Migranten beim Heer: “Erst der Auftrag, dann das Gebet”

Zwei Migranten beim Heer: Daniel Damjanovic und Dario Skelo (v. links) - © Milli Flener

02.03.2011 | 13:05 | Ania Haar

Wien. „Nimm deinen Teppich und flieg nach Hause!“ Diesen Satz bekam ein Soldat mit Migrationshintergrund von einem Vorgesetzten zu hören. Diese Causa sorgte 2003 für Aufsehen. So wie auch ein Fall im Jahr 2010, als sich der Vater eines muslimischen Rekruten beschwerte: Dieser sei gefoltert, misshandelt und zum Verzehr von Schweinefleisch gezwungen worden.

„Dieser Beschwerde wurde schnell und akribisch nachgegangen“, sagt Paul Kiss. Er ist Vorsitzender der parlamentarischen Bundesheerkommission, die Vorwürfe prüft. Immer wieder finden sich Beschwerden, die rassistischen oder fremdenfeindlichen Hintergrund haben. Viele? „Einzelfälle hat es gegeben“, meint Kiss, „aber keine gewaltigen Probleme. Das sind Ausrutscher, die eher punktuell passieren, aber die passieren.“

Kein Schweinefleisch für Muslime

Beide Fälle wurden von der Bundesheerkommission untersucht. Im ersten Fall bekam der Soldat recht – die Aussage des Vorgesetzten war migrantenfeindlich. Im zweiten Fall konnte der Verdacht nicht erhärtet werden: „Wir konnten nicht feststellen, dass etwas Derartiges vorgefallen ist.“

Beim Bundesheer weist man den Vorwurf, hinter solchen Vorfällen könnte System stecken, zurück. Im Gegenteil, man sieht sich sogar als Vorbild für die Integration. „Dieses Bild von der Integration werden Sie in der Gesellschaft so nicht vorfinden können“, meint Kiss, „und wir fordern Integration auf unterschiedlichen Ebenen.“

Dazu gehören neben der Freiheit der Religionsausübung auch glaubenskonforme Komponenten wie Verpflegung – kein Schweinefleisch für Muslime – und auch die Förderung der deutschen Sprache. „Denn Befehle“, sagt Kiss, „müssen verstanden werden.“

„Integration, die ist bei uns kein Thema“, sagt Stefan Kirchebner, Kommandant der Garde in der Wiener Maria-Theresien-Kaserne. „Weil wir gleiche Uniformen tragen und die gleiche Sprache sprechen.“ Die Kaserne in Hietzing ist jener Ort, an den Soldaten kommen, die sich als strenggläubig deklarieren – hier gibt es für sie die nötige Infrastruktur und Betreuung, um ihren Glauben auch ausleben zu können. „Beim Bundesheer“, meint Kirchebner, „wird Integration gelebt und nicht geredet“.

Der Migrationshintergrund von Soldaten ist in den vergangenen Jahren zunehmend zum Thema geworden. Verlässliches Zahlenmaterial, wie viele Migranten es beim Heer gibt, ist schwer zu bekommen – denn als Soldat muss man die österreichische Staatsbürgerschaft haben. Ihre Präsenz merkt man dennoch, unter anderem bei der Angelobung. „Anders als bei österreichischen Familien ist der Anteil der Familien, die zur Angelobung kommen, bei den Migranten wesentlich höher“, so Kirchebner.

„Wir sind Österreicher“

„Im Balkan haben ein Soldat und die Uniform, die er trägt, einen wesentlich höheren Stellenwert als hier“, sagt Stabswachtmeister Daniel Damjanovic. Als Zehnjähriger kam er mit der Familie aus Bosnien nach Wien auf Urlaub. Dann brach der Krieg in Jugoslawien aus. Der Urlaub wurde zwangsweise verlängert, schließlich blieb die Familie in Österreich. Damjanovic besucht die Schule, leistet seinen Wehrdienst ab – und bleibt danach gleich bei der Garde.

„Wir fühlen uns nicht nur als Österreicher, wir sind Österreicher, weil wir die österreichische Staatsbürgerschaft haben“, sagt Stabswachtmeister Alexander Shirbiny. Was für den Sohn ägyptischer Einwanderer zählt, ist die Kameradschaft. „Säckefüllen ist Säckefüllen“, meint er, „der Auftrag muss erledigt werden“, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Dass es dennoch gelegentlich Spannungen gibt, ist kein Geheimnis.

„Die beruhen auf menschlichem Miteinander und nicht auf ethnischen Schwierigkeiten“, meint Shirbiny. Er hat aber auch beobachtet, dass sich türkisch- oder arabischstämmige Rekruten mehr zu Landsleuten hingezogen fühlen. „Weil vieles nicht verstanden wird und so mancher sich schämt nachzufragen, beispielsweise wie der Dienst mit dem Glauben zu vereinbaren ist.“

Da ist es natürlich einfacher, einen Gleichgesinnten zu fragen. In diesem Fall ihn. Und was sagt er dann? „Zuerst kommt der Auftrag, dann das Beten.“ Das Bundesheer gehe vor dem Glauben: „Kann ich gerade nicht beten, so wird nachgebetet.“ Es komme aber auch gelegentlich vor, dass sich Soldaten Richtung Osten umdrehen, um schnell zu beten. Das sei, meint Shirbiny, so wie die rituelle Waschung „kein Problem“.


Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von Ania Haar