1 + 8: Repression und Rebellion an den türkischen Grenzen

1+8 (boş) 007

02.04.2013 | 12:48 | Hülya Tektas

In der Dokumentation „1+8“ zeigen die Filmemacherinnen Angelika Brudniak und Cynthia Madansky die Lebensbedingungen der Menschen in den acht Grenzgebieten der Türkei. Eine Dokumentation, die offenbart welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten Menschen aus 16 Schauplätzen trennen und verbinden. 

Istanbul. „Falls Sie eines Tages der Angst begegnen, fragen Sie sie bitte, wo sie auf die Welt kam. Ohne Zweifel wird sie Ihnen sagen, dass sie im Viereck von Iran, Irak, Syrien und der Türkei auf die Welt kam.“ So beschreibt der syrisch-kurdische Schriftsteller Helîm Yûsiv in seinem Roman „Angst ohne Zähne“ die kurdischen Gebiete als Geburtsort der Angst.
Dass Angst ein täglicher Begleiter vieler Menschen in den türkischen Grenzgebieten ist, zeigt die Filmdokumentation “1+8” von Angelika Brudniak und Cynthia Madansky. Die Filmemacherinnen haben über zwei Jahre lang die Lebensbedingungen von Menschen in den acht Grenzgebieten der Türkei gefilmt.

Armut, Sehnsucht und Rebellion 

Es sind mehrheitlich Frauen, Kinder und alte Männer in abgelegenen Bergdörfern und wenig bekannten Städten entlang der türkischen Grenzen, die im Film zu sehen sind. Dadurch entsteht der Eindruck, dass scheinbar jeder, der es sich leisten kann, die Grenzgebiete verlässt. Emotionale Alltagsschilderungen der ProtagonistInnen, traurige Gesichter, die in die Kamera blicken und Aufnahmen von verlassenen Landschaften konfrontieren die Zuschauer mit Armut, Verzeiflung und Unterdrückung. Aber der Film zeigt auch den Freiheitsdrang vieler Menschen. Er zeigt Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und gibt den ZuseherInnen die Möglichkeit zu sehen, wie stark der Wille dieser Menschen ist sich gegen politische Repressionen aufzulehnen und gegen die Unterdrückung von Frauen und gegen soziale Ungleichheit zu rebellieren. Trotzdem schwingt im Film das Gefühl einer gewissen Handlungsunfähigkeit mit. 


Prostituierte von Hopa

Der Zerfall der Sowjetunion ist in armenischen, georgischen und bulgarischen Grenzgebieten noch immer ein Thema. Die bittere Armut der postkapitalistischen Zeit lässt die ProtagonistInnen der kommunistischen Ära nachtrauen. Für die Frauen im nordosttürkischen Grenzort Hopa bedeutet der Zusammenbruch des Kommunismus familiäre Probleme. Prostituierte von der anderen Seite des Schwarzen Meeres galten in Hopa als Grund für die Untreue vieler Männer und hohe Scheidungsraten. Dafür dass diese Frauen – aus unterschiedlichsten Gründen – zur Prostitution gezwungen sind, dafür haben die Ehefrauen aus Hopa kein Verständnis.

Es sind Lebensrealitäten wie diese, in die die zwei Filmemacherinnen durch ihre eindrucksvolle Dokumentation Einblick gewähren. Die 132 minutige Dokumentation ist noch bis zum 7. April als Videoinstallation auf acht Leinwänden in Salt Galata in Istanbul zu sehen.


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