Türkischer Kulturverein auf Herbergssuche

Moschee in Wien
AUF EINEN BLICK
  • ATIB: Der Verein untersteht dem staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten der Türkei. Die Atib besteht aus 63 Gemeinden, eine davon in Kufstein. Dort sucht man nach einem Anschlag auf das Vereinsgebäude eine neue Bleibe.
  • www.atib.at

28.06.2011 | 19:45 | Rusen Timur Aksak

Der islamisch-türkische Verein Atib möchte sein altes Gebäude verlassen und in ein angemesseneres Quartier ziehen. Vonseiten der Politik und der Anrainer regt sich aber zum Teil heftiger Widerstand.

 

Kufstein. Das Tiroler Unterinntal bietet den Städten und Gemeinden kaum Platz für Wachstum – das ist landschaftlich bedingt. In Kufstein ist somit jeder Grunderwerb ohnehin ein Politikum. Noch mehr Aufregung gibt es, wenn ein islamisch-türkischer Verein ein Grundstück erwirbt. Und dort, ohne die Stadtführung vorab zu informieren, einen Moscheeverein etablieren will.

Die Türkisch-Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich (kurz: Atib) in Kufstein wurde 1992 gegründet. Damals kam man in einer ehemaligen Lagerhalle unter. Für knapp 60 Quadratmeter zahlte der Verein knapp 1600 Euro im Monat. Für ein Gebäude ohne Fenster und mit Asbestbelastung. Seit Jahren verwies der Verein darauf, dass die knapp 130Mitglieder zu wenig Platz hätten – und der Eigentümer sie auch noch delogieren wollte.

„Umragt von Bergen, so friedlich und still“, heißt es an einer Stelle des berühmten „Kufsteinliedes“. Diese friedliche Stille wurde am 16.Jänner 2011 allerdings gestört: Drei junge Männer zwischen 15 und 21 Jahren verübten einen Brandanschlag auf das Atib-Vereinsgebäude und schmierten in der Nähe Hakenkreuze an die Wände. Die Burschen wurden schnell ausgeforscht. Der Anschlag rüttelte viele Kufsteiner auf – und Atib fasste den endgültigen Beschluss, eine Lösung für das Platzproblem zu finden.

Flächenumwidmung unrealistisch

Nur wenige Areale kamen infrage: Zuletzt war ein ehemaliges Sporthotel ins Auge gefasst worden, doch Widerstand kam sowohl vom Gemeinderat als auch von Anrainern. Die Atib gab darauf diesen Plan auf – angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat schien die notwendige Flächenumwidmung unrealistisch.

Seit Anfang Mai scheint die aus Sicht des Atib-Vereinsvorsitzenden Necati Catalkaya frustrierende Suche ein Ende gefunden zu haben. Mit einem Darlehen von 400.000 Euro – einige Mitglieder verschuldeten sich sogar extra dafür – kaufte der Verein das ehemalige ÖAMTC-Gebäude samt Grundstück und Parkplätzen. Am 5.Mai wurde bei der Gemeinde um eine Umbauerlaubnis angesucht.

Doch kaum war der Kauf bekannt geworden, formierte sich erneut Widerstand. Von den Gemeinderatslisten GKL-FPÖ und Bürgerliste Horst Steiner (BHS) und auch von Anrainern. Allerdings: Das erworbene Areal hat die nötige Widmung bereits inne, und der Gemeinderat müsste somit nicht angefragt werden. Falls aber doch noch eine Zweckumwidmung notwendig werden sollte, werde man „mit Sicherheit“ nicht zustimmen, ließ die städtische FPÖ wissen. Die BHS wiederum will nun Unterschriften von Anrainern gegen das Projekt sammeln.

„Stimmungsmache“, meint der Mandatar der Grünen im Gemeinderat und Integrationsreferent der Stadt, Andreas Falschlunger. Bürgermeister Martin Krumschnabel (Bürgerliste „Die Parteifreien“) hätte die Causa Atib bereits an die Landesregierung weitergereicht, und dort würde nun entschieden. Nach Angaben Falschlungers gehe die Widmung in Ordnung, schließlich dürften die Zeugen Jehovas in unmittelbarer Nachbarschaft auch ihren „Königreichssaal“ nützen.

Bürgermeister Krumschnabel hält sich in der Causa Atib bedeckt, da ihm die Gegner des Bauprojekts am 11.Mai in einer offenen Gemeinderatsversammlung die Leviten lasen. Selbst Vorwürfe der Desinformation und Unehrlichkeit wurden von Seiten der BHS laut, da Krumschnabel ja schon ab dem 5.Mai von den Umbauplänen der Atib gewusst haben soll.

Skeptisch ist auch Hannes Rauch: Der ÖVP-Generalsekretär und Stadtparteiobmann in Kufstein hält den Bürgermeister für „nicht ausreichend informiert“. Er bemängelt insbesondere die fehlende Informationspolitik des Atib Vereins – ein solches Projekt sei nun einmal „ordentlich zu kommunizieren“, andernfalls dürfe man sich nicht über Ängste und Sorgen der Anrainer wundern.

Aus dem Umfeld der Atib Kufstein hört man, dass man alles auf eine schnellstmögliche Umbauerlaubnis setzt, man könne sich keinen langen Streit um das neue Grundstück leisten. Die Diskussion um adäquate Gebetsmöglichkeiten für die Muslime macht etwa Sevki Bas, Kufsteiner mit türkischen Wurzeln, wütend: „Die Verfassung muss auch in Kufstein gelten, und wir sollten uns in keinen umfunktionierten Lagerhallen mehr verneigen müssen.“

„Intoleranz auf allen Ebenen“

Auch Nusret Koca, ehemaliger Vorsitzender des Kufsteiner Alevitenvereins, glaubt nicht, dass es nur um Parkplätze und Ruhestörung geht: „Seit Jahren werden derlei Gründe angeführt, aber im Grunde haben wir in Kufstein ein Problem mit Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz – auf allen Ebenen.“

Nun blicken Atib und die Projektgegner gespannt nach Innsbruck und warten auf die Entscheidung der Abteilung für Raumordnung – ob der Verein Atib in Kufstein nun ein neues Gebäude beziehen darf, oder weiter auf Herbergssuche gehen muss.

(RUSEN TIMUR AKSAK, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 29.06.2011)

 


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