Berufsleben: Ein Mathematiklehrer als Fleischer

16.08.2012 | 12:50 | Hülya Tektas

Vor 20 Jahren kam Mathematiklehrer Mossad Mohamed nach Wien. Nun ist er Fleischer – Teil zwei der Serie über Karrieren von Menschen mit Migrationshintergrund. 

Wien. Der muslimische Fastenmonat Ramadan bringt für Mossad Mohamed besonders viel Arbeit. Ab 17 Uhr ist ungewöhnlich viel los in seiner kleinen Fleischerei auf dem Viktor-Adler-Markt, unzählige Kunden möchten bei ihm Fleisch kaufen, das auch garantiert halal ist – also zulässig für Muslime. Mohamed ist den Stress mittlerweile gewöhnt – seit zwölf Jahren führt er den Fleischstand gemeinsam mit seinem Bruder.

„Die Arbeit als Fleischer ist sehr hart und gefährlich. Bereits um fünf Uhr muss man die enthäuteten Tiere aus dem Schlachthof holen“, erzählt er. Zuerst löst er das Fleisch von den Knochen und zerlegt sie je nach Verwendungszweck in Stücke. Er schneidet sie zu Schnitzel, Steaks, Fleischspieße oder verarbeitet sie zu Faschiertem. Dabei ist die Gefahr, sich zu verletzen, groß. Danach stellt Mohamed die verschiedenen Fleischsorten in die Auslage und kümmert sich um die Wünsche der Kunden.

Job in der Wurstfabrik

Als der Mathematiklehrer vor 20Jahren aus Ägypten nach Österreich kam, fand er zunächst keine passende Arbeit. Schließlich beschloss er, nicht länger auf seine eigentliche Ausbildung zu setzen, sondern nahm einen Job in einer Wurstfabrik in Niederösterreich an, wo er für die Produktion von nach islamischen Richtlinien hergestellten Wurstsorten zuständig war. Den Beruf des Fleischers hatte er noch von seinem Vater erlernt– in Österreich sollte sich das als ein Vorteil bei der Arbeitsplatzsuche herausstellen. Im Laufe der Zeit beschloss er schließlich, gemeinsam mit seinem Bruder selbstständig zu werden.

In seinem Laden verkauft er Fleisch, das ausschließlich nach islamischem Ritus geschlachtet wurde. Mittlerweile genießt der gebürtige Ägypter nicht nur unter Muslimen einen guten Ruf. Seine Kundschaft ist genauso bunt gemischt wie die restlichen Besucher des Viktor-Adler-Marktes. Unter ihnen sind viele Ägypter, Türken, Tunesier, Bosnier, aber auch Serben und Österreicher zu finden.

Mossad Mohamed wollte ursprünglich, wie ein Großteil der ersten Generation von Gastarbeitern, nur vorübergehend in Österreich arbeiten und danach nach Ägypten zurückkehren. Aus diesem Grund ließ er seine Angehörigen nicht nach Österreich nachkommen. Zwar verbringt sein kleiner Sohn die Schulferien bei ihm, doch die Sehnsucht nach der Familie groß. Nur ein- bis zweimal im Jahr besucht er sie. Doch in der Pension, sagt der 53-Jährige, werde er nach Ägypten zurückkehren.

Immer weniger Fleischer

Laut einer Studie der Klein- und Mittelbetriebe Forschung Austria gibt es etwa 12.000 unselbstständig Beschäftigte in Fleischerbetrieben. Die Anzahl der Migranten in Fleischereien ist allerdings nicht bekannt. An gewerblichen Fleischern gibt es immer weniger – während es 2003 insgesamt 1337 gewerbliche Fleischerbetriebe in Österreich gab, waren es 2008 nur mehr 1024. Mit ein Grund dafür: Den Betrieben fehlt es an Nachwuchs. Ein Problem, das Mossad Mohamed nicht hat: In seinem Familienbetrieb hilft auch sein Neffe mit.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 16.08.2012)
(“StressTips.com“, Online, 06.08.2012)


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