Neuzuwanderer: Freiberufler und Unternehmer

25.04.2012 | 10:18 | Ania Haar

Mehr als 80.000 ausländische Staatsbürger zogen im Jahr 2011 nach Österreich, der Großteil von ihnen aus dem EU-Raum. Warum sie gekommen sind und was sie hier machen, ist bisher nur rudimentär erforscht.

Wien. „Eineinhalb Monate habe ich gebraucht, um hierherzukommen“, sagt Blanka Kefer, „denn ich musste zuerst daheim alles regeln.“ Die 31-Jährige studierte in Slowenien Germanistik, arbeitete als Freiberuflerin – war damit jedoch nicht zufrieden. Schließlich stieß sie auf eine Jobannonce aus Österreich: „Ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und gleich genommen.“ Seit 1.März 2012 arbeitet sie nun in Wien als Content-Managerin beim Onlineportal ichkoche.at.

Kefers Status lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Sie ist eine Neuzuwandererin. Laut Statistik Austria fallen darunter Personen aus dem Ausland, die länger als 90 Tage durchgehend in Österreich ihren Hauptwohnsitz haben. 2011 lag die Nettozuwanderung (bis September) bei 36.275 Personen. Diese Zahl ergibt sich aus dem Wanderungssaldo, also der Differenz zwischen 83.371 Zuzügen und 47.096 Wegzügen ausländischer Bürger. Laut Daten aus dem Jahr 2010 kamen rund 70 Prozent der Zuwanderer aus dem EU-Raum, der Großteil davon aus Deutschland.

Was das Thema Neuzuwanderer angeht, liegt derzeit allerdings noch vieles im Dunkeln – denn es wird darüber nur wenig geforscht. Laut Angaben des Österreichischen Integrationsfonds gab es im Jahr 2010 etwa 600 Zuzüge von Schlüsselarbeitskräften innerhalb der gesetzlich festgelegten Quote. Über 10.000 Drittstaatsangehörige sind quotenfrei – als Familienangehörige – nach Österreich gekommen. Etwa 5500 Personen sind Schüler, Studierende, Geistliche, Forscher oder Au Pairs, die einen Aufenthaltstitel bekommen haben. Hinzu kommen 11.500 Personen mit einer auf sechs Monate beschränkten Beschäftigungsbewilligung, dazu zählen vor allem Saisonarbeitskräfte. Und rund 11.000 Personen, die 2010 einen Asylantrag gestellt haben. Rund 22.400 Erstaufenthaltstitel wurden an Nicht-EU-Bürger erteilt.

Wie und warum Menschen migrieren, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Dazu gehören etwa Einkommensunterschiede im Herkunftsland, Qualifikationen, Netzwerke, aber auch, aus welcher gesellschaftlichen Schicht die Person stammt. Für Blanka Kefer war die Arbeit der vorrangige Grund. Aber nicht ausschließlich: „Ich wollte schon immer etwas Neues ausprobieren.“ Leichter fiel ihr die Entscheidung, weil eine slowenische Kollegin gleichzeitig mit ihr nach Österreich ging. Nur: „Ich war naiv und dachte, in einer Woche finde ich eine WG oder eine neue Wohnung.“ Von einer befreundeten deutschen Familie, bei der sie anfangs wohnte, holte sie sich Tipps. Was sie vermisst hat, ist eine Betreuung für Neuzuwanderer, denn momentan gibt es für sie nur vereinzelte Angebote (siehe Artikel).

Investoren werden begleitet

Anders sieht es aus, wenn man als Investor aus dem Ausland kommt. „ABA-Invest in Austria“ (die Betriebsansiedlungsagentur des Wirtschaftsministeriums) hat im vergangen Jahr 183 internationale Firmen zwecks Betriebsansiedlungen nach Österreich geholt. „Wir haben auch schon Investoren gehabt, denen das System hier zu aufwendig war“, sagt Wilfried Gunka, Leiter der Betriebsansiedlung bei ABA. „Sie sind dann nach Deutschland oder Großbritannien gegangen.“ Für Österreich ein Verlust: Denn allein durch das ausländische Investment aus dem Jahr 2011 konnten 1822 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Wirtschaft hat das Potenzial ausländischer Firmen und Unternehmer, die sich hier ansiedeln wollen, längst erkannt. Um sie bemüht man sich ganz speziell: „Wir führen unsere Investoren schon an der Hand“, sagt Gunka, „und bemühen uns, unsere Kunden bestmöglich zu beraten und maßgeschneidert auf Bedürfnisse und Wünsche einzugehen.“ Von der rechtlichen und steuerlichen Beratung für das Investitionsvorhaben bis zu Informationen über Kosten einer Monatskarte, Gültigkeit ausländischer Dokumente und Schulplatzsuche.

Unternehmer oder Investoren informieren sich schon im Voraus über Freizeitangebote und Lebensqualität. Wie etwa Mikhail Baranov, Managing-Direktor von TransContainer Europe, der mit seiner Frau und zwei Kindern nach Wien übersiedelt ist, um hier die Niederlassung eines russischen Transportunternehmens aufzubauen. „Ich bin schon fast ein Jahr hier“, erzählt er, „und werde wohl länger bleiben.“ Dass er noch sehr wenig Deutsch spricht, stört ihn schon, aber im Geschäftsleben kommt er auch mit Englisch gut durch. „Für das Deutschlernen brauche ich noch Zeit, nur fehlt mir gerade die momentan.“

„Gebildete Hausfrau“

Nach Österreich zu kommen, hatte er schon länger geplant und vorbereitet. Mittlerweile hat sich der 40-jährige Moskauer in Wien schon gut eingelebt. Er schätzt die gute Infrastruktur, die vielen grünen Flächen und die guten Restaurants. Was ihn allerdings stört ist, dass seine Frau, die Dolmetscherin ist und vier Fremdsprachen beherrscht, darunter Deutsch, in den ersten drei Jahren aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen nicht arbeiten darf. „Sie ist momentan leider nur eine sehr gebildete Hausfrau.“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 25.04.2012)


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