Multikulti mit Messer und Gabel

Kebap und Pizza in Lokal - Eine sehr innovative Mischung

11.03.2009 | 19:33 | Duygu Özkan und Günes Koc

Jenseits der verschiedenen Pizza-Variationen und chinesischen Mittags-Menüs bereitet die Wiener Ethno-Gastronomie eine bunte Vielfalt von Gerichten zu.

WIEN. Pizza und „Acht Schätze“ – so lauten die Favoriten, wenn Österreicher kulinarische Genüsse suchen, deren Rezepte nicht heimischer Provenienz sind. Teigwaren italienischer Restaurants stehen in der Skala ganz weit oben oder auch ein Besuch in einem der vielen chinesischen Lokale.

Eine Untersuchung von „Gastro Obsearcher“ hat nicht nur diese Erkenntnis gebracht, sondern auch, dass hierzulande in Ethnorestaurants durchschnittlich 105 Essen täglich geordert werden. Gasthäuser mit typisch österreichischer Küche verkaufen dagegen nur 53 Essen pro Tag. Diese Untersuchung wurde zwar bereits 2004 erstellt, allerdings glauben die Autoren, dass sich an den Essgewohnheiten nicht viel geändert habe, das Ergebnis also durchaus auch noch 2009 gültig sei.

„Die Dichte an ethnischen Restaurants ist von den Essgewohnheiten der Bevölkerung abhängig“, meint Günter Gapp, Sprecher von „Gastro Obsearcher“. „In ländlichen Gebieten werden eher Lokale mit heimischer Kost aufgesucht.“ Beliebt seien dort dann deftige Fleischgerichte.

Auf dem internationalen kulinarischen Parkett bestechen südostasiatische Restaurants mit einer Mischung aus leichter Küche. Sie treffen damit den Zeitgeist einer gesunden Ernährung. Unterstrichen wird dies noch durch eine dezente Einrichtung.

Gourmettipp am Brunnenmarkt

Türkische Gerichte sind vor allem als schnelle Mahlzeiten im Bewusstsein, vor allem als Döner und Dürüm. Dennoch gibt es auch Lokale, in denen die türkische Küche in seiner ganzen Vielfalt genossen werden kann.

Lokalaugenschein am Brunnenmarkt in Ottakring: viele türkische Restaurants, Imbissstände, türkische Supermärkte und Bäckereien. Und da, gleich in der Brunnengasse, befindet sich das Restaurant Kent. Vor 19 Jahren ist es als Kaffeehaus gegründet worden, und schon nach kurzer Zeit ist es zum Restaurant- und Gourmettipp geworden. Das Kent ist eines der wenigen etablierten türkischen Restaurants in der österreichischen Gastrolandschaft. Geschäftsführerin Tuna Karakartal: „Unsere Kundschaft besteht zu zwei Dritteln aus Österreichern.“ Und Chefkellner Gezgin Tütüncü berichtet: „Am beliebtesten sind Döner mit Kalb- oder Hühnerfleisch, dann kommen Grillspezialitäten.“

Das Lokal ist mittlerweile europaweit bekannt, unter den Gästen seien viele Touristen, heißt es. An der Wand hängt ein Artikel der türkischen Zeitung „Hürriyet“, in der über die zehn besten türkischen Restaurants in Europa berichtet wird – das Kent ist unter diesen Top Ten.

Ähnlich sind die kulinarischen Vorlieben im Restaurant „Etap“ in der Neulerchenfelderstraße: Auch hier werden Döner und Grillspezialitäten am häufigsten bestellt. Chefkellner Yunus Kocak: „Am Samstag gibt es hier keinen freien Platz.“

Palästinenser und Israelis

Eine Erkenntnis teilt er mit Bilal Kava, der einen Dönerstand betreibt: „Schnitzel bleibt nach wie vor beliebt“, aber Döner habe sich als willkommene Abwechslung etabliert. Und verglichen mit Fastfood sei die türkische Spezialität sättigender und gesünder.

„Was Schnitzel und Käsekrainer für Österreicher sind, sind Falafel für die Israelis“, sagt Simon Deutsch, einer der Betreiber des „Maschu Maschu“, eines israelisch-orientalischen Lokals mit zwei Niederlassungen in Wien. Deutsch holte den im Orient beliebten Imbiss 1993 nach Wien. Mittlerweile sind Falafel nicht mehr wegzudenken.

Was im Nahen Osten schier unmöglich scheint, ist zumindest im Maschu Maschu Alltag: „Wir sind zwar nicht koscher, bieten aber Spezialitäten aus Israel und dem Orient an, etwa Falafel. Uns besuchen palästinensische, arabische und israelische Gäste“, so Deutsch weiter. Das Schuarma ist ein dem Döner sehr ähnliches Gericht, zubereitet à la Maschu Maschu. Ein Schuarma-Sandwich wird, anders als ein Döner, mit Tahini (einer Sesampaste) und Humus (einer Kichererbsenpaste) garniert.

Für Schuarma wird vor allem Hühner- oder Lammfleisch verwendet, ebenso im Döner. Allerdings ist der traditionelle Döner in der Türkei ausschließlich vom Lamm.

Seinen kulinarischen Siegeszug als Fastfood in Europa begann der Dönerkebab anfangs in Berlin, mit dem ersten Eintreffen der türkischen Gastarbeiter. (GÜNES KOC UND DUYGU ÖZKAN)

“Die Presse”, Print-Ausgabe, 11.03.2009


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