Georg Gombos: „Mehr Wertschätzung für Mehrsprachigkeit von Migranten“

23.05.2012 | 9:06 | Ania Haar

Erziehungswissenschaftler Gombos fordert mehr Wertschätzung für sprachlichen Ressourcen von Migranten. Notwendig seien eine bessere Ausbildung der Kindergartenpädagogen und mehr Bewusstsein bei den Eltern.

Wien. Georg Gombos arbeitet über Mehrsprachigkeit und interkulturelle Bildung und ist außerordentlicher Professor am Institut für Erziehungswissenschaften und Bildungsforschung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Er erzählt, was wichtig ist, um Mehrsprachigkeit zu fördern.

M-MEDIA: Die Zuwanderung hat die Einsprachigkeitsideologie in Österreich auf den Kopf gestellt. Was muss beachtet werden, um auf sprachliche Ressourcen, die Migranten und ihre Kinder mitbringen, adäquat zu reagieren?

Georg Gombos: Vor allem die Haltung und die Wertschätzung diesen Ressourcen gegenüber. Das ist für die Pädagogik im Kindergarten zentral wichtig. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass man standortspezifische Lösungen finden muss. In Ballungsräumen, wo es viele Kinder mit anderssprachigem Hintergrund gibt und in den Gruppen viele verschiedene Sprachen repräsentiert sind, ist es natürlich schwierig, neben Deutsch auch die Herkunftssprache zu fördern. Das ist aber für die sprachliche Entwicklung der Kinder wichtig. Grundsätzlich ist eine wertschätzende Haltung allen Kindern gegenüber eine zentrale Forderung an die Kindergartenpädagogen. Und das gilt selbstverständlich auch für die mitgebrachten sprachlichen Ressourcen.

Welche Rolle spielen da die Eltern?

Bewusstseinsarbeit mit den Eltern ist ebenso wichtig, damit sie ihren Kindern einerseits die Herkunftssprache gut beibringen und andererseits die Kinder früh in den Kindergarten schicken, damit sie dort Deutsch lernen. Dies gilt – nebenbei bemerkt – auch für die Eltern mit deutschsprachigem Hintergrund, auch sie tragen eine hohe Verantwortung für die sprachliche Entwicklung ihrer Kinder.

Es kommt vor, dass im Kindergarten verboten wird, dass sich Kinder untereinander in einer anderen Sprache als Deutsch unterhalten.

Das ist ein grober Fehler. Die Kinder erleben ja die Entwertung ihrer Sprache als Entwertung ihrer selbst. Es wird ihnen signalisiert, dass ihre sprachlichen Ressourcen nichts wert und unerwünscht sind. Das ist nicht nur für den Sprachlernprozess, sondern für das Lernen insgesamt abträglich, weil es das Selbstvertrauen der Kinder unterminiert.

Fängt die Erziehung zur Mehrsprachigkeit nicht schon in der Ausbildung der Kindergartenpädagogen an?

Die existierende Kindergartenausbildung ist zwar im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut, es braucht aber dringend einen Umstieg auf eine tertiäre Ausbildung, also nach der Matura. Da hätte man dann mehr Zeit und Möglichkeiten, auch das Thema der Mehrsprachigkeit besser zu bearbeiten. Man könnte Ängste und Vorurteile ebenso bearbeiten wie die Ergebnisse von Forschungen, die insgesamt ein positives Bild der Erziehung zur Mehrsprachigkeit zeichnen und unter anderem zeigen, dass Kinder bzw. später Erwachsene, die in zwei oder drei Sprachen eine hohe Kompetenz erreicht haben, kreativer und kommunikativer sind und bessere Lösungskapazitäten haben. Es wäre auch wichtig, dass mehr Migranten als Kindergartenpädagogen arbeiten können. Wir sind eine bunte Gesellschaft und diese Buntheit müsste sich in allen Bereich widerspiegeln. Die Wirklichkeit ist nicht homogen. Und diese den Kindern vorzuenthalten, ist nicht richtig.

Können Kinder einfach so mehrere Sprachen lernen?

Im Prinzip ja. Kinder saugen die Sprachen auf. Nur: Um eine Sprache wirklich gut zu lernen, braucht es Zeit, gute Sprachpädagogen und die entsprechenden Rahmenbedingungen. Denn ein wenig Sprache hier und ein wenig Sprache da bringt nicht viel. Es muss gezielt sprachpädagogisch gearbeitet werden.

Es gibt zu wenig Forschung in der Elementarpädagogik?

Es ist gut, dass es in Graz schon einen Lehrstuhl für Elementarpädagogik gibt, das kann aber nur ein Anfang sein, wir brauchen noch mehr interdisziplinäre Forschung.

Sie halten es für wichtig, dass es ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr geben wird?

Ja, es ist wichtig. Es wäre aber gut, wenn ein drittes Jahr angedacht wird. Sprachlernprozesse brauchen Zeit, eine wertschätzende Haltung und entsprechende Rahmenbedingungen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 23.05.2012)


Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von Ania Haar