Migrant zu sein ist kein Stolperstein

Sevgi Atalay - ©flickr.com

05.11.2008 | 15:02 | Duygu Özkan

WIEN. „Für mich ist Politik der beste Zugang zur Gesellschaft“, sagt Sevgi Atalay, 23 Jahre und JVP-Obfrau in Simmering. In ihrer politischen Arbeit in der Jungen ÖVP möchte Atalay insbesondere Bürger mit Migrationshintergrund ansprechen. Ihren türkischen Hintergrund sieht sie keineswegs als Hemmnis; Migrant zu sein sei in der Politik kein „Stolperstein“.

Politische Jugendorganisationen haben sich im Laufe der Jahrzehnte als feste Institution in der Parteienlandschaft etabliert: Die Sozialistische Jugend (SJ) wurde von Lehrlingen bereits 1894 ins Leben gerufen. Hingegen ist die Junge ÖVP mit dem Gründungsjahr 1945 etwa halb so alt. Noch weniger Jahre auf dem Buckel haben die Jugendorganisationen der anderen Parteien.

Seit jeher werden die Jugendorganisationen als Vorfeldorganisation der großen Parteien gesehen. Und sieht man von einigen Quereinsteigern in der Politik ab, dann sind die Jugendparteien auch die Kaderschmiede der nächsten Politgeneration. So finden auch immer mehr junge Migranten Zugang zu den Jugendorganisationen. Atalay etwa sieht ihre Arbeit in der JVP als „Dienst und Pflicht gegenüber der österreichischen Gesellschaft“.

„Diese“ SPÖ nicht vorstellbar

Sassan Esmailzadeh, Sohn eines Iraners und einer Polin, ist seit einem Jahr in der SJ-Neubau aktiv. „Spätestens nach der Wahl von Graf zum Dritten Nationalratspräsidenten würde ich in der SJ aktiv werden“, so der 16-Jährige.

Für ihn ist die SPÖ die einzig wählbare Partei für Migranten, doch ist er mit der jetzigen Parteipolitik der SPÖ gar nicht zufrieden. „Ich kann mir nicht vorstellen, in dieser SPÖ als Politiker aktiv zu sein“, meint er gerade heraus, er sehe aber „viel Verbesserungspotenzial“.

Anfeindungen während seiner politischen Unternehmungen hat Esmailzadeh auch schon erlebt: Sein Auftauchen mit anderen Roten bei einer Veranstaltung der FPÖ nahm einen ungeahnten Verlauf. Die beiden Grüppchen standen einander gegenüber, die Blauen mit Flugzetteln, die Roten mit einem Transparent. Als Esmailzadeh einen der Flugzettel haben wollte, haben ihm die FP-Leute diesen verweigert. Er habe ein „braunes Gesicht“, so die Begründung, und im Übrigen wurde ihm beschieden, er sei in zehn Jahren wieder dort, wo er herkomme. Esmailzadeh: „Und ich glaube nicht, dass damit der 3. Bezirk gemeint war.“

Lange Tradition für Politik durch Migranten gibt es an den Universitäten und Hochschulen Österreichs: Die österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) vertritt an die 200.000 Studenten. ÖH-Obmann Samir Al-Mobayyed ist Vertreter der AktionsGemeinschaft (AG), einer ÖVP-nahen Studentenorganisation.

Der 24-Jährige syrischer Abstammung wünscht sich, dass sich mehr junge Migranten in der Studentenschaft aktiv an der universitären Tagespolitik beteiligen. „Migrantische Studenten, insbesondere die ohne österreichische Staatsbürgerschaft, stehen meist vor bürokratischen Hürden und werden benachteiligt.“

Für Attila Santo hingegen, Obmann der AG, steht seine ungarische Herkunft nicht zur Debatte: „Wir differenzieren nicht zwischen denjenigen mit und ohne Migrationshintergrund.“ Und Santo erkennt bei jungen Migranten auch keine anderen Themenschwerpunkte als bei den übrigen Studierenden. Entscheidend seien die spezifischen Interessen, nicht die Herkunftsländer.

DUYGU ÖZKAN, Die Presse, Print-Ausgabe, 05.11.2008


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