Sprachförderung: Test für längere Kindergartenpflicht

23.05.2012 | 9:11 | Ilona Antal

Kinder mit Sprachdefiziten sollen künftig verpflichtend zwei Jahre in den Kindergarten, so der Kern eines neuen Modells. In Niederösterreich und Salzburg starten im Herbst zwei dieser Modellprojekte.

Wien. Kinder mit Sprachproblemen sollen länger in den Kindergarten gehen. Das ist der Kern eines neuen Projekts, das Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (VP) kürzlich vorgestellt hat. Konkret ist ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr vorgesehen – Ziel ist es, Kindergartenkinder mit schlechten Deutschkenntnissen vor dem letzten verpflichtenden Kindergartenjahr in eine vorschulische Bildungs- und Betreuungseinrichtung einzugliedern.

Dieser Ansatz soll zunächst in zwei Modellregionen getestet werden: im Oberpinzgau und in St.-Pölten-Land. Statt mit fünf Jahren, wie es derzeit vorgesehen ist, sollen Kinder dort künftig bereits mit vier Jahren zum Kindergartenbesuch aufgefordert werden. Dazu soll die Einschreibung in den Kindergarten um ein bis eineinhalb Jahre vorverlegt werden, um vorbeugend gegen Sprachdefizite handeln zu können. In erster Linie geht es dabei aber darum, dass die Eltern einsehen, dass ein Kindergartenbesuch für ihr Kind wichtig und notwendig ist. „Gratis für alle und verpflichtend für die, die es brauchen“, soll es sein, wie es Kurz bei der Präsentation ausdrückte.

Sprachdefizite vorab feststellen

Bei der verpflichtenden Einschreibung werden die Kinder aufgefordert, sich einer Sprachstandfeststellung zu unterziehen, um jeweilige Sprachdefizite gleich vorab feststellen zu können. Dadurch soll bereits im Alter von vier Jahren festgestellt werden, wie gut ein Kind Deutsch spricht – und ob es das zweite Kindergartenjahr verpflichtend besuchen muss.

An der Idee der Sprachstandfeststellung regt sich aber auch Kritik: So meint Migrationsforscherin Barbara Herzog-Punzenberger, dass der Sprachstand in der Erstsprache festgestellt werden muss – und diese sei für manche Migrantenkinder eben nicht Deutsch. Einsprachig deutschsprachige Kinder würden ja auch nicht in Englisch getestet, um festzustellen, ob sie eine altersgemäße Sprachentwicklung durchmachen.

Außerdem warnt die Wissenschaftlerin, dass durch die – insgesamt begrüßenswerte – Entwicklung, möglichst alle Kinder mit vier Jahren im Kindergarten zu fördern, die Illusion entstehen könnte, dass alle zu Schulbeginn auf demselben Deutschniveau seien – und man deshalb notwendige Veränderungen bei der Lehrerausbildung und beim Unterrichtsmaterial nicht mit gebotenem Nachdruck verwirklicht.

Im Staatssekretariat für Integration kann man die Kritik nicht nachvollziehen. Es gehe um die deutsche Sprache, denn „bei der Sprachstandfeststellung wird nicht festgestellt, ob ein Kind muttersprachliche Defizite hat, sondern, ob ein Kind in der deutschen Sprache Defizite hat“. Schließlich finde der Unterricht später in der Schule auch nicht in einer anderen Sprache als Deutsch statt.

Deutsch und Mundart

Im Oberpinzgau hat man mit unterschiedlichen Sprachfördermodellen bereits Erfahrung, wie Familien- und Jugendlandesrätin Tina Widmann erklärt. Kinder mit Migrationshintergrund werden auf Hochdeutsch, Kinder mit starkem Dialekt auch zusätzlich in der Mundart unterrichtet. Beide Modelle werden bereits seit drei Jahren in Kombination verwendet.

Noch ist das Projekt des zweiten Kindergartenjahres aber weder gesetzlich verankert, noch gibt es eine Finanzierung. „Derzeit werden die Kosten für die Pilotversuche von den Ländern finanziert, verursachen jedoch keine zusätzlichen Kosten“, heißt es aus dem Staatssekretariat. Im Endausbau würde das zweite Kindergartenjahr voraussichtlich 70 Millionen Euro kosten. „Früher investieren statt später reparieren“, meint Kurz.

Derzeit investiere Österreich jedes Jahr 60 Millionen Euro für das kostenlose Nachholen von Bildungsabschlüssen. Dabei würde man ohnehin Millionenbeträge in Arbeitsmarktprogramme für junge Menschen ohne adäquate Ausbildung stecken – dieses Geld soll in Zukunft umgeschichtet werden. Ziel ist, innerhalb der nächsten zwei Jahre dieses Projekt landesweit umzusetzen.

Migrationsforscherin Herzog-Punzenberger regt an, gleich alle Kinder zu einem zweiten Kindergartenjahr zu verpflichten, nicht nur jene mit Sprachdefiziten. Schließlich würde jedes Kind davon profitieren, da Kinder mehr durch eine Interaktion miteinander lernen und gemeinsam sozialisiert werden müssen. Gerade die Kinder der Mehrheitsbevölkerung sollten demnach auch mit der vielfältigen Realität der gleichaltrigen Kinder umgehen lernen – ohne schulischen Leistungsdruck. „Dazu gehört nicht nur, die deutsche Sprache verwenden zu können, sondern Respekt vor anderen Kindern, Verantwortung und Gruppensinn zu entwickeln.“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 23.05.2012)


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