Mehr als 100.000 Österreicher besuchten Bulgarien im Jahre 2013

Ethnological Museum of Plovniv

08.01.2014 | 10:27 | Magdalena Jetschgo

Über 112.000 ÖsterreicherInnen haben Bulgarien im Jahre 2013 schon besucht, das ist ein Zuwachs von 7,5% im Vergleich zum Jahr 2012. Insgesamt hat der bulgarische Tourismus eine Steigerung von 6,1% bei den Besucherzahlen zu verzeichnen. Wir wissen, warum: das Land am Schwarzen Meer hat unglaublich viel zu bieten. Ein Reisebericht von Magdalena Jetschgo über römische Stadien unter Einkaufsstraßen, Rosenduft und warum die sparsamsten BulgarInnen auch die lustigsten sind.  

Dicht aneinandergedrängt reiht sich ein hübsches kleines Häuschen an das andere, als ob sie sich um den knappen Platz an den Hängen über dem Flussbett hätten streiten müssen. Die Jantra windet sich um die vielen Hügel, auf denen Veliko Tarnovo erbaut ist. Einer davon war einst ein ganzes Dorf: wo sich heute die Überreste der Festung Tsarevets erheben, wurden schon im Mittelalter die Fäden des Großreichs gezogen. Bei einer beeindruckenden Klang- und Lichtshow, in der Dunkelheit am Hügel Tsarevets dargeboten, wird von der großen Vergangenheit Bulgariens erzählt. Auch im Stadtkern selbst fühlt man sich um Jahrhunderte zurückversetzt: schlendert man durch die alte Händlerstraße, kann man handgetöpferte Keramik, die früher den Adeligen vorbehalten war, direkt bei den Künstlern erstehen, nach alter Tradition gebrauten türkischen Kaffee genießen, oder den alten, mittelalterlichen Hauptplatz bewundern – dessen Schönheit seiner heutigen Funktion als Parkplatz trotzt.

„Veliko Tarnovo ist die mittelalterliche Hauptstadt Bulgariens, die jeden Touristen mit ihrer einzigartigen Schönheit beeindruckt.“ – Soweit die Hochglanzbroschüre des bulgarischen Ministeriums für Tourismus. Ehrlich gesagt, die Wirklichkeit überstrahlt diese Schilderung noch bei weitem. Veliko Tarnovo haftet die Größe vergangener Jahrhunderte an – war die Stadt doch einst Hauptstadt Bulgariens und durch viele Jahrhunderte kulturelles und intellektuelles Zentrum des Landes. Viele Aufstände und Befreiungskämpfe hatten hier ihren Ursprung, 1879 wurde die erste bulgarische Verfassung in Veliko Tarnovo ausgearbeitet.

Nur 4km von Veliko Tarnovo entfernt befindet sich das kleine Museumsdorf Arbanasi, welches schon zur Zeit des zweiten bulgarischen Reiches (1185 – 1393 n. Chr.) existierte. Zu jener Zeit war Veliko Tarnovo die Hauptstadt und Arbanasi diente als Sommerresidenz. Während der Jahre der türkischen Herrschaft machten sich arbanasische Händler im gesamten türkischen Reich einen Namen. Ihre Häuser, die von außen wie kleine Festungen wirken, kann man heute noch besichtigen. Eines dieser massiv anmutenden, durch seine orientalischen Ornamente gleichzeitig sehr edel wirkenden Landhäuser aus dem 17. Jahrhundert ist das Konstancalieva-Haus: es vermittelt einen lebhaften Eindruck, wie eine begüterte Familie und ihre Bediensteten zur Zeit der Osmanen in Bulgarien gelebt hat: ob das weiß getünchte Zimmer mit römischem Steinboden, in dem sich die Frauen des Hauses am überdimensionalen Sofa zum Handarbeiten und türkischen Kaffee versammelten, die ausgeklügelte Küche oder das abgeschiedene, gemütliche Wöchnerinnen-Zimmer: das Konstancalieva-Haus ist wie eine Reise in eine längst vergangene Zeit. Mein persönliches Highlight waren der versteckte Fluchtgang ins Nachbarhaus – zu osmanischen Zeiten hatte man anscheinend jederzeit mit feindlichen Übergriffen zu rechnen – und der am Haus außen angebrachte „natürliche Kühlschrank“ in Form eines Gitterkorbes vor einem Fenster.

 

„Die Welt überdauert, weil sie lacht“

Die kleine Stadt Gabrovo hat schwere Zeiten hinter sich: einst bekannt als das „bulgarische Manchester“, sperrten nach Ende des Kommunismus 90% der Fabriken zu, die Arbeitslosigkeit lag bei 70%. Dass den Leuten das Lachen offenbar trotzdem nicht vergangen ist, bezeugt das Humor- und Satirefestival, das jedes ungerade Jahr unter dem Motto „Die Welt überdauert, weil sie lacht“ stattfindet. Die Bewohner Gabrovos sind allerdings nicht nur für ihren eigenen Sinn für Humor, sondern auch für ihre sprichwörtliche Sparsamkeit landesbekannt. Gerüchten nach zufolge ziehen die Gabrovoer Strümpfe an, statt Schuhe, wenn sie zum Tanzen gehen, damit sie die Musik aus dem Nachbardorf hören und das Geld für die eigene Kapelle sparen. Aber ich muss ehrlich gestehen, dass ich das nicht persönlich überprüft habe.

