Sebastian Kurz: „Die Muttersprache der Eltern und Großeltern ist wichtig.“

Sebastian Kurz während des Interviews - ©Asma Aiad
KURZ NOTIERT
  • Sebastian Kurz (geb. am 27. August 1986) ist seit 21. April Staatssekretär für Integration. Zuvor war er Abgeordneter im Wiener Gemeinderat – im Wahlkampf sorgte er vor allem mit seinem Wahlkampfauto mit der Aufschrift „Geil-o-mobil“ für Aufsehen. Tätigkeit: Als Staatssekretär legte er unter anderem einen Maßnahmenkatalog mit 20 Vorschlägen zur schrittweisen Verbesserung der Integration vor.

02.08.2011 | 18:32 | Ania Haar und Rusen Timur Aksak

Die Presse: Wie gut muss ein Migrant die deutsche Sprache beherrschen, um als gut integriert zu gelten?

Sebastian Kurz: Es ist nicht wichtig, ob man als integriert gilt oder nicht. Es ist wichtig, ob man angekommen ist. Ob man sich integriert fühlt, ob man seinen Beitrag für Österreich leistet. Jemand, der nach Österreich kommt, und mittel- oder langfristig hier bleiben will, sollte hier etwas leisten wollen. Und das geht, aus meiner Sicht, bis auf ganz wenige Ausnahmefälle, nur dann gut, wenn die deutsche Sprache beherrscht wird.

Neben Deutsch gibt es ja bei vielen Migranten auch noch die Muttersprache. Für wie wichtig halten Sie die?

Die Muttersprache der Eltern, in vielen Fällen auch die Muttersprache der Großeltern, ist immer wichtig. Es ist schön, wenn man sie kann. Die Mehrsprachigkeit ist von Vorteil. Meine Oma kommt aus Ungarn, meine Mutter kann es nur noch ein bisschen, ich kann es gar nicht mehr. Könnte ich es, wäre es natürlich ein Vorteil für mich.

Sie sagen, Mehrsprachigkeit ist ein Vorteil. Da wäre es doch auch sinnvoll, Muttersprachen zu fördern. Etwa mit einer türkischen Schule in Wien.

Es gibt jetzt schon eine türkische Schule. Und es gibt jetzt schon in den Freigegenständen die Möglichkeit, die eigene Muttersprache zu erlernen. Es gibt auch Zusatzangebote in den unterschiedlichsten Sprachen, um in der eigenen Muttersprache lesen und schreiben zu können. Das, wovor wir immer Angst haben und was medial so hitzig diskutiert wird, findet schon längst statt.

Wie soll Deutsch in Moscheen durchgesetzt werden? Wollen Sie Anreize schaffen oder das gesetzlich regeln?

Ich verstehe nicht, warum dieses Thema immer so viel mediale  Aufmerksamkeit bekommt. Ich habe vor einem Jahr einen Vorschlag gemacht, einen rein positiven. Wenn mehr und mehr Predigten in österreichischen Moscheen auf Deutsch stattfinden, wäre es für alle von Vorteil. An mich sind auch junge Muslime herangetreten und haben gesagt, sie würden kaum noch ihre Muttersprachen verstehen und deshalb deutsche Predigten bevorzugen. Es gibt ja auch nicht nur türkische Muslime in Österreich. Warum sollen alle Imame aus der Türkei kommen und auf Türkisch predigen? Die Medien haben sich so stark darauf fokussiert, großteils, weil sie nicht wissen, was die Realität in den Moscheen ist. Es gibt natürlich Moscheen, in denen es noch nicht der Fall ist, aber das große Ziel ist, und auch der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft Fuat Sanac will das, dass mehr und mehr auf Deutsch gepredigt wird.

Im Strategiepapier, das Integrationsexperten kürzlich für Sie entwickelt haben, wird ein „Code of Conduct“ erwähnt – ein „Verhaltenskodex“, wie Medien über Integration berichten sollen. Ein solcher Vorschlag brachte vor einigen Monaten der niedersächsischen Integrationsministerin Aygül Özkan Zensurvorwürfe ein.

Das hätte auch unserem Maßnahmenkatalog passieren können. In diesem Fall sind die Experten nicht kritisiert worden. Vielleicht werde ich dafür noch kritisiert, wenn ich das Thema vorantreibe. Wenn das so ist, halte ich es aus. Ich glaube nicht, dass Moral Zensur bedeutet. Und moralisches Verhalten hat nichts mit Zensur zu tun.

Das Islamische Zentrum in Wien wurde in den Siebziger Jahren für muslimische UNO-Angestellte erbaut – und niemand störte sich daran. Heute gibt es bei jedem neuen Gebetshaus einen Aufschrei in der Bevölkerung. Wo ist der Pragmatismus geblieben?

Immer wenn etwas in der Bevölkerung passiert, was der Mehrheit der Bevölkerung fremd ist, sorgt das halt für Aufregung. Ich habe volles Verständnis dafür, wenn Menschen verunsichert reagieren, wenn sich etwas in ihrem Umfeld verändert. Meine Erfahrung ist, dass überall dort, wo es intensive Bürgereinbindung gegeben hat, Lösungen erreicht worden sind. Und wenn beide Seiten nicht auf einer extremen Position beharren, kann man so etwas immer friedlich lösen.

Wie möchten Sie Chancengleichheit herstellen, ohne dass der in Österreich nach wie vor vorhandene Rassismus bekämpft wird?

Wer sagt Ihnen, dass der Rassismus nicht bekämpft wird?

Auf vielen Ebenen ist davon eher wenig zu bemerken.

Wenn ich mir den Maßnahmenkatalog anschaue, steht da viel im Bezug auf positive Beispiele unter den Migranten. Sie gilt es vor den Vorhang zu holen. Man kann jetzt so plump sein und sagen: Da steht das Wort Rassismus nicht drinnen. Es stehen andere Worte drinnen, die aber dasselbe bedeuten.

Schwarze werden bei der Wohnungssuche nach wie vor diskriminiert. Vor Gericht kommen sie aber mit ihren Klagen nicht durch. Könnte man solche Probleme nicht mit einem Antidiskriminierungsgesetz lösen?

In unserem Maßnahmenkatalog steht etwa, dass es einen Wohnraumausschuss geben soll, in dem mit allen Verantwortlichen in diesem Bereich diskutiert wird. Das Staatssekretariat kann das aber nicht alleine tun. Wir hören ja immer wieder den Vorwurf: Die Wohnungsvergabe würde unfair sein, gewisse Gruppen bevorzugen oder benachteiligen. Wir sind dem oftmals nachgegangen und es war weder in die eine noch in die andere Richtung belegbar. Solange es keinen Fall gibt, es keine Verurteilung gibt, gibt es keinen Präzedenzfall.

Sie sprechen im Zusammenhang mit Migranten auch immer wieder von Leistung. Was genau meinen Sie mit diesem Begriff?

Gemeint ist, was die Migranten in Österreich weiterbringen, ob sie Deutsch lernen, sich in Vereinen engagieren, ob sie bereit sind, auf Menschen zuzugehen. Ob sie positiv sind, freundlich sind, ob sie wollen, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung machen, einen Beitrag leisten wollen.

Sie planen, erfolgreiche Migranten zu Integrationsbotschaftern zu machen, die unter anderem in Schulen als Vorbilder dargestellt werden. Könnte da zum Beispiel auch eine Putzfrau mitmachen?

Natürlich.

Und wie werden diese geplanten 100 Vorzeige-Migranten ausgesucht?

Es gibt irrsinnig viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Wenn mich jemand anspricht, dann kann er mitmachen.


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