Karriere: Von Istanbul nach Österreich

Der Direktor zwischen Atatürk & Riesenrad - ©Nurdogdu
AUF EINEN BLICK
  • Das St. Georgs-Kolleg wurde 1882 von deutschen Lazaristen in Istanbul gegründet. 620 Schüler werden von 45 österreichischen und 25 türkischen Lehrern in einer Mischung aus türkischem und österreichischem Lehrplan unterrichtet. Abschluss mit Matura und einem türkischen Diplom.
  • Vier Auslandsschulen: Neben dem Kolleg in Istanbul gibt es noch österreichische Schulen in Guatemala-Stadt, Budapest und Prag (siehe unten).
  • St. Georg Kolleg

30.04.2008 | 20:00 | Günes Koc

Die österreichische Schule in Istanbul gilt als Kaderschmiede, deren Absolventen häufig den Weg von der Türkei nach Österreich einschlagen und hier Brücken zwischen den beiden Ländern bauen.

Was haben die Wiener Gemeinderätin Alev Korun, Gulet- und Magic Life-Gründer Cem Kinay und der ehemalige türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz gemeinsam? Sie alle sind Absolventen des St. Georg Kollegs in Istanbul. Die österreichische Schule gilt als Kaderschmiede, in der einige Karrieren ihren Anfang nahmen. Und das schon seit einiger Zeit, denn das Kolleg kann auf eine lange Tradition zurückblicken.

1882 war es von den Habsburgern für die deutschsprachige Minderheit im Osmanischen Reich gegründet worden. Auch Kinder der griechischen und armenischen Minderheiten besuchten die Schule – und auch eine kleine Zahl moslemischer Kinder. Damals im 19. Jahrhundert gab es eine umgekehrte Migration, erzählt Schuldirektor und Superior der Lazaristen, Franz Kangler, „Österreicher aus Vorarlberg oder dem Burgenland wanderten nicht nur nach Amerika aus, sondern auch in den Nahen Osten. Istanbul war ein besonders beliebtes Ziel.

Die Österreicher stellten damals einen relativ großen Teil der deutschsprachigen Migranten im damaligen Konstantinopel. „Deshalb war es für die Monarchie wichtig, dieser Gemeinschaft eine österreichische Ausbildung anzubieten“, so Kangler. Heute hat sich das Bild verschoben: Der Anteil österreichischer Schüler ist verschwindend gering, zu 99 Prozent stellen türkische Staatsbürger die klare Mehrheit. „In der Regel sind die Schüler Kinder westlich orientierter Eltern“, sagt Schuldirektor und Superior der Lazaristen, Franz Kangler.

„Wir wollen nicht missionieren“

Unterrichtssprache ist Deutsch, ausgenommen sind die Fächer Türkisch, Geografie, Geschichte und Religion. Abgeschlossen wird sowohl mit österreichischer Matura als auch einem türkischen Diplom. Das Kolleg ist als Privatschule dem türkischen Bildungsministerium untergeordnet, die rund 45 österreichischen Lehrer werden – im Gegensatz zu den 25 türkischen Lehrern – aber vom Staat Österreich finanziert.

Anfangs sorgte das für Misstrauen: „Es gab Vorwürfe, dass die Schule, die Kinder bekehren wolle, sie zu Christen und Österreichern machen würde“, meint Kangler, „Heute weiß jeder, dass das nicht der Fall ist.“ Mittlerweile hat man zu den türkischen Behörden einen sehr guten Draht: „Es ist sehr viel gegenseitiges Vertrauen entstanden“, so Kangler. Dazu gehört auch, dass das Bild der Türkei als laizistische Republik des Kemal Atatürk vermittelt wird, die einen eigenständigen Zugang zur Religion hat. „Umgekehrt vermitteln wir auch, dass der Westen kein großer christlicher Feindblock ist, der die Türken niedermachen will“, sagt der Direktor. Eine Mission sieht Kangler dennoch: „Ich würde es als Mission bezeichnen, dass man voneinander lernen kann. Das ist sicher auch ein Grund, warum die Republik Österreich die Schule fördert. Sie stellt eine kulturelle Brücke dar.“

Österreich als begehrtes Ziel

Eine Brücke, die häufig von der Türkei nach Österreich führt. Gero Weinmann, seit 23 Jahren als Lehrer und später als Administrator tätig, betont, dass die Schule mittelbar der Integration der Türkinnen in Österreich beiträgt. Aber nicht nur Österreich ist ein begehrtes Ziel für die Absolventen, viele gehen auch nach Deutschland. Allerdings: „Das sehen wir nicht so gern“, meint Weinmann. Immerhin soll von einer österreichischen Schule ja vor allem Österreich profitieren. „Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich und Türkei werden großteils von unseren Absolventen getragen“, fügt er hinzu.

Und die Absolventen bleiben auch nach ihrer Schulkarriere in Kontakt. „Wir unterstützen uns in jeder Gelegenheit gegenseitig“, sagt Cinar Sözer, Vorsitzender des 2006 gegründeten Absolventenvereins in Wien und Besitzer eines Reisebüros. Der Verein kümmert sich vor allem um die Angelegenheiten der Absolventen, die nach Österreich kommen, um zu studieren oder zu arbeiten. Den Neo-Studenten wird nicht nur bei ihrer Erstorientierung geholfen, auch gemeinsame Vernetzung spielt eine große Rolle.

Guter Einblick in beide Kulturen

Die rund 300 bis 400 in Österreich lebenden Absolventen des Kollegs sollen im Rahmen des Vereins auch helfen, einen Beitrag zum interkulturellen Dialog zwischen der Türkei und Österreich zu leisten. Der Verein will zusätzlich auch wirtschaftliche und politische Lobbyarbeit für die türkischen Migranten in Österreich machen. Nicht zuletzt hat man sich das Ziel gesetzt, das Image der Türkei in Österreich zu verbessern.

Aber wie sieht die Identität all jener Menschen aus, die in der Türkei aufgewachsen sind, ihre Sozialisation aber in einer österreichischen Schule erlebt haben? „Wir fühlen uns sowohl als Österreicher als auch als Türken“, sagt Absolvent Cinar Sözer, „wir sind mit europäischer, insbesondere österreichischer Kultur aufgewachsen. Darum haben wir einen guten Einblick in beide Kulturwelten.“

(Günes Koc, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 30.04.2008)


Kommentieren Sie den Artikel





Weitere Artikel von Günes Koc