8km südlich von Gabrovo liegt das Freilichtmuseumsdorf Etar. Es ist das einzige seiner Art in Bulgarien und wurde bereits 1964 eröffnet. Beim Durchschlendern tut sich einem das Leben der HandwerkerInnen aus dem 18. Und 19. Jahrhundert auf. Faszinierend detailreich wurde eine alte Geschäftsstraße – ein Schmuckstück bulgarischer Wiedergeburtsarchitektur – nachgebaut, in der man sich beim Bäcker eine frisch gebackene Baniza (in Wien würde man Burek dazu sagen) genehmigen, sich im alten türkischen Kaffeehaus die Zukunft aus dem Kaffeesatz lesen lassen, oder in der Kräuterapotheke einen sicherlich sehr naturbelassenen Tee erstehen kann. Auch eine Reihe von wassergetriebenen technischen Anlagen können bewundert werden, unter ihnen eine vorsintflutliche Waschmaschine. 

 

 

Träume in Rosa

Am Weg weiter Richtung Süden befinden sich unglaublich hübsche, russische Kirchen, die in Miniatur sicher wie Spielzeug aussehen würden, Grabhügel der Thraker rund um Kasanlak, die von außen wie ein Erdhügel wirken, von innen allerdings mit Schätzen und reichen Malereien aufwarten, und, nicht zu vergessen im Land der Rosen, das „House of Roses“. Rosenöl-Handcreme, -Marmelade oder –Likör – kaum einen zartrosa Wunsch lassen die bulgarischen Souvenirshops im zentral gelegenen Rosental unerfüllt. Dabei ist die Rosenölproduktion seit Ende des Kommunismus stark zurück gegangen und darüber hinaus äußerst aufwändig: stattliche 3 Tonnen Rosenblüten der berühmten rosa damascena sind nötig, um 1 kg Rosenöl herzustellen. Der Lohn ist ein Endprodukt, fast so wertvoll wie Gold und für seine konservierende und desinfizierende Wirkung weltweit begehrt – auf dem Weltmarkt wird ein Preis von bis zu 5.000 Euro für ein Kilo bulgarisches Rosenöl bezahlt wird. Da die Gewinnung allerdings so aufwändig ist, wird auf vielen ehemaligen Rosenfeldern im Rosental mittlerweile Getreide angebaut, was mehr Ertrag abwirft. Das bulgarische Rosenöl ist, neben Mitbewerbern wie der Türkei, Marokko oder Frankreich, trotzdem nach wie vor Weltmarktführer.

Plovdiv hat die einzige Einkaufsstraße der Welt, unter der sich ein römisches Stadion befindet

Plovdiv, die zweitgrößte Stadt Bulgariens und eine der ältesten Städte Europas, empfing uns mit strahlendem Sonnenschein. Die Stadt besitzt wohl die einzige Einkaufsstraße der Welt, unter der sich ein römisches Stadion befindet. An einigen Stellen ist es freigelegt, man fährt im Einkaufszentrum die Rolltreppen hinunter und steht mitten drinnen. Das Amphitheater, in dem einst 7000 Menschen Platz fanden, ist malerisch zwischen zwei der drei bewohnten Hügel geschmiegt. Eigentlich ist die Stadt ja rund um sieben Hügel erbaut, am berühmtesten ist jedoch das sogenannte Trimontium in der Altstadt. Die Altstadt ist überhaupt ein Schmuckstück. Bunte, kleine Häuser mit Holzverzierungen, die an Fachwerkshäuser erinnern, sind teilweise so eng aneinander gebaut, dass es scheint, als würden sie sich demnächst berühren.

Lieblingsvorspeise: Grünzeugs und Schnaps

Ganz unerwähnt ist hier noch die bulgarische Küche geblieben – kurzgesagt: sie ist köstlich. Manchmal deftig (Gjuwetsche, eine Art „Wochenschau-Eintopf“), würzig (Ljuteniza, erinnert an den balkanischen Ajvar), oft auch gesund – hier sei das besondere bulgarische Joghurt erwähnt. Interessant erscheint die Kombination aus Salat und Rakija. Vielleicht gewöhnungsbedürftig – in Bulgarien jedenfalls Lieblingsvorspeise Nummer eins.

Doch nicht nur die Küche ist ein Grund, um wiederzukommen: viele Regionen Bulgariens warten noch darauf, entdeckt zu werden: die Donau-Region im Norden des Landes, an der Grenze zu Rumänien, die Schwarzmeer-Küste oder das massive Rhodopen-Gebirge im Süden des Landes, um nur ein paar weitere Schmuckstücke zu erwähnen. Dies war wohl nicht mein letzter Besuch im ehemaligen Großreich am Schwarzen Meer! Ich komme wieder.

 

Mein Dank an das Ministerium für Tourismus in Bulgarien, das mich nach Bulgarien eingeladen hat!

 

 

 

 

 

 


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