MigrantInnen siegen für Österreich beim Cricket

Cricket-Wien-Donaustadt - ©Milagros Martinez-Flener
Hintergrund 
  • Cricket: Die Mannschaftssportart ist vor allem in Ländern des Commonwealth sehr beliebt. 1981 wurde der Österreichische Cricket-Verband gegründet. Derzeit gehören ihm 16 Klubs mit rund 400 aktiven Spielern an. In Österreich gibt es drei Cricket-Grounds, die dem internationalen Standard entsprechen – einer in Seebarn bei Wien, einer in Wien Donaustadt und einer in Kärnten bei Velden am Wörthersee.
  • http://www.austriacricket.at
  • http://www.icc-cricket.com/

20.11.2012 | 19:35 | Milagros Martinez-Flener

Cricket ist in Österreich nicht annähernd so populär wie Fußball, doch zuletzt hatte das Cricket-Nationalteam um Einiges mehr an Erfolg. Hauptverantwortlich dafür sind Kinder von Zuwanderern.

Wien. Besser als die Fußballer sind sie allemal – zumindest wenn man auf die europäische Rangliste blickt. Denn dort belegt die österreichische Cricket-Nationalmannschaft den achten Platz. Tatsächlich sind die Erfolge der Nationalmannschaft seit dem Jahr 2000 nicht mehr zu übersehen. In jenem Jahr wurde die U-15-Nationalmannschaft Vize-Europameister, 2010 stellte die U-17 bei der Europameisterschaft der zweiten Division den besten Spieler des Turniers, und 2011 schaffte die A-Mannschaft nach international aufsehenerregenden Siegen gegen Spanien, Malta, Griechenland und Turnierfavorit Isle of Man den Aufstieg in die European Championship Division1.

Spielen als Hobby

Verantwortlich dafür ist eine Mannschaft, die vor allem aus Menschen mit Migrationshintergrund gebildet wird. Und die überwiegend aus reinen Hobbyspielern besteht. Nur vier der österreichischen Nationalspieler sind Legionäre in Topligen: Ciju Puthuppally, ehemaliger U-17-Nationalteamspieler, studiert in London und spielt dort im Uni-Team; Lakmal Kasthuriarachige und Satyam Suhbash sind beide Semiprofis in einer der höchsten Spielklassen im englischen Cricket. Ein weiterer Spieler ist in der zweiten Liga in Neuseeland tätig, aber „seine Einberufung wäre für uns zu teuer“, bedauert Thomas Pühringer, Generalsekretär des Österreichischen Cricketverbandes.

Cricket wurde von Engländern gegen Ende des 19.Jahrhunderts in Österreich eingeführt, doch fasste die Sportart im Unterschied zu Fußball hierzulande nie wirklich Fuß. Das führte so weit, dass sich im Jahr 1911 Spieler des Cricket Clubs abspalteten und den heute noch bestehenden Fußballklub Austria Wien gründeten. Ein kurzer Popularitätsschub kam nach dem Zweiten Weltkrieg – da spielten englische Soldaten der alliierten Besatzungstruppen, doch kaum waren die Truppen wieder weg, war der kurze Boom auch schon wieder vorbei.

Es dauerte bis zum Jahr 1975, ehe wieder Bewegung in die österreichische Cricketszene kam. In diesem Jahr führte der australische Englisch- und Sportlehrer Kerry Tattersall an einem Gymnasium in Floridsdorf das Crickettraining als Bewegungstherapie für seine Schüler ein – in Kombination mit dem Englischunterricht. Bald entwickelte sich aus dem Projekt eine zweite Mannschaft. 1981 wurde schließlich der Österreichische Cricket-Verband gegründet.

Kinder von Migranten

Von den damaligen Schülern findet man heute in der Austrian Cricket Association Open League allerdings nur noch drei Spieler. Die Mehrheit kommt aus klassischen Cricketnationen wie Großbritannien, Indien, Pakistan, Bangladesch oder Südafrika. Oft sind es Mitarbeiter internationaler Behörden, aber auch in Österreich geborene Kinder von Migranten aus diesen Ländern spielen häufig mit.

Zwar bemüht sich der Verband, im Rahmen von Projekten und Schulpartnerschaften Nachwuchs für den Cricketsport zu interessieren, doch bilden die Jugendlichen mit indischen, pakistanischen oder sri-lankischen Wurzeln nach wie vor die Mehrheit. „Mein Vater kommt aus Sri Lanka und spielte Cricket. Als Kind habe ich ihm zugeschaut und mit ihm trainiert“, erzählt der 16-jährige Rayhaan Ahamed. Der U-17-Nationalspieler trainiert seit fünf Jahren auf Klubebene und gilt als Hoffnungsträger der österreichischen Nationalmannschaft.

Mithilfe der Ausbildungskurse, die vom International Cricket Council mitfinanziert werden, ist Ahamed auch als Nachwuchstrainer im Rahmen einer Schulpartnerschaft tätig. „Unterrichten macht genauso viel Spaß wie das Spiel selbst“, meint er. Eine Zeitlang betreute er eine Gruppe von Kindern in der Vienna Bilingual School, aus der später Spieler wie Paul Miskulinig oder Christoph Möslinger bis in die U-15-Nationalmannschaft aufstiegen.

Der Klubnachwuchs wird in der Cricket-Akademie zusammengefasst, wo sie unter der Leitung von Siva Nadarajah, einem ehemaligen Nationalspieler von Sri Lanka – und Vater der Schwimmerin Fabianne Nadarajah –, trainieren.

So vielfältig die Herkunft der Spieler, so vielfältig sind auch ihre Religionen: Unter den österreichischen Spielern befinden sich neben Christen auch viele Hindus und Muslime – was den Verband immer wieder vor Herausforderungen stellt. „Die Spieler aus Pakistan sind vorwiegend Muslime und wollten den Ramadan einhalten“, erzählt Generalsekretär Pühringer. „Das war ein gesundheitliches Problem, weil ein Spiel in der prallen Sonne bis zu sieben Stunden dauern kann.“ Die Lösung: Bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft stellte man klar, dass in Pakistan Sport Arbeit sei. Und damit durften die Spieler in Wien während des Spiels Wasser trinken.


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