Rot-Weiß-Bunte Städte: Migration als Stadtentwickler

Im  2. Bezirk in Wien - ©Milagros Martinez Flener
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23.10.2013 | 14:30 | Clara Akinyosoye

Österreichs Städte sind durch Migration bevölkerungsreicher und bunter geworden. Zuwanderung kann besonders für Ballungsräume kulturelle und wirtschaftliche Potenziale bringen. Aber Nicht-Integration bringt Städte um mehr als eine Million Euro jährlich.

Das städtische Theater musste schließen, Immobilien standen leer und Wohnviertel wurden so baufällig, dass die Nationalgarde ganze Mietblocks abriss. Denn in Utica, einer Stadt im Nordosten der USA zog eine Schar von Menschen davon, nachdem die größten Arbeitgeber der Stadt in Konkurs gegangen waren. Von 120.000 Menschen leben nun etwa 65.000 Menschen in der Stadt. 10.000 davon sind Flüchtlinge und eben die verhalfen der Stadt in den 70ern zu neuem Glanz. Sie siedelten sich in Utica an, kauften billige Immobilien, eröffneten Friseurläden, Cafes und Restaurants, bauten Moscheen und Tempel. Das städtische Theater konnte wiedereröffnet werden, Mietblocks saniert und es haben sich wieder neue Unternehmen in Utica angesiedelt. Die Stadt hat sich längst als ein Paradies für Migranten positioniert. Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt werden hier hochgelebt.

Ethnisch und kulturelle Vielfalt als Marke

Mit der Frage wie sich Städte verändern und welche Rolle Migranten bei der Positionierung einnehmen beschäftigt sich gerade ein internationales Forschungsteam im WWTF-Projekt “Cityscalers”. Untersucht werden die Hauptstädte Wien, Berlin und Budapest, sowie die Kulturhauptstädte Essen, Linz, Marseille und Pecs. Interessant sei die Frage „wie kulturelle Vielfalt als Marke eingesetzt“ werde, sagt Florian Huber, Soziologe an der Uni Wien und Forschungsmitarbeiter im Projekt. „Mit Pecs, Essen und Marseille haben wir drei ehemalige Industriestädte, die durch die Öl- und Stahlkrise in den 70er und 80er Jahren bzw. durch den Fall des Eisernen Vorhangs an Bedeutung eingebüßt haben.“ Die Städte hätten sich aber über Kultur neu definiert. So sei auch in Linz seit Langem die Abkehr von der „eindimensionalen Industrieschiene“ hin zur Etablierung als Kulturstadt zu bemerken. Dass Migranten in der Linzer Kulturszene eine Rolle spielen, sei in der Bewerbung für die Kulturhauptstadt 2009 im Grunde ausgeblendet worden, erklärt Huber. Im Unterschied zu Linz positioniere sich Wien internationaler und „weist auch im Tourismus mehr auf die kulturelle Vielfalt“ hin.

Bevölkerungswachstum durch Migration

Die österreichische Bevölkerung hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Lebten 1961 lediglich 100.000 Menschen mit einer nicht-österreichischen Staatsbürgerschaft in Österreich stieg die Zahl durch die gezielte Anwerbung von Arbeitskräften aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei  bis 1974 auf 311.700 (4,1 Prozent der Gesamtbevölkerung) an. Am 1. Jänner 2013 lebten über eine Million ausländische Staatsangehörige in Österreich. Das entspricht einem Anteil von 11,9 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Derzeit leben rund 1,579 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich (18,9 Prozent der Gesamtbevölkerung).

Den Großteil der Migranten zieht es – gerade wegen der Job- und Bildungsmöglichkeiten, sowie bereits bestehender Netzwerke – in die Städte. 62 Prozent der Menschen mit ausländischem Pass oder Geburtsort leben in Städten mit mindestens 20.000 Einwohnern. Angesichts des demografischen Wandels hat Zuwanderung für die Städte eine stabilisierende Funktion auf die Bevölkerungsentwicklung eingenommen. Migranten sind auch durch ihre Arbeitskraft – etwa im Gesundheitsbereich, der Gastronomie, oder der Bauwirtschaft –  ein nicht zu leugnender Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung der Städte.

Städtische Integrationspolitik holt auf

Kein Wunder also, dass sich langsam immer mehr Städte – zwar verspätet aber doch – der Herausforderungen und Chancen von Zuwanderung bewusst werden. Der österreichische Städtebund rief 2008 einen Fachausschuss für Integration ins Leben und gab sogleich eine Umfrage zu Integrationsleitbildern und Integrationsbeiräten in Auftrag. Die vom Europaforum Wien durchgeführte Umfrage unter 94 Städten hat ergeben, dass sowohl größere Städte, als auch Klein und Mittelstädte verstärkt Aktivitäten im Integrationsbereich setzen. So sind Wörgl, Stockerau, Wien, Linz oder Mattersburg nur einige von mehreren Städten, die bereits Integrationsleitbilder entwickelt haben, die die Ziele und Maßnahmen im Integrationsbereich definieren und skizzieren. Dornbirn entwickelte 2002 als erste österreichische Stadt ein Integrationsleitbild. Aber auch Städte ohne Integrationsleitbild wie Attnang-Puchheim oder Vöcklabruck setzen Aktivitäten im Integrationsbereich, haben Integrationsbeiräte oder Integration-Fachstellen eingerichtet.

Nicht-Integration kostet

Wie teuer fehlende Integrationsmaßnahmen sein können, zeigt eine Studie des Zentrums für Soziale Innovationen. Wenn Migranten ihren Qualifikationen entsprechend angestellt sind und die zweite Generation bessere Aufstiegschancen hat, würden Bund, Länder und Gemeinden erheblich profitieren. Die Zahlen sprechen für sich: Der Soziologe und Arbeitsmarktexperte August Gächter errechnete für die Kommunen ein zusätzliches Plus an Einnahmen von 1,348 Millionen jährlich. Eingerechnet sind etwa neben Mehreinnahmen durch Steuern auch was sich Kommunen an Sozialkosten für Geringverdiener und Beschäftigungslose ersparen würden.

Ein nicht unerheblicher Faktor für den Wirtschaftsstandort Österreich stellen auch immer mehr die ethnischen Ökonomien dar, also Unternehmen, die von Menschen mit Migrationshintergrund gegründet worden sind.  Es gibt rund 41.000 Selbstständige mit Migrationshintergrund. Die Heterogenität ist groß, denn die Unternehmer haben Staatsbürgerschaften aus rund 90 verschiedenen Ländern.

Prognosen zufolge wird Zuwanderung auch weiterhin die maßgebende Komponente der heimischen Bevölkerungsentwicklung sein. Bis 2030 könnte Österreich die 9-Millionen-Einwohner-Grenze erreichen. Ohne Wanderungsgewinne hingegen würde die Bevölkerung bereits bis 2030 von 8,4 auf 8,3 Millionen Menschen schrumpfen. Experten sind sich grundsätzlich einig, dass es für das Erkennen und Nutzen der Potenziale, die Zuwanderung mit sich bringt, gezielter Integrationsmaßnahmen bedarf.  Aber wie sich eine Stadt diesbezüglich positioniert hängt letztlich davon ab ob Multikulturalität als eine Bedrohung oder Bereicherung wahrgenommen wird. In Utica hat die Politik bereits eine Antwort auf diese Frage gefunden: In einem Zeitungsbericht gab der stellvertretende Bürgermeister bekannt: „Utica liebt Flüchtlinge.“


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