China-Restaurants geht der Nachwuchs aus

China meal

04.11.2009 | 15:01 | Duygu Özkan und Clear Yu

Die chinesische Community in Österreich lebt in den Köpfen der Bevölkerung nur von Gastronomie. Der Nachwuchs geht jedoch lieber studieren und will eine Zukunft jenseits von Acht Schätzen & Co.

“Tausendjährige Eier mit Sojabohnenkäse”. Dem verwunderten Kunden gibt Küchenchef Wu Li Ming gleich Entwarnung. „Das sind Enteneier, eine Delikatesse.“ Im vierten Wiener Gemeindebezirk betreibt Wu seit einem Jahr das chinesische Lokal „Green Cottage“. Hier, rund um die Kettenbrückengasse, befindet sich zwar kein „Chinatown“, aber dafür reihen sich mehrere chinesische Restaurants und Geschäfte aneinander.

Wie die meisten chinesischen Migranten in Österreich lebt Wu Li Ming von der Gastronomie. Allein in Wien werden rund 500 Restaurants von Chinesen betrieben. Mit Erfolg, denn neben der italienischen Küche mögen die Österreicher chinesisches Essen ganz besonders gerne. „Das Betreiben eines chinesischen Restaurants ist durchaus lukrativ“, sagt Li Ming. Er hat sein Handwerk an der Schule für asiatische Kochkunst in seiner Heimatstadt Hangzhou gelernt.

Doch nicht alle Lokalbetreiber können eine Kochausbildung vorweisen. „Für die Speisen, die in den meisten chinesischen Lokalen serviert werden, braucht man nicht wirklich eine Ausbildung“, sagt der mehrfach ausgezeichnete Küchenchef. Seit 21 Jahren kocht Li Ming in Wien, seit einem Jahr besitzt er das „Green Cottage“. Auf den ersten Blick wirkt sein Lokal ganz und gar nicht wie ein klassisches chinesisches Restaurant: keine Drachenfiguren, keine Lampions, lediglich ein paar kleine Zeichnungen aus dem Fernen Osten.

Dass sich die klassischen chinesischen Restaurants zwischen Bregenz und Eisenstadt unverkennbar ähneln, ist unter anderem Xiao Juan Lin zu verdanken. Die 50-Jährige führt seit 2004 das Handelsgeschäft „Guan Da“ im zweiten Wiener Bezirk. Sie bietet unter anderem die Baumaterialien und die Inneneinrichtungen für chinesische Restaurants an.

Vier bis fünf neue China-Restaurants stattet sie pro Jahr aus. „Unser Geschäft entwickelt sich gut“, sagt Lin. „Wegen unseres Direktimportes aus China sind wir recht günstig und, noch wichtiger, wir sprechen mit den meisten Kunden in deren Muttersprache.“

Die unsichtbaren Migranten

Die chinesische Community in Österreich wächst: Waren 2002 etwa 5000 Menschen Inhaber eines chinesischen Passes, so hat sich die Zahl bis 2009 nahezu verdoppelt. Werden die Eingebürgerten hinzugerechnet, leben etwa 15.858 Chinesen in Österreich. Jenseits von „Acht Schätzen“ werden sie von der Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen.

„Die chinesischen Zuwanderer erster Generation sind schon mehr als 40 Jahre hier. Sie können kaum Deutsch und sind ihren Traditionen sehr verbunden. Deshalb halten sie sich meist in ihrem eigenen Kreis auf“, sagt Wei Ping Zhan, Vorsitzender des Vereins „Komitee der Überseechinesen“. Zwar würden Austrochinesen gerne ihre Fähigkeiten zeigen und in der österreichischen Gesellschaft mitwirken, so Zhan, „aber von den Medien in Österreich werden wir trotz ständiger Einladungen totgeschwiegen. Deshalb sind wir praktisch unsichtbar.“

Geschäftsfrau Lin betont die Wichtigkeit interkultureller Veranstaltungen. „Seit einiger Zeit werden die Veranstaltungen mit österreichischen Partnern immer mehr und auch interessanter. Die Integration klappt immer besser.“

Dass die erste Einwanderergeneration noch mit sprachlichen Hürden kämpft, weiß auch Hongli Chen. Der 46-Jährige sitzt in seinem Handy- und Elektronikladen in der Kettenbrückengasse und erklärt seinem Kunden geduldig den Unterschied zwischen einer PIN und einer PUK-Nummer. „Manchmal ist es schon mühsam“, sagt Chen, „viele meiner Kunden können kaum Deutsch. Erklären Sie ihnen mal, was ein PUK ist.“

Keine tausendjährigen Eier

Chen, der unter seinem Jackett ein österreichisches Trachtengilet trägt, hat seine Kinder daher zweisprachig erzogen. „Mein Sohn studiert an der Technischen Universität“, sagt Chen sichtlich stolz. Auch der Sohn von Küchenchef Wu Li Ming spricht fließend Deutsch mit Wiener Akzent. „Mein Sohn besucht ein Gymnasium“, sagt Wu, „später wird er studieren gehen.“ Im späteren Leben soll er Karriere machen – in Informatik. Und nicht damit, verwunderten Restaurantbesuchern zu erklären, was tausendjährige Eier sind.

 

AUF EINEN BLICK

Austrochinesen: Insgesamt leben laut Statistik Austria 15.858 Menschen chinesischer Herkunft (inklusive Taiwan, Hongkong und Macao) in Österreich, die meisten davon in Wien. 5991 Chinesen besitzen bereits die österreichische Staatsbürgerschaft.

http://www.statistik.gv.at

 

(YU HUI UND DUYGU ÖZKAN, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 04.11.2009)


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