Von Schlägen und Opfern – Attacke auf Flüchtling

Flüchtling Mohammed T. vorm AKH nach der Attacke (c) K. Kellermann

06.02.2013 | 22:12 | Kerstin Kellermann

Mohammed Tahir, einer der Flüchtlinge aus der Wiener Votivkirche wurde heute von einem Unbekannten auf der Straße am Kopf verletzt. Sein Bruder Said Rehman wurde in der „Tribal Area“ erschossen, weil er kein Selbstmordattentäter werden wollte. Also floh Tahir und landete in Österreich. Eine Reportage.

Wien. Mit einer Hand hält sich Mohammed Tahir ein Auge zu und zählt die zwei Finger der erhobenen Hand. Es bleiben zwei. Und er kann sie fixieren. Also keine starke Gehirnerschütterung. „Es ist nichts gebrochen“, sagt die Notärztin, „alle Knochen im Kopf sind Gott sei Dank okay.“ Wir sitzen auf einer Bank in der Unfall Ambulanz des Wiener AKH. Mohammed und Shajahan, zwei Flüchtlinge aus der Wiener Votivkirche, wollten heute Mittwoch einfach nur neue Telefonwertkarten kaufen gehen. Auf der Höhe der Garnisongasse im neunten Bezirk schlägt ein circa dreißigjähriger Mann – mit dunkler Jacke und Kapuze auf und einem kleinen Bart am Kinn – den Stärkeren und Größeren der beiden ohne Vorwarnung ins Gesicht. Dieser geht überrascht zu Boden und verletzt sich beim Sturz an der Hüfte.

Im Krankenhaus rätseln beide Flüchtlinge noch immer über den Grund der plötzlichen Attacke. „Wahrscheinlich aus religiösen Gründen“, mutmaßen sie – für Österreich eine eher seltsame Annahme. Ob der Mann ein Verrückter war, können sie nicht beurteilen. Auch für Skinheads oder Hooligans fehlen ihnen die Vergleichsbilder. Sie wissen aber, dass ihre Fotos auch auf islamfeindlichen Homepages erschienen sind.

Mohammed Tahir ist schwindlig und der ruhige Taxifahrer aus Urmarmiana (KPK) in der gefährlichen und chaotischen „Tribal Area“, in der sich die pakistanische Armee, die Taliban und US-Drohnen Kämpfe liefern, geht langsam und vorsichtig zum Röntgen. Seine Message an die Österreicher nach diesem Schlag ins Gesicht: „Bitte behandelt uns als Menschen.“ Das hat den Hintergrund, dass die Terroristen, die Taliban, als Tiere bezeichnet werden, da sie unmenschlich handeln.

Flucht vor Terroristencamp

Der Pakistani Mohammed Tahir lebte mit seiner Frau, vier Kindern und seinem Bruder, einem Bauern, zusammen. Er fuhr Taxi und besaß seinen eigenen „Pick Up“. Nach seinen Angaben wollten ihn die Taliban rekrutieren und ihm „ein Training als Suicide Bomber“ verpassen. „Was für ein Training kann man denn als Selbstmordattentäter machen?“, frage ich ungläubig. Shajahan muss über mein erstauntes Gesicht lachen. „Ich war auch in so einem Zentrum“, sagt er. Auf jeden Fall weigerten sich die beiden Tahir Brüder zu lernen, sich selbst in die Luft zu sprengen, worauf der dreißigjährige Said Rehman gleich direkt erschossen wurde. Mohammed Tahir musste seine Familie alleine lassen und flüchtete. „Er darf kein starkes Licht haben“, sagt die Notärztin, „und er soll lange Zeit nicht lesen.“ „Er liest sowieso nicht“, sagt Shajahan. In der Votivkirche ist es zumindest dunkel. „Er soll keinen Stress haben und er muss essen für die Schmerzmittel, sonst wird er Kopfweh bekommen.“

Im Taxi zurück frage ich, warum Mohammed Tahir so eine heisere, krächzende Stimme hat und schwer reden kann. „Er war fünf Tage zusätzlich zum Hungerstreik im Wasser Streik“, übersetzt Shajahan. „Dadurch hat sich seine Stimme verändert. Er trank fünf Tage lang nichts und niemand hat das überhaupt realisiert. Für nichts. Das war eine Woche, bevor der erste Hungerstreik zu Ende war.“ Warum er als Einziger noch zusätzlich einen Durststreik gemacht hat? „Er will ein Opfer bringen.“ „Aber es war doch schon genug Opfer“, sage ich. „Es war schon zu viel Opfer!“, meint Shajahan. „Warum ist das Opfer und das sich Opfern so wichtig in eurer Kultur?“, will ich wissen. „Wir haben eine Tradition in Opfern. Er ist ein religiöser Mann“, ist die Antwort. In der Votivkirche ist Mohammed Tahir froh wieder „zu Hause“ zu sein und liegt in seinem Eckbett, mit dem Kopf an eine Kirchensäule gebettet, seine Haube auf. Ein paar Flüchtlinge stehen Schlange, um ihm die Hand zu schütteln und zu kondolieren.


ein Kommentar

  • Pastor Hans-Georg Peitl

    Mal ganz ehrlich: Der Kampf ist fair und gerecht. Und das es in Pakistan grosse Probleme mit den Terrorcamps gibt weiss ich von Sharid M. Paul einem christlichen Prediger der dort seinen Dienst versieht und versucht eine friedliche Basis zwischen den Christen und dem Islam zu finden. Schön wenn es einmal wieder gelungen ist, dass sich jemand nicht in den Terrorcamps ausbilden lässt. Warum man aber immer wieder versucht Gewalt zu schüren, indem man in einer Zeitung zwei Gruppen, die miteinander kommunizieren könnten als Gegner darstellt weiss ich nicht. Das ist wohl das Problem der heimischen Medienlandschaft. Geschrieben um 14. Februar 2013 um 08:09 Antworten

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