Armutsfalle: Geld in die alte Heimat schicken

Geldüberweisung - ©Asma Aiad

31.10.2012 | 14:24 | Segal Hussein

Rund 780 Millionen Euro schicken Migranten jedes Jahr von Österreich zu ihren Familien. Für diese ist das Geld oft das einzige Einkommen; den Migranten selbst droht dadurch aber der Weg in die Armutsfalle.

Wien. Überweisungen aus dem Ausland sind ein relevanter Wirtschaftsfaktor für Entwicklungsländer, für einige Familien sind sie sogar die einzige Einkommensquelle. Die Weltbank schätzt, dass allein 2010 rund 780 Millionen Euro von Migranten aus Österreich in andere Länder überwiesen wurden. Nicht wenige Migranten stürzen sich allerdings selbst in Schulden, damit sie die Familie in der Heimat unterstützen können.

Der größte Teil des Geldes geht dabei nach Serbien – laut einer Studie aus dem Jahr 2007 sind es rund 113 Millionen Euro pro Jahr. Polen und Tschechien folgen mit jeweils mehr als 70 Millionen Euro, wie eine Studie der Österreichischen Entwicklungsbank zeigt. Der Großteil des Geldes gelangt dabei aber nicht über Banktransaktionen an die Familie, sondern wird über andere Wege verschickt.

Hohe Spesen

Einer der größten Player ist Western Union, daneben mischen aber auch noch andere sogenannte „money transfer companies“ mit, etwa Coinstar oder Moneygram. Auch Raiffeisenbank, Volksbank und Erste Bank haben Angebote für Geldüberweisungen ins Ausland. Allerdings, all diese Angebote sind mit hohen Spesen verbunden. Bei einem Überweisungsbetrag von 100 Euro kann etwa schnell ein Bearbeitungsentgelt in der Höhe von 17,50 Euro anfallen. Das sind relativ hohe Spesen für einen eher kleinen Betrag.

Deshalb wird das Geld oft einfach im Gepäck in die alte Heimat geschickt. So werden Geldtransfers in den südosteuropäischen Raum etwa über Busfahrer organisiert. Man gibt dem Fahrer am Busbahnhof Erdberg ein Kuvert mit, der bringt es auf seiner Tour direkt ins Heimatdorf.

Da viel Geld auf informellen Wegen wie diesen an die Endverbraucher gelangt, kann ein Großteil des Geldflusses ins Ausland zahlenmäßig gar nicht erfasst werden, wie aus einer Studie der Österreichischen Entwicklungsbank hervorgeht.

Die Gründe für Remittances, wie solche Rücküberweisungen in die alte Heimat auch genannt werden, sind vielfältig. Sei es, weil die Eltern über keine Krankenversicherung verfügen oder sich keine Arztbesuche leisten können. Sei es, dass der Hausbau in der Heimatstadt unterstützt wird.

70 Millionen Euro in die Türkei

Familie Günes etwa hilft ihren Verwandten in der Türkei, die zum größten Teil von der Landwirtschaft leben. Die Türkei erhält aus Österreich jährlich knapp 70 Millionen Euro an Remittances. „Es ist selbstverständlich, dass wir unserer Familie Geld schicken“, meint Dogan Günes, der älteste Sohn der Familie. „Speziell, wenn eine Hochzeit ansteht, ein Kind auf die Welt kommt oder ein großes Fest gefeiert wird, zahlen wir auch höhere Summen oder übernehmen gänzlich die Kosten“, sagt Tochter Feride Günes.

Pro Jahr zahlen Migranten im Schnitt Rücküberweisungen von 4000 bis 4500 Euro pro Jahr, sagt August Gächter, Mitarbeiter im Zentrum für soziale Innovation. Dieser Betrag entspricht ungefähr einem Viertel des durchschnittlichen Nettoerwerbseinkommens pro Jahr von im Ausland geborenen Beschäftigten. Die hohe Erwartungshaltung der im Ausland lebenden Verwandten führt nicht selten in die Schuldenfalle für viele Migranten, die selbst finanziell nicht besser gestellt sind. Und doch fühlen sie sich verantwortlich, oft wird sogar ein Kredit aufgenommen, um der Familie in der Heimat unter die Arme zu greifen.

„Das durchschnittliche im Inland verfügbare Einkommen von im Ausland geborenen Beschäftigten sinkt dadurch von etwa 80 auf etwa 60 Prozent des Einkommens von im Inland geborenen Beschäftigten“, sagt Gächter. Das bedeutet faktisch Armut. Eine Armut, die aber für die Inländer unerklärlich bleibt – „denn sie sehen ja die Überweisungen nicht“.

Verantwortlich für Schulden

Laut dem Migrations- und Integrationsbericht umfasst die Hälfte der Klienten bei der Wiener Schuldnerberatung Personen mit nicht deutscher Muttersprache. Alexander Maly, Geschäftsführer der Wiener Schuldnerberatung, schätzt, dass Rücküberweisungen etwa für die Hälfte der Verschuldung von Migranten verantwortlich sind. Allerdings, fundierte wissenschaftliche Untersuchungen gibt es dazu noch keine.

Überweisungen in die alte Heimat sind also ein zweischneidiges Schwert. Während sich die Verwandten damit etwas leisten, ihre Kaufkraft steigern können, bedeuten sie für Migranten oft, dass sie in ihrer neuen Heimat nicht mehr mithalten können.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 31.10.2012)


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