Türkenbelagerungen prägten das Bild der Türken

Türkenbelagerung, Schild in Mödling - ©privat

13.08.2008 | 8:22 | Duygu Özkan

Historiker: Die Erinnerung an die Bedrohung durch die Osmanen wurde über Jahrhunderte kultiviert.

Dass die Türken trotz laizistischer Staatsverfassung vor allem als islamisches und fremdes Volk wahrgenommen werden, ist sicherlich auch ein Ergebnis einer Jahrhunderte langen, überwiegend militärischen Konfrontation, an die immer wieder erinnert wurde“, sagt Peter Rauscher, Privatdozent am Institut für Geschichte der Universität Wien.

1529 stand das osmanische Heer erstmalig vor den Toren Wiens, ein zweites Mal 1683. Für die betroffenen Gebiete und die dort lebende Bevölkerung bedeutete dies eine existenzielle Bedrohung – auf der anderen Seite wurden aber auch immer wieder diplomatische Beziehungen zum Osmanischen Reich gepflegt.

Doch es sind die Belagerungen, die im kollektiven Gedächtnis der Österreicher besonders stark hängen geblieben sind. Das liegt unter anderem daran, dass immer wieder an sie erinnert wird, etwa mit Jubiläumsfeierlichkeiten. Derartige Gedenkakte führten nicht zuletzt dazu, dass stets ein bestimmtes Türkenbild belebt und weitergegeben wurde – auch als ein Instrument, um die aktuelle Situation zu reflektieren.

So sei etwa zum 200-jährigen Jubiläum der zweiten Türkenbelagerung in den 1880-er-Jahren der beginnende Liberalismus mit der Türkenbelagerung verglichen worden, so Rauscher – die katholische Kirche war die Triebfeder dieser Kampagne. Ähnlich wurde in den 1930er Jahren „der vergangenen ,Gefahr aus dem Osten‘ die neuerliche ,asiatische Barbarei‘ ausgehend vom Sozialismus und der Sowjetunion gegenübergestellt“, so der Historiker. In den 1980-er Jahren hingegen, als die diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Österreich weitgehend positiv waren, wurden die Feierlichkeiten des 300. Jahrestages dazu genützt, das „wechselseitige Verständnis“ zwischen Österreich und der Türkei zu betonen.

Erbfeind der Christenheit

Dennoch: Heute, wie damals, wird die religiöse Differenz als Gefahr wahrgenommen. Unmittelbar nach der ersten Bedrohung wurde das Bild des Türken „als Erbfeind der Christenheit“ geschaffen. Auch heute wird auf diese Taktik zurückgegriffen, wenn, so Rauscher, „mit diffusem Wissen über die vergangene Bedrohung vor „Überfremdung“ oder islamistischem Terror historische Gefahren aktualisiert werden“, wenn etwa von einer „Dritten Türkenbelagerung“ Wiens die Rede ist.

Im Wiener Alltag sind türkische Spuren nicht nur durch Imbissstände ersichtlich. Denkmäler und Gedenktafeln erinnern an das 16. und 17. Jahrhundert, als die historischen Wiener von ihren osmanischen Zeitgenossen bedroht wurden, zeitgleich fand aber auch ein kultureller Austausch statt. Die berühmte Wiener Kaffeehauskultur ist schließlich auf die Berührung mit den Osmanen zurückzuführen. Und, so Rauscher, das Osmanische Reich diente seit dem 18. Jahrhundert nicht zuletzt auch als Raum „exotischer und erotischer (Harem) Sehnsüchte“.

(DUYGU ÖZKAN, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 13.08.2008)


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