Ein Stück Heimat im Supermarktregal

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AUF EINEN BLICK
  • Supermärkte mit Waren aus Herkunftsländern vieler Migranten werden beliebter, das Angebot vergrößert sich ständig. Lebensmittel selbst aus exotischen Ländern werden seit jeher am Naschmarkt und am Brunnenmarkt angeboten. Die Lust auf Vielfalt auf dem Teller und auf exotische Ingredienzien liegt offenbar im Trend.

26.06.2008 | 19:07 | Nasila Berangy

Immer beliebter werden sogenannte „Ethno-Supermärkte“, besonders in Wien. Hier kaufen die einen aus Heimweh, die anderen aus Fernweh – und immer mehr, um einfach exotischer zu essen.

WIEN. „Etsan“, „Aycan“, „Hürpas“, „Koc“, „Lord“, „Gel-Gör“, „Sofra“, „Beyza“, „PQS“, „Prosi“ oder „Sultan“: Die Auflistung ist lange nicht vollständig und steht exemplarisch für einen Trend, der in Österreich, vor allem in Wien, nicht zu übersehen ist: die sogenannten „Ethno-Supermärkte“ – Läden, die sich zu Beginn vor allem an Menschen migrantischen Hintergrunds als Zielpublikum gerichtet haben, mittlerweile aber weit über diesen Kreis hinaus beliebt sind. Und: Anders als noch vor Jahren gibt’s in diesen Shops nun fast alles zu kaufen.

Keine Ethno-Platzhirsche

Die Szene im Ethno-Business ist vielfältiger als im herkömmlichen Lebensmittelhandel – es gibt keine ausgeprägten „Platzhirsche“. Dennoch laufen viele Fäden bei Amin Reda zusammen. Gemeinsam mit drei anderen Studienkollegen hat er vor sechs Jahren in Wien eine Importfirma gegründet – eine Drehscheibe für Händler, die Waren aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Türkei Endverbrauchern in Wien anbieten wollen.

Und dabei hat Reda selbst seine Wurzeln in keinem dieser Länder: Die Mutter des heute 29-Jährigen ist Österreicherin, der Vater stammt aus Syrien, wo auch er selbst geboren worden ist. Seit seinem sechsten Lebensjahr ist er in Österreich.

Mittlerweile ist er nicht nur Zwischenhändler, sondern betreibt selbst einen Shop: „Sofra“ in Favoriten. Auf 200 Quadratmetern bietet „Sofra“ 1300 Produkte aus dem ehemaligen Jugoslawien an. Auffallend ist das große Angebot in der Fleisch- und Wurstabteilung. Reda glaubt, dass „für die Menschen aus Ex-Jugoslawien Fleisch wichtig ist“ – wichtiger als für Kunden anderer Lebensmittelgeschäfte, in denen „Light“-Produkte weitaus mehr Platz eingeräumt bekommen.

Ob Fleisch, Wurst oder doch Joghurt: Für Reda ist gewiss, dass „sich viele durch vertraute Lebensmittel ein Stück Heimat nach Hause holen“ – ein Stück Heimat auf den Teller gewissermaßen. Eine Selbstverständlichkeit: „Auch Exil-Österreicher lieben es, wenn sie Milka-Schokolade oder Manner Schnitten in den USA erhalten.“

Für Zuwanderer vom Balkan ist die Beschaffung jedenfalls leichter geworden: „Viele sind früher nach Ex-Jugoslawien gefahren und mit dem Auto voller Lebensmittel nach Österreich gekommen. Heute kaufen sie im ,Sofra‘ ein“.

Zu Gunsten der Kunden

Und nicht nur da. Zum Beispiel auch im „Beyza“. „Mein Vater ist mein Angestellter,“ sagt Nuriye Ünal. Sie fragt ihn zwar um Erlaubnis, ehe sie das Interview gibt, offiziell ist die 19-jährige Unternehmerin jedoch Besitzerin dieses Geschäfts in der Klosterneuburger Straße in Wien. Verkauft werden hier in der Brigittenau außer Obst, Gemüse und Fleisch auch Geschenkartikel aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien. Bloß ein Fünftel der Kunden stammt aus der Türkei, die übrigen aus Österreich und dem ehemaligen Jugoslawien, zwei etwa gleich starke Gruppen.

Immer wieder kommt es vor, dass jemand zu feilschen beginnt. Kein Problem für die junge Geschäftsfrau: „Wenn ich merke, jemand hat nicht so viel Geld, lasse ich ihm gerne nach.“ Und die Kunden wundern sich, wenn sie an der Kassa den Preis zu deren Gunsten abrundet. Beliebt sind Reststücke. Übriggebliebene Lebensmittel werden um 50 Cent angeboten. Ünal: „Jeder schaut in diese Ecke, auch Menschen die gut gekleidet sind.“ Das Geschäft floriert und wird demnächst erweitert. Sie baut auf das Hauptargument, weshalb Menschen Lebensmittel aus ihrem Geburtsland kaufen: „Weil es ihnen schmeckt.“

Relativ neu in dieser Szene ist Rahman Habibur: Er stammt aus Bangladesch und hat erst seit einem Monat seinen „Traum vom eigenen Geschäft“ verwirklicht. „PQS“, so heißt der Laden, steht für „Price, Quality and Service“. Besonders groß ist die Palette der Fischsorten und von frischem Gemüse. Habibur: „Wir kochen sehr viel mit Okra. In Supermärkten gibt es 200-Gramm-Packungen, bei mir können es die Leute per Kilo kaufen. Und das günstiger.“

„Nicht frei von Ressentiments“

„Prosi“ ist einer der ersten und mittlerweile größten Ethno-Supermärkte in Wien, gegründet von den „Prosi-Brothers“, die aus dem südindischen Bundesstaat Kerela stammen: Prince, Siji und Sirosh Pallikunnel, Das Geschäft in Wien-Neubau bietet Waren vor allem aus Afrika, Asien und Lateinamerika und wird demnächst ebenfalls erweitert – nicht nur wegen der guten Geschäfte mit Lebensmitteln. Fix im Sortiment sind mittlerweile Haarkosmetik, Kochkurse und Straßenfeste. Prince Pallikunnel: „Promotion, die dazu gehört“.

Nicht immer sind diese Supermärkte Orte unbeschwerter Begegnung. Zurück ins „Beyza“ in der Brigittenau: „Frei von Ressentiments bin ich nicht“, bekennt ein nicht mehr ganz junger Pensionist. Gerade hat er von der türkischstämmigen Geschäftsinhaberin ein Sackerl mit einem Kilo Kirschen bekommen. „Nette Leute, fleißig und tüchtig,“ murmelt er. Und: „So lange sie sich nicht wie Türken benehmen, habe ich kein Problem mit ihnen“. Die Erläuterung, wie sich denn ein „typischer Türke“ zu benehmen habe, bleibt aus – wohl auch deshalb, weil Nuriye Ünal vorbei kommt. Später verrät er dann, dass es ihm lieber wäre, wenn die junge Eigentümerin kein Kopftuch trüge.

Kopftuch hin, Kopftuch her: Zumindest einmal war er froh, dass hier manches ein wenig anders ist – als er sieben Euro zu wenig dabei hatte und Ünal ohne Probleme anschreiben ließ.

(NASILA BERANGY, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 26.06.2008)


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