspektive vor allem eine Frage der Erziehung. Selbst zwischen Österreich und Deutschland bestünden hier schon große Unterschiede. Er schildert, dass in Deutschland Kinder schon sehr früh mit den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs konfrontiert werden. Es werde zudem viel kritischer mit dem Nationalsozialistischen Erbe umgegangen. Dadurch hätten Deutsche laut Göbel ein viel distanzierteres Verhältnis zu Hitler als Österreicher. Schon zwischen zwei historisch derart verbundenen Nationen divergiert also das Verständnis des nationalsozialistischen Erbes. So ist es nicht verwunderlich, dass das Bewusstsein der chinesischen Bevölkerung im Umgang mit Hitler noch unterschiedlicher ist.

Frau Chen Wangjun, Universitätsabsolventin aus Hangzhou, auf der anderen Seite findet nicht, dass viele Chinesen Gefallen an Hitler finden. „Ein Großteil der Chinesen weiß nicht viel über Hitler, aber wir wissen sehr wohl, dass er falsche Dinge gemacht und den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat“, meint sie und berichtet über das in chinesischen Schulen vermittelte Wissen: In der Schule werde ein starker Fokus auf die japanische Fremdherrschaft in China und das „eigene Leiden des chinesischen Volkes“ gelegt. Die Geschehnisse in Europa zur selben Zeit würden nur am Rande behandelt werden. Verständlich, bedenkt man, dass auch in Österreich wenig über chinesische Zeitgeschichte unterrichtet wird.

Dr. Göbel zufolge seien aber auch „Westler“ nicht von Kritik ausgenommen. Trotz der Ärgernisse, die man in China teilweise in Bezug auf den Umgang mit Hitler erlebe, sollten auch einige Österreicher und Deutsche ihre Einstellung zum Maoistischen Erbe hinterfragen. „Es gibt genug Sinologie-Studenten, die Mao T-Shirts tragen. Das ist genauso eine Verherrlichung.“


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