Massenproteste in Russland: “Es atmet sich freier”

Putin Kaput - ©Susanne Scholl

12.12.2011 | 15:26 | Susanne Scholl

MOSKAU. Als ich am 4. Dezember ins Flugzeug nach Moskau stieg dachte ich: „wieder so eine Wahl, wo alles vorherbestimmt ist, gefälscht wird, bis das Resultat stimmt und die Menschen ohnmächtig zusehen müssen“. Bei der Passkontrolle sagte der junge Mann in Uniform hinter der Glasscheibe: „Sie sind Korrespondentin? Erzählen sie bei sich dort, wie es hier zugeht!“ Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu können. Und fuhr mit einem Taxi in die Stadt. Das lenkte ein Mann aus dem Kaukasus – und dass der die Staatsmacht heftig kritisierte wunderte mich kaum.

In der gleichen Nacht wurden schon einmal ein paar dutzend Menschen verhaftet, die im Zentrum gegen die Wahlfälschungen protestiert hatten. Und irgendwie schien es mir, als wäre das schon alles. Auch wenn es im Internet seit Wochen brodelte – im russischen Internet wohlgemerkt. Man rief dazu auf, Wahlmanipulationen sofort zu melden und sich nicht einschüchtern zu lassen. Und immer noch dachte ich, dass nur die üblichen Mutigen sich dazu aufraffen würden.

Ab Montag früh dann gingen die russischen social networks über von Berichten über Manipulationen und Fälschungen. Karusell nannten die gelernten russischen Beobachter jeglicher Ungereimtheiten zum Beispiel die Methode, junge Leute, meist Studenten, dazu zu bezahlen, mit Wahlkarten in mehreren Wahllokalen abzustimmen. Am Montag brachte die „NOVAJA GASETA“, Anna Politkowskajas Zeitung, einen ausführlichen Bericht einer jungen Studentin, die insgesamt 12 Mal für den örtlichen Kandidaten abgestimmt hatte. Das Geld, das sie dafür bekommen sollte, kam bei ihr allerdings nie an, weshalb sie beschloss, ihre Story in der Novaja zu veröffentlichen. Montag nachmittag dann hiess es, man werde gegen die Wahlfälschung demonstrieren.

Auf dem Weg zum Ort des Geschehens überlegten wir noch, wie viele hundert Menschen wohl kommen würden. Und dann standen wir eingepfercht in der Menge und konnten es nicht fassen. An die zehntausend Menschen waren da. Im Lauf dieser Woche nach den Wahlen sind immer mehr Leute auf die Strasse gegangen – und an die Tausend verhaftet worden. Die meisten einfach so, weil sie auf der Strasse waren und riefen: „diese Stadt gehört uns“. Viele bekamen Geldstrafen, die prominentesten wurden zu 15 Tagen Arrest verurteilt. Und gleichzeitig wurde bekannt, dass die jungen Männer unter den Festgenommenen gleich auf direktem Weg zur Armee geschickt werden sollten, was angesichts der Dauer des Wehrdienstes für einen Studenten natürlich ein verheerendes Urteil bedeutet. Und trotzdem gingen die Menschen weiter auf die Strasse. Als klar war, dass am Samstag zehntausende demonstrieren würden streute die Staatsmacht Gerüchte. Es würden Provokateure versuchen ein Blutbad anzuzetteln, wer demonstrieren gehe werde seinen Job oder seinen Studienplatz verlieren. Wladimir Putin erklärte, die Demonstrationen würden vom Westen aus gesteuert und Medwedew, eigentlich noch Präsident, schwieg.

Am Samstag aber waren es am Höhepunkt allein in Moskau vermutlich bis zu hunderttausend Menschen, die bewaffnet mit weissen Schleifen und Blumen in den Händen zum Bolotnaja-Platz nahe dem Kreml kamen. Man kam nicht bis zur Bühne durch, wenn man etwas zu spät dran war, so eng stand die Menge – und trotzdem waren alle freundlich und lächelten und machten Witze miteinander und auch mit den Polizisten. An die 50.000 hatte man eigens zu diesem Ereignis nach Moskau geholt. Und plötzlich war das wieder das Russland vor Putin und seiner kalten Geheimdienstmethodik, die jede Kritik im Keim erstickt. Ich habe bei dieser Demonstration Leute getroffen, die ganz offen sagten, noch vor zwei oder drei Wochen wäre es ihnen nicht in den Sinn gekommen, zu einer solchen Demonstration zu gehen. Die Betonkappe, die in den vergangenen elf Jahren über Russland gelegen ist hat einen Riss bekommen. Noch lässt sich nur sehr schwer vorhersagen, wie es weitergehen wird – aber irgendwie atmet es sich seit dem 10. Dezember wieder freier in Russland.

ZUR PERSON: 

Dr. Susanne Scholl, 1949 in Wien geboren – in einer jüdischen Familie. Studium der Slawistik in Rom und Leningrad. Langjährige ORF-Korrespondentin in Moskau. Mehrere Sachbücher, Romane und Lyrik-Bände. Seit 2009 freie Journalistin und Autorin in Wien.


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