Kapitalvernichtung durch Verlernen der Sprache

Serbokroatisch - ©Ida Labudovic
AUF EINEN BLICK
  • In Österreich haben Angehörige staatlich anerkannter Minderheiten auch Anrecht darauf, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Dieser Status trifft etwa auf Slowenen oder Kroaten zu, allerdings ist dies nur sehr wenigen Zuwanderern bewusst. Und deshalb werden ihre Kinder kaum in ihrer Muttersprache unterrichtet, auch wenn sie die rechtliche Möglichkeit dazu hätten. In der Berufslaufbahn wird dies oft ein Nachteil, der nur schwierig aufzuholen ist – und mit dem Einsatz größerer Geldsummen, die für Sprachkurse ausgelegt werden. Für die Wirtschaft sind Sprach- kenntnisse unerlässlich: In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens haben österreichische Unternehmer mehr als 250 Firmen gegründet.

16.04.2008 | 19:05 | REDAKTION

Das Angebot muttersprachlichen Zusatzunterrichts für Zuwanderer ist klein, allerdings von wachsender Bedeutung: In der Wirtschaft werden entsprechende Kenntnisse immer stärker nachgefragt.

 

WIEN. „Im Grunde genommen passiert hier eine Kapitalvernichtung.“ Das meint jedenfalls Andrea Zorka Kinda-Berlakovic, Lektorin am Institut für Slawistik der Universität Wien und Leiterin einer Studie an Wiener Schulen. Darin untersucht sie, wie stark Zuwanderer bzw. deren Kinder in ihrer nicht-deutschen Muttersprache unterrichtet werden.

Ein erstes Ergebnis: Der Anteil jener, die muttersprachlichen Unterricht haben, ist verschwindend gering. Fazit: „Während der Ausbildung vergessen die Betroffenen ihre Muttersprache und geben danach große Summen aus, um sie wieder zu erlernen – etwa in einer Abendschule.“

Das sei auch deshalb notwendig, weil für heimische Firmen Angestellte immer wichtiger werden, die Bosnisch, Serbisch oder Kroatisch beherrschen und auch in dieser Region zu Hause sind. Und dabei könnte viele Eltern auf ihr Recht pochen, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden: Denn zumindest für die gesetzlich anerkannten Minderheiten bestünde für die Schüler das Recht auf zweisprachigen Unterricht. Das gilt etwa für Slowenen, Kroaten, Ungarn, Sinti und Roma sowie für Slowenen, Tschechen und Slowaken. Allerdings: Gerade die seit 1970 neu zugewanderten Familien sind sich dieser Rechtslage nicht bewusst.

Die Untersuchung von Professoren und Studenten der Slawistik, die im Jänner 2008 begonnen haben, zeigen, dass die Schüler fließend Deutsch sprechen – selten aber ebenso fließend eine andere Sprache, auch wenn es ihre Muttersprache ist.

Im Schuljahr 2005/06 wurden österreichweit beim muttersprachlichen Zusatzunterricht insgesamt 17 Sprachen angeboten. Dabei sind 314 Lehrkräfte im Einsatz. Etwa 43 Prozent unterrichten Bosnisch, Serbisch und Kroatisch – 136 Lehrkräfte, von denen 81 in Wien sind. Sie betreuen in der Bundeshauptstadt mehr als 6600 Schüler.

Ein entsprechendes Angebot existiert allerdings nur in drei der 87 Allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) und fehlt überhaupt an den Berufsbildenden Schulen (BHS). Hauptsächlich gibt es muttersprachlichen Zusatzunterricht an den Volks- und Hauptschulen.

250 Firmen in Ex-Jugoslawien

Die im Zuge dieser Studienarbeit von der Universität Wien durchgeführte Umfrage bringt auch deutlich zu Tage, dass die meisten nicht wissen, dass sie sich in ihrer Muttersprache unterrichten lassen könnten. Besonders dramatisch ist diese Situation, wie gesagt, an den AHS, wo es in Summe nur 62 Schüler sind, die auch ihre Muttersprache erlernen können. Dafür stehen nur vier Lehrkräfte zur Verfügung.

Diese 62 machen magere 0,8 Prozent der Gesamtheit aller Schüler aus – obwohl Schätzungen des Bildungsministeriums zufolge knapp mehr als ein Viertel aller Gymnasiasten Migrationshintergrund haben dürfte.

Dass dieser Migrationshintergrund ein Kapital sein kann, beweisen die mittlerweile mehr als 250 neu gegründeten Firmen, die österreichische Unternehmer in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens gegründet haben. Viele Angestellte dieser Firmen hatten und haben an verschiedenen Sprachinstituten Kurse belegt, um die jeweilige Sprache zu erlernen, zumal sie in deren Gebrauch nicht mehr sattelfest waren. Und diese Kurse kosten nicht wenig Geld.

Das Wissen, dass diese Sprachkenntnisse bereits früher – und wahrscheinlich auch leichter und jedenfalls billiger – in der Schule hätten vermittelt werden können, fehlt nicht nur bei vielen Eltern. Oft ist dieses Wissen auch vom Wiener Stadtschulrat nur mit Hindernissen zu bekommen.

Keine Angst vor Sprachen

Studienleiterin Zorka Kinda-Berlakovic kritisiert, dass es in Wien keine kaufmännische Akademie gebe, in welcher auf Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch unterrichtet wird, „obwohl bei uns, am Institut für Slawistik, seit dem Zweiten Weltkrieg in slawischen Sprachen unterrichtet wird.“ Sie kritisiert, dass offenbar zum Beginn eines Schuljahres der Informationsfluss stocke – und Migrantenkindern und deren Eltern einfach niemand sage, dass es die Möglichkeit für zweisprachigen Unterricht gebe. Somit würden die Jugendlichen nur in Deutsch unterrichtet und fielen ins klassische Schema des Sprachunterrichts Englisch/Französisch und Spanisch/Italienisch.

In Rudolfsheim-Fünfhaus gibt es ein Projekt, in dem Kinder zweisprachig unterrichtet werden – in Kroatisch und Deutsch. An ihm nehmen nicht nur Kinder von Neo-Wienern teil, sondern auch Kinder, die nur eine einzige Muttersprache haben – Deutsch. „Das ist echter interkultureller Unterricht. Die Kinder wachsen zweisprachig auf und verlieren die Angst vor anderen Sprachen,“ so Zorka Kinda-Berlakovic. Und: Es gibt keinerlei Empfänglichkeit für stereotype, negative Meinungen über Ausländer.

(Dejan Ristic, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 16.04.2008)


